Christian Kracht liest in Zürich

Auf geschützter Bühne

Von Jürg Altwegg
 - 12:23
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Für die Sonntagspresse war es das Großereignis der Woche, zusammen mit dem Super Tuesday und dem neuen iPpad. Das „Imperium“ schlägt zurück. Zur Buchpremiere von Christian Krachts Roman mussten sich die Journalisten akkreditieren und verpflichten, weder Ton- noch Bildaufnahmen zu machen. Das hatten Adolf Muschg und Hugo Loetscher nicht erreicht. Auch nicht Melinda Nadj Abonji, die 2010 immerhin den Deutschen und den Schweizer Buchpreis bekam: Zürich fühlte sich wie zu den Zeiten von Frisch und Dürrenmatt als Hauptstadt der deutschen Literatur. Zum „Mekka des deutschsprachigen Feuilletons“ wurde es von der großen Lokalzeitung „Tages-Anzeiger“ ausgerufen.

Dem literarischen Großereignis war eine Fehde wie einst beim Literaturstreit zwischen Max Frisch und Emil Staiger vorausgegangen. Den Literaturbetrieb hat der Disput in Atem gehalten. 80 000 Exemplare waren nach zwei Wochen verkauft – wann je hat ein Schweizer Schriftsteller aus dem Stand solche Auflagen erreicht? Martin Suter. Doch der ist politisch eindeutig korrekter. Eine rassistische Gesinnung hat ihm jedenfalls noch niemand vorgeworfen – anders als bei Kracht, über den Georg Diez im „Spiegel“ schrieb, sein Roman zeige, „wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet in den Mainstream“. Man könnte das als Kompliment lesen: endlich ein Roman, der Hitler nachvollziehbar macht. Um diese Fragen der Ästhetik und der Barbarei, um „Literatur und Öffentlichkeit“ war es schon damals zwischen Steiger und Frisch gegangen.

Gelegentlich klirrten die Gläser

Stellvertretend für den Verfasser antwortete im „Spiegel“ der Verleger. Auch Schriftstellerkollegen eilten Kracht zu Hilfe. Diez wollte das alles letztlich auch gar nicht mehr so wörtlich und ernsthaft gemeint haben. Kracht aber war so beleidigt oder auch wirklich verstört, dass er in Deutschland nicht mehr lesen wollte. Die Buchpremiere in Berlin wurde abgesagt. An dem Tag, bevor sie in Zürich über die Bühne gehen konnte, machte das Weltblatt der Stadt im Disput viel „heiße Luft um abgestandene Luft“ aus. Vor allem mit dem (deutschen) Literaturbetrieb ging die NZZ ins Gericht. Und gab dann der Betroffenheit doch ein bisschen recht: „Man muss den Alarmismus von Georg Diez nicht teilen, um sein Unbehagen zu verstehen: Christian Kracht ist nicht Chaplin und kein Lubitsch oder Tarantino.“

Also pilgerten auch wir nach Zürich. Kontakte mit den Medien zu dieser Frage hatte Kracht abgelehnt. Auf einen ursprünglich vorgesehenen Moderator wurde verzichtet. Der Ansager freute sich über die „Weltpremiere“. Und schien selbst ein bisschen erstaunt zu sein darüber, dass der Autor tatsächlich gekommen war. Kracht las mit leicht heiserer Stimme, etwas mehr als eine Stunde lang. Es war ihm offensichtlich nicht sehr wohl in seiner Haut. Minutenlang streichelte seine Hand die Tischplatte. Kaum je modulierte er seinen Ton. Das Publikum folgte seiner Geschichte des Aussteigers August Engelhardt, der in den Kolonien als Vegetarier und Sonnenanbeter die Welt verbessern will, mit höflicher Aufmerksamkeit. Gelegentlich klirrten die Gläser. Manchmal gab es ein paar Lacher. Wenn sich Kracht verhaspelte, sagte er „Entschuldigung“. Allenfalls die Zusammenstellung der gelesenen Kapitel kann als indirekte Antwort auf die Angriffe gedeutet werden.

Nur Rauch, kein Feuer

Noch Fragen? Christian Kracht verschwand noch unvermittelter, als er auf der Bühne aufgetaucht war. Außer Programm signierte er dann noch die Bücher. Heile Schweiz: In der Welt herrscht Krieg, in diesem Falle Literaturstreit, und die Schweiz will mit alldem nichts zu tun haben. Sie hat ihren umstrittensten Schriftsteller nach dessen gefährlicher Expedition in die Südsee und in die deutsche Seele von den Anfeindungen abgeschottet. Das ziemlich kleinlaut gewordene „Imperium“ im „Réduit“, jenem Teil der Schweiz, auf den sie sich im Falle eines Angriffs von Hitler zurückgezogen hätte, um ihre geistige Freiheit zu verteidigen – eine geschützte Bühne, auf der Christian Kracht nun las.

Angesichts des vorab gegen ihn erhobenen Vorwurfs war die Veranstaltung von einer Weltfremdheit, wie man sie auch in der Schweiz nur noch selten erlebt. Warum hielt Kracht es nicht für nötig, etwas zu dem Unbehagen, das ihm gegenüber geäußert worden war, zu sagen? Ein Gesundheitsapostel wie sein jüngster Romanheld ist er jedenfalls nicht geworden. Zweimal steckte er sich während seiner Lesung eine Zigarette an. Der Rauch, den er damit produzierte, war der dramaturgische Höhepunkt einer Veranstaltung, die partout nicht mit dem Feuer spielen wollte.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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