New Journalism

Schriftsteller Tom Wolfe ist gestorben

 - 17:20

Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Tom Wolfe ist tot. Er starb am Montag im Alter von 87 Jahren. Zusammen mit Truman Capote, Norman Mailer, Hunter S. Thompson und Gay Talese galt Wolfe als Gründer des „New Journalism“, einer Kombination von reportagehaften, nicht fiktionalen Texten mit literarischen Elementen.

Wolfe verkaufte millionenfach Bücher, die erfolgreich als Filme adaptiert wurden und doch auch immer wieder scharfe Kritik auf sich zogen: „Massenunterhaltung“ sahen Norman Mailer und John Updike in seinen Werken, John Irving lästerte über die „Geschwätzigkeit“ seines Kollegen.

Amerikas größter Satz-für-Satz-Angeber

An seinem Status als „erster Pop-Journalist“ („Guardian“) und Miterfinder des New Journalism wurde nicht indes nie gerüttelt. Wolfe galt als Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, der für jedes Jahrzehnt das passende literarische Sittengemälde lieferte, aber auch als eitler Selbstdarsteller, als „Amerikas größter Satz-für-Satz-Angeber“ („Guardian“), der genüsslich die Schwächen anderer Menschen beschrieb.

Geboren wurde Wolfe am 2, März 1931 in Richmond, Virginia in eine reiche Professoren- und Plantagenbesitzer-Familie. Er studierte in Yale und promovierte 1956 mit der Arbeit „The League of American Writers: Communist Organizational Activity Among American Writers,1929-1942“. Eine akademische Karriere strebte Wolfe nicht an, er bewarb sich stattdessen als Journalist. „Ich habe mehr als hundert Bewerbungen an Zeitungen geschrieben“, erzählte er einst der „Paris Review“. „Drei Antworten habe ich bekommen. Zwei Absagen.“

Die „Springfield Union“ in Massachusetts stellte ihn 1956 an. Er avancierte vom Lokalreporter zum Lateinamerika-Korrespondenten. Von 1959 bis 1962 arbeitete er bei der „Washington Post“ und wurde mit Preisen für seine journalistische Arbeit bedacht. 1962 zog er nach New York und legte sich als Starreporter der „New York Herald Tribune“ pointiert mit den oberen Zehntausend an. Von 1963 an schrieb er Beiträge für das „Esquire Magazine“. 1966-1967 war Wolfe für die „New York Journal Tribune“ und 1968-1976 für das „New York Magazine“ tätig, dessen Mitherausgeber er war.

Schon 1965 sorgte Wolfe mit seiner ersten Ausgabe seiner Reportagen, in denen er Fakten mit literarischer Fiktion verwob, für Furore. „The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby“ lautete der Titel. Es ging um den Rennfahrer Junior Johnson, die Liebe am Sonntag, den König der Discjockeys oder die „Mafia“ der Kinderfrauen. Damit legte Wolfe einen Grundstein für den New Journalism.

In New York nannte man Wolfe auch „Mr. Zeitgeist“ - ein Mann auf der Spur der Themen von morgen. Er spürte Amerikas Jugendbewegung der sechziger Jahre auf und erkannte in den siebziger Jahren die „Me Decade“, das „Ich-Jahrzehnt“, wie er es nannte.1970 veröffentlichte er im „New York Magazine“ seine berühmt gewordene Reportage „Radical Chic“ über ein Fund-Raising-Dinner, das Leonard Bernstein zugunsten der „Black Panthers“ in seiner Wohnung gab. Die Bloßstellung reicher weißer Künstler und „Socialites“ und deren bloß modischer Unterstützung radikaler Bewegungen war vernichtend. Ein weiterer Bestseller wurde die romanähnliche, 1983 durch Philip Kaufman verfilmte Reportage „The Right Stuff“ (1979), in der Wolfe den Raumfahrtmythos demontierte und die inneren Konflikte der Testpiloten und Astronauten darlegte.

„Fegefeuer der Eitelkeiten“, das 1987 erschienene Werk über die Geldgier von Wall-Street-Bankern und Kredithaien, kam zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Rolling Stone“ heraus, wurde dann als Roman ein Welterfolg und mit Tom Hanks, Melanie Griffith und Bruce Willis verfilmt. Später hatte Wolfe mit „Ein ganzer Kerl“ (A Man in Full, 1998) und „Ich bin Charlotte Simmons“ (2004), mit zahlreichen Reportagen und Essays Erfolg. Lob und heftiger Widerspruch begleiteten ihn bei seiner Arbeit weiterhin.

Wolfe zog sich in den vergangenen Jahren zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Streitlustig meldete er sich dennoch gelegentlich zu Wort: 2016 griff er in „Das Königreich der Sprache“ Charles Darwins Evolutionstheorie und den Literaturwissenschaftler Noam Chomsky an. 2012 legte er sich in „Back to Blood“ mit den Eliten der Sonnen-Metropole Miami an.

Die Selbstzweifel seien ihn stets geblieben, sagte der zweifache Vater Wolfe, der mit seiner Frau im 14. Stock eines eleganten Appartementhauses direkt am Central Park wohnte. „Man geht jeden Abend ins Bett und denkt, dass man die brillantesten Seiten aller Zeiten geschrieben hat, und am nächsten Tag merkst du, dass es nur Gefasel ist. Manchmal auch erst sechs Monate später. Das ist eine konstante Gefahr.“ Trotzdem sei ihm die Lust an seinem Job nie vergangen, sagte er einmal in einem Interview. „Der größte Spaß am Schreiben ist das Entdecken.“

Quelle: FAZ.NET mit Munzinger/dpa
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenTom Wolfe