Bücher
Erzähler Herbert W. Franke

Die Stimme des Unbekannten

Von Dietmar Dath
© F1online, F.A.Z.

Drei Gebrauchsweisen des Computers greifen heute zusehends ineinander: Man kann damit erstens Wissen in früher undenkbaren Mengen sammeln und verarbeiten (Markenstichwort Google), man kann damit zweitens die Koordination von Angebot und Nachfrage immens beschleunigen (Markenstichwort Amazon), und man kann damit drittens die Menschen dazu bringen, zum Zweck abstrakter Geselligkeit Auskünfte über sich herauszurücken, die es ermöglichen, ihre Regungs-, Bewegungs- und Gemütsmuster zu sortieren (Markenstichwort Facebook). Bald verfügt womöglich irgendein Apparat „über sämtliche Daten“ und kann daher „Wahrscheinlichkeitswerte mit kaum beachtenswerten Fehlerquellen von allem und jedem“ liefern, was Menschen tun könnten, damit ihre Überwacher, Ausbeuter, Unterdrücker umfassend unterrichtet sind. Sollten sich die Ausgeforschten zu stark vermehren, schlägt die Maschine dann eben „eine Erhöhung der kanzerogenen Substanzen im Zigarettenpapier“ vor oder einen halbprozentigen „Zusatz von Methylalkohol bei allen alkoholhaltigen Getränken“, damit die Leute schneller sterben – zahlreiche Nebeneffekte der Maßnahmen werden gleich mitberechnet, etwa „welche Auswirkungen ein gesteigerter Alkoholkonsum auf die Teilnehmerzahlen von religiösen Veranstaltungen haben würde“.

Die zitierte Schilderung des instrumentellen Bevölkerungsmanagements als computerisierte Massentierhaltung stammt aus dem Jahr 1965 und steht im Roman „Der Elfenbeinturm“ von Herbert W. Franke. Man darf diesem Schriftsteller hier zur akkuraten Vorhersage heutiger Angstlandschaften gratulieren, sollte dabei aber nicht vergessen, dass Vorhersagen, richtige wie falsche, exakte wie schlampige, nur zu den Nebenprodukten der von Franke im Deutschen entscheidend mitgeprägten Literaturgattung Science-Fiction gehören – ungefähr so, wie der Raumfahrttechnik die Teflonbeschichtung begegnete, oder wie Kolumbus unerwartet über Amerika stolperte, als er Indien suchte. Science-Fiction ist nicht Futurologie, sondern eine Kunstform, und als solche vermittelt sie, wie alle Kunst, keine Sachverhalte, sondern Haltungen zu diesen. Würde sie nur informieren wollen (wie vergnüglich auch immer), dürfte sie den Lesefluss nie mit sprachlichen Eigentümlichkeiten unterbrechen; Franke aber denkt gar nicht daran, sich da zurückzuhalten – wenn ihm ein Verb einfällt, das naive Lesegewohnheiten befremden muss, schreibt er es hin, falls es künstlerisch passt. So liest man in „Der Elfenbeinturm“ einmal: „Isolierte Masseklumpen pfeilen durch das Vakuum“.

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Am Verb „pfeilen“ stößt sich ein Rechtschreibkontrollprogramm natürlich sofort, Franke aber hält damit den Ton einer Sprachmusik, die schon seine Jugendlektüre beherrscht hat. Damals, vor rund hundert Jahren, hieß Modernität in unseren Breiten unter anderem „Expressionismus“, und zwar in der anspruchsvollen wie in der Unterhaltungsliteratur. Von etwas, das „pfeilt“, hätte man daher einerseits beim avantgardistischen Lyriker August Stramm, andererseits aber auch in der Science-Fiction-Heftserie „Sun Koh, der Erbe von Atlantis“ lesen können.

Wahrheiten, auf die es von selbst nicht kommt

Zum starken Eindruck, den die von Paul Alfred Müller unter dem Pseudonym Lok Myler verfassten „Sun Koh“-Abenteuer, die von 1933 bis 1936 erschienen, auf den heranwachsenden Franke machten, hat sich dieser offen bekannt. Dass der atemlose Pop-Expressionismus dieser Texte, in denen Funker „Wellen ahnen und fischen“ oder Sinne (nicht nur Muskeln!) „gespannt“ werden, auch übles Gepäck der Zeit mit sich schleppte, von imperialistischem Technomilitarismus bis Kolonialwahn, ist Franke dabei nicht entgangen; „modern“ oder „modernistisch“ hieß eben nicht zwangsläufig auch aufgeklärt. Es gab ja nicht nur die nationalsozialistische Ablehnung neuer Kunst und Literatur im Namen forciert traditionalistischer Kunstvorschriften, sondern auch einen expressionistischen Präfaschismus, wie es in Italien einen prä- und später vollfaschistischen Futurismus gab. „Sun Koh“ allerdings war Hitlers Reichsschrifttumskammer nicht geheuer: Man ließ gegen die Hefte wegen „Schmutz und Schund“ ermitteln, griff per Diktat in Inhalte ein, verbot dem Helden seinen schwarzen besten Freund und würgte das Periodikum schließlich ganz ab. Denn wer die Art von Zukunft ersehnte, die da ausgemalt war, ließ sich für „Blut und Boden“ kaum begeistern, und das sollte nicht sein.

Als der in Österreich geborene Herbert W. Franke sich zwanzig Jahre nach dem Ende von „Sun Koh“ 1956 der freiberuflichen Publizistik zuwandte und damit eine Doppelkarriere als Verfasser von einerseits populärwissenschaftlicher, andererseits belletristischer Literatur begann, ging es ihm freilich um mehr als das, was den Nazis an „Sun Koh“ missfallen hatte – um mehr als die bloße spekulative Konstruktion von technischen, sozialen und politischen Szenarien des Künftigen. Franke hatte, bevor er Schriftsteller wurde, Physik, Chemie, Psychologie und Philosophie studiert, 1950 über Elektronenoptik promoviert, an der Technischen Hochschule Wien und in der Werbeabteilung von Siemens gearbeitet. Nach alledem war er umfassend dazu gerüstet, eine vom Nationalsozialismus zerstörte Traditionslinie fortzusetzen, deren Gipfel der beste aller expressionistisch-modernistischen Science-Fiction-Romane markiert, Alfred Döblins Roman „Berge Meere und Giganten“ (1924). Worum es Döblin gegangen war und was nun Franke neu in Angriff nahm, war die Selbstbehauptung literarischer Sprache unterm Beschuss mit wissenschaftlich-technischer Protokollsatzmunition in einer Welt der Effizienz und Rationalität. Diese Selbstbehauptung kämpft wie ein Judoka; sie setzt dem Zungenschlag der Laborgehirne nicht irgendein inspiriertes Gelalle entgegen, sondern arbeitet mit dem Vokabular dieses Zungenschlags selbst, um ihm Wahrheiten zu entlocken, auf die es von selbst nicht kommt.

Dutzende Grenzgänge zwischen Ästhetik und Technik

Eins der schönsten Lehrbeispiele dieser Kampftechnik liefert Franke in seinem raffiniertesten Roman, „Zentrum der Milchstraße“ (1990), wo er ohne jede konventionell sentimentale Einfühlsamkeitsrhetorik das komplexe Seelenporträt einer Figur zeichnet. Die junge Wissenschaftlerin Mona Schnaider wird von einem technokratischen Verhörspezialisten einer „Sonderbefragung“ über den ausgeschiedenen Forscherkollegen Alwin Katz unterzogen. In dürrsten, nur einmal verräterisch stockenden Worten erfahren wir alles darüber, wie diese Frau wirklich zu diesem Mann steht – „Berufliches Ziel?“ „Raumfahrt.“ „Persönliches Ziel?“ „Raumfahrt.“ „Hattest du ein Verhältnis mit Alwin Katz?“ „Nein.“ „Gab es eine persönliche Beziehung zwischen dir und Katz?“ „Nein.“ „Hat Katz ein bestimmtes Raumfahrtprogramm erwähnt?“ „Nein... Ja... Eine Reise zum Mittelpunkt der Milchstraße. Es war ein Scherz.“ „Hast du im letzten Jahr etwas von Alwin Katz gehört?“ „Nein.“ „Dein größter Wunsch, was fällt dir dazu ein?“ „Reise zum Zentrum der Milchstraße“. So erzählt man von Sehnsucht ohne das kleinste Spurenelement von Kitsch.

Herbert W. Franke
© Andreas Hübner, F.A.Z.

Franke kann das, weil er den Unterschied zwischen Empfinden und Erklären besser kennt als die Konkurrenz von der Kitschfraktion, was freilich nicht heißt, dass er nicht auch sehr gut erklären könnte, was ihm erklärungsbedürftig und -würdig scheint. Sein Entwurf einer naturwissenschaftlich-kybernetisch unterrichteten Ästhetik „Phänomen Kunst“ (1967) ist ebenso konzis und elegant wie seine bis heute in ihrer multiperspektivischen Materialdurchleuchtung unerreichte Tiefenmeditation über die Veränderung unserer Welterschließung unter Computereinfluss „Das P-Prinzip. Naturgesetze im rechnenden Raum“ (1995).

Alles, was man erklären kann, lässt sich indes auch immer in die Weltwandelverfahren der Kunst einspeisen, so dass Franke zum Beispiel an Computern eben nicht nur das interessiert, was sie uns wissen lassen, sondern auch Computergraphik und Computermusik. Dutzende Grenzgänge zwischen Ästhetik und Technik hat er ausprobiert und davon für seine Literatur stets Neues gelernt; man muss sich seinen Geist wohl als Membran zwischen Verstehen und Staunen vorstellen.

Zwischen Erklären und Verstehen, Befremden und Erstaunen

Jahrzehnte bevor jemand die Arbeiten von Autoren wie Rudy Rucker oder Eliot Fintushel als „Math Fiction“ auf den Begriff brachte, ließ Franke bereits eine Gleichung (nämlich Einsteins Formel für die relativistische Zeitkontraktion) als Heldin einer Kurzgeschichte namens „Die Rakete“ auftreten, im vollen Glanz ihrer Nüchternheit. Bilder des überhaupt nicht Nüchternen, sondern knisternd Grotesken, kann er, wenn er sie benötigt, natürlich ebenso leicht erfinden: „Vorige Woche hatten sie uns einen synthetischen Pudel hereingeschickt. Ich merkte es erst gestern, als ich ihn scheren wollte – die Haare waren aus einer glasharten, aber geschmeidigen Kunstfaser“, heißt es in der Vignette „Weiße Pupillen“ aus dem Bändchen „Der grüne Komet“ (1960).

Zwischen Erklären und Verstehen einerseits, Befremden und Erstaunen andererseits hat die Menschheit bekanntlich mehrere Verfahren entwickelt, sich mit der Welt auf das zu verständigen, was man von ebendieser Welt glauben und über sie wissen kann. Die ältesten sind religiös: Offenbarung und Meditation, überwältigende Gnosis und selbstüberwindende Selbstversenkung. Die zweitältesten sind philosophisch, vom sokratischen Fragespiel bis zu den ersten Atomisten. Die jüngsten (und bei der Neugestaltung nicht nur unseres Wissens, sondern der Verhältnisse auf der Welt überhaupt im Guten wie im Bösen erfolgreichsten) sind die modernen Naturwissenschaften, deren dreifaltiges Wesen in „Zentrum der Milchstraße“ im Rahmen einer Erörterung rationaler Theologie klar benannt wird: „Die Theorie, das Experiment und die Simulation.“

Eine Stimme, die „Erzählen“ heißt

Der Irrtum all derjenigen, die annehmen, Herbert W. Franke sei stets nur damit befasst gewesen, die auf diesen drei Wegen gewonnenen Einsichten unterhaltsam zu vermitteln, besteht darin, dass sie seine Wissbegierde unterschätzten. Wie alle wichtigen Science-Fiction-Schaffenden weiß er, dass das Erzählen keine Erkenntnisvermittlungs-, sondern eine über Haltungerkundung vermittelte Erkenntniserzeugungsweise ist. Sie birgt das ungeheure Potential, andere solcher Produktionsarten von Wissen auf vielfältige, nicht vorhersehbare Art zu verbinden, von der simulativen Modellbildung über die ruhige Meditation bis zum spielerischen Kalkül. In Frankes Spätwerk „Flucht zum Mars“ (2007) steht ein sinnreiches Bild für die Wechselwirkung von Erkenntnisgegenstand und Erkenntnisweise in der Kunst, nämlich die Verschmelzung von Sternenreisenden mit ihrem Raumschiff: Sie „rochen die Veränderung der Luft, die mit neurochemisch wirkenden Mitteln durchsetzt war“ (wie mit dem Rauschmittel Sprache), und dann meldet sich eine „sonore Stimme“, um sie in ihrem Zustand „zwischen Wachen und Träumen“ nicht allein zu lassen, sondern in eine „veränderte Existenzform“ hinüberzugeleiten.

Diese Stimme heißt „Erzählen“. Über den großen Erzähler Herbert W. Franke, der an diesem Sonntag sein neuntes Lebensjahrzehnt vollendet, kann man nichts Wahrhaftigeres sagen als die Worte, mit denen der Sun-Koh-Roman „Die Tarnkappe“ endet: „Er war eben ein Wundermann und stand mit der verhexten Wissenschaft auf gutem Fuß.“

Quelle: F.A.Z.
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