Asli Erdogan im Interview

Frauen halfen mir zu überleben

Von Karen Krüger
 - 11:44
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Wie geht es Ihnen, Frau Erdogan?

Schwer zu sagen. Ich bin aus dem Gefängnis raus, wurde aber noch nicht freigesprochen.

Die türkische Justiz behauptet, Sie hätten eine Terrororganisation gegründet und seien Mitglied einer Terrororganisation. Im März wird der Prozess fortgesetzt, was erwarten Sie?

Vom rechtlichen Standpunkt aus müsste ich freigesprochen werden, und der Staat müsste mir eine Entschädigung zahlen. Ich saß schließlich unschuldig im Gefängnis. Aber wir reden hier über die Türkei, und dies ist ein politischer Prozess. Es ist also gut möglich, dass ich verurteilt werde. Diese Tendenz bei politischen Prozessen ist hier gerade feststellbar. Ich glaube jedoch nicht, dass meine Haftstrafe sehr hoch ausfallen wird.

Hatten Sie damit gerechnet, festgenommen zu werden?

Überhaupt nicht. Als die Polizei in meiner Wohnungstür stand, war das ein Schock. Es waren Spezialkräfte mit Maschinengewehren. Ich dachte, das ist eine TV-Show, so was wie versteckte Kamera. Die Polizisten selbst wirkten überrascht – unter einer Terroristin hatten sie sich wohl was anderes vorgestellt. Ich fragte, ob vielleicht ein Missverständnis vorliege. Erst als ich in die Augen des Haftrichters blickte, verstand ich, dass es ernst ist und er mich ins Gefängnis stecken wird.

Sie haben für die prokurdische Zeitung „Özgür Gündem“, die mittlerweile geschlossen wurde, gelegentlich Kolumnen verfasst. Ist die Regierung deshalb so wütend auf Sie?

Ich habe keine Ahnung. Ich gehöre keiner kurdischen Partei an und bin nicht politisch aktiv. Vielleicht hat sich die Regierung über meine Texte geärgert. Ich gehörte ja auch dem beratenden Gremium der Zeitung an, was aber eher symbolischen Charakter hatte und nicht mit rechtlichen Befugnissen verbunden war. „Özgür Gündem“ ist schon oft verdächtigt worden, PKK-Propaganda zu betreiben. Aber ich wurde niemals in die Verfahren hineingezogen, da die Regierung genau weiß, dass ich nichts mit Terroristen zu schaffen habe. Ich bin weder Kurdin, noch bin ich eine bedeutende Journalistin. Vielleicht musste ich ja sogar deshalb ins Gefängnis: Ich bin Schriftstellerin, und kein Mensch in der Türkei nimmt mich politisch ernst. Die Botschaft der Regierung würde dann lauten: Es kann jeden Intellektuellen treffen, sogar eine der berühmtesten türkischen Autorinnen. Vielleicht war meine Verhaftung aber auch nur ein blöder Zufall. Auf jeden Fall lag ihr keine rationale Entscheidung zugrunde.

Erträgt die türkische Regierung keine starken Frauen?

Ich bin gar nicht so stark. Weder physisch noch psychologisch. Ich bin keine Kämpferin. Aber sicherlich spielt die Tatsache, dass ich eine Frau bin, eine Rolle. Die Situation von Frauen hat sich in der Türkei rapide verschlechtert.

Sie haben sich immer für Frauenrechte eingesetzt.

Aber ich habe meine Stimme auch für Kurden, Aleviten, Armenier, Gefangene und Flüchtlinge erhoben. Ich habe jede Form von Menschenrechtsverletzung angeprangert. Das ist nicht illegal. Keiner meiner Artikel war zuvor Gegenstand einer juristischen Auseinandersetzung. „Özgür Gündem“ erschien mit Erlaubnis des Innenministeriums und zahlte Steuern. In den Jahren, die ich dort arbeite, habe ich mich meistens ohnehin im Ausland aufgehalten.

Trotzdem wirft die Regierung Ihnen und anderen Beratern der Zeitung vor, Terroristen zu sein. Sie werden nach Artikel 302 angeklagt, er ist der schwerstwiegende des türkischen Gesetzbuches und steht immer im Zusammmenhang mit Gewalttaten.

Drei der sechs Berater sind älter als siebzig. Eine ist Schriftstellerin, die andere Verlegerin, eine Linguistin. Also bitte, das ist doch kafkaesk! Festgenommen zu werden ist ja noch okay, mittlerweile werden in der Türkei ja dauernd Journalisten verhaftet. Aber mich nach Artikel 302 anzuklagen ist skandalös.

Jeder, der Ihre Romane kennt, weiß, dass Sie Gewalt verabscheuen.

Ich habe mich immer geweigert, eine Waffe in die Hand zu nehmen, und es verurteilt, wenn Menschen zu Gewalt gezwungen oder aufgerufen werden. Ich esse nicht einmal getötete Tiere, ich bin Vegetarierin. Und nun soll ich eine Terroristin sein? Es ist lächerlich.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Haben Sie das Gefängnis überhaupt schon mental verlassen?

Es ist nicht leicht. Das Gefängnis zu verlassen ist schwieriger, als ins Gefängnis zu kommen. Draußen zu sein ist ein Schock, die Welt ist auf einmal zu groß. In der Haft entwickelt man sich zurück, wird wieder zum Kind. Denn man hat weder Rechte noch Verantwortung. Ich habe vergessen, wie man einen Bus nimmt, und konnte mich lange nicht an meine Handynummer erinnern. Einen Anruf zu beantworten fällt mir sehr schwer. In der Haft durften wir alle zwei Wochen ein Telefonat von zehn Minuten tätigen. Wieder fünf Anrufe in einer Stunde zu führen, muss ich erst lernen. Zudem vermisse ich die Frauen aus dem Gefängnis. Einige von ihnen wurden meine Freundinnen. Ich habe ja viereinhalb Monate mit ihnen verbracht.

Sie waren nicht allein in einer Zelle?

Im Frauengefängnis von Bakirköy gibt es drei Abteilungen für politische Gefangene. In jeder sind 23 Frauen untergebracht, mit denen man den ganzen Tag verbringt. Die Frauen haben mir sehr geholfen. Anfangs war ich psychisch und physisch völlig am Ende. Sie brachten mich dazu, mich nicht der Depression hinzugeben, sondern jeden Morgen aufzustehen, Sport zu treiben, ein Leben zu führen. Ich war zerbrochen, sie fügten mich wieder zusammen.

Was für Frauen waren das?

Mit mir in der Abteilung war die 70-jährige Necmiye Alpay, die ebenfalls Beraterin von „Özgür Gündem“ war, außerdem eine arabische Alevitin und eine geflüchtete Syrerin. Necmiye und ich waren die beiden ältesten. Die übrigen Frauen waren alle Kurdinnen, denen man wie mir vorwirft, PKK-Anhängerin zu sein. Etwa die Hälfte dieser Frauen sind tatsächlich Mitglieder der PKK. Meine Abteilung war also die PKK-Abteilung. Man erkennt die PKK-Frauen sofort: Sie sind sehr trainiert; sie stehen anders, sprechen anders. Aber sie bekennen sich auch ganz offen dazu. Einige der Frauen brachten mir etwas Kurdisch bei. Aber auch in der Arrestzelle der Polizeiwache, wo ich mich zunächst wiederfand, waren nur Kurden. Ich war überrascht, dass auch die meisten der Polizisten, mit denen ich zu tun hatte, Kurden waren.

Kurdische Polizisten, die Kurden verhaften? Das ist eher neu für die Türkei.

Ja, ist das nicht traurig? Wohin treibt dieses Land bloß? Die kurdischen Polizisten, mit denen ich sprach, sind eigentlich Lehrer, hatten aber keine Anstellung gefunden. Also akzeptierten sie, vorübergehend als Polizisten zu arbeiten. Nach dem Putschversuch wurden Tausende Polizisten verhaftet, man brauchte schnell neue Rekruten. Auch die Justiz ist voll mit Neulingen, denn 2500 Richter und Staatsanwälte sind ihres Amtes enthoben worden. Die meisten der neuen Richter sind nicht älter als Mitte zwanzig. Es fehlt ihnen an beruflicher Erfahrung und an Persönlichkeit. Sie lassen sich leicht einschüchtern. Deshalb ist es gerade eine sehr gefährliche Zeit, um in der Türkei vor Gericht gestellt zu werden. Das Gleiche gilt für die Polizisten. Es sind junge Kerle ohne Erfahrung. Angesichts der herrschenden Willkür müssen sie selbst jederzeit damit rechnen, festgenommen zu werden. Alles in der Türkei kollabiert.

Konnten Sie im Gefängnis die Nachrichten verfolgen?

Es gab in unserer Abteilung einen Fernseher, den die Frauen selbst gekauft hatten. Und ich konnte Zeitungen kaufen.

Jede Zeitung?

Jede, die legal ist. Es gab sogar eine kurdische Zeitung. Wegen einer kurdischen Zeitung wurde ich hinter Gitter gebracht, und dann kann ich dort eine solche kaufen. Ich hätte heulen können, als ich das sah.

Was war der schlimmste Moment?

Die ersten fünf Tage waren sehr schlimm. Ich war in einer sehr schmutzigen Zelle und bekam 24 Stunden lang kein Trinkwasser. Ich flehte den Wachmann an, mir Wasser zu bringen. Aber er zeigte nur auf den Wasserhahn. Um Wasser zu betteln und Ablehnung zu erfahren – tiefer konnte ich nicht sinken.

Sie leiden unter chronischen Krankheiten. Hatten Sie die Möglichkeit, einen Arzt zu sehen?

Ich wurde einige Male in diesem schrecklichen Gefängnistransporter und in Handschellen in ein Krankenhaus gebracht. Aber ich sah dort nie einen Arzt. Irgendwann habe ich gesagt, dass es mir reicht und dass ich diese Fahrten nicht mehr mitmachen werde. Sie waren schlimmer als Krankheit.

Konnten Sie im Gefängnis schreiben?

So gut wie nicht. Ich war nicht in der Lage, mich zu konzentrieren. Es gibt im Gefängnis keine Privatsphäre, keine Farben und keine Musik. Es gibt nichts Schönes. Man möchte dort keine Literatur verfassen. Auch Bäume oder Pflanzen gibt es nicht.

Was macht man an einem solchen Ort, um nicht die Hoffnung zu verlieren?

Die Frauen haben heimlich Pflanzensamen gezogen. Da es im Gefängnis auch keine Erde gibt, stellten sie diese aus Teeblättern und Eierschalen her. So brachten sie einen Samen zum Keimen und es wurde ein zartes Pflänzchen daraus. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass die Pflanze der kleine Prinz unserer Abteilung war. Sie wurde jeden Tag in den Hof getragen, damit sie frische Luft bekommt und Regenwasser kosten kann. Bei den Zellendurchsuchungen, die alle zwei Wochen stattfanden, wurde sie immer sorgfältig versteckt. Doch bei der zweiten oder dritten Durchsuchung entdeckten die Wärter die Pflanze und nahmen sie mit. Das war eine sehr bittere Szene. Die Frauen weinten. Auch ich habe geweint. Danach begann alles wieder von vorn, denn die Frauen zogen eine neue Pflanze heran. Die Pflanze war ein sehr wichtiges Symbol des Lebens für sie. Auch für mich. Wir alle sehnten uns danach, ein Blatt zu berühren.

Wie sah Ihr Gefängnisalltag aus?

Jeden Morgen um acht gab es eine harsche Lautsprecherdurchsage: „Aufstehen, Frauen!“ Das wurde wiederholt und wiederholt. Natürlich möchte keine Frau dieser Welt so geweckt werden. In unserer Abteilung gab es deshalb immer eine Frau, die immer schon um sieben Uhr aufstand, den Frühstückstisch deckte und frischen Tee zubereitete. Um kurz vor acht, also kurz bevor die Gefängnisdurchsage kam, rief sie immer auf Kurdisch: „Freunde, der Tee ist fertig“ und weckte uns damit. So vermieden wir es, durch den Lautsprecher aus dem Schlaf gerissen zu werden. Trotzdem ist einem das Herz sehr schwer, wenn man im Gefängnis aufwacht. Wir tranken unseren Tee, danach machten die Wärter ihre Runde, was ebenfalls immer grässlich war. Danach, um 9.30Uhr, setzten die politischen Gefangenen sich zusammen, um gemeinsam zu lesen und über Politik und Philosophie zu diskutieren. Diese zweieinhalb Stunden waren für mich immer Momente der Stille. Um 12 Uhr gab es Mittagessen, um 14 Uhr war eine Stunde Ruhezeit, um 16 Uhr gab es abermals Tee, und um 17 Uhr durften wir das letzte Mal raus, um in dem winzigen Hof einen Spaziergang zu machen. Um 17.30 Uhr wurde der Hof geschlossen. Dann begann die Nacht. Jede Nacht im Gefängnis ist sehr lang. Ich schaute meistens noch fern oder las. Um Mitternacht gingen dann alle ins Bett. Es ist also alles sehr durchorganisiert. Ich selbst bin ja ein sehr undisziplinierter Mensch. Im Gefängnis begann ich, regelmäßig zu essen und Schlaf zu suchen. Aber ich hatte jede Nacht Albträume, in denen es immer um das Gefängnis und um Polizisten ging. Die Realität ist leichter zu ertragen als ein Traum. Einmal habe ich mich so sehr im Schlaf gewehrt, dass ich aus dem Bett fiel und mich fast verletzt hätte.

Wovor hatten Sie Angst?

Ich hatte furchtbare Angst, niemals wieder frei zu kommen.

Sie hatten keine Ahnung, wie lange Sie im Gefängnis bleiben müssen?

Wenn ich von Anfang an gewusst hätte, dass es viereinhalb Monate sein werden, wäre es leichter gewesen. Aber ich wusste nicht, ob ich drei Monate bleiben muss oder zwanzig Jahre und ob ich das Gefängnis überhaupt lebend verlassen werde. Das war das Schrecklichste an dem Ganzen. Das Gefängnis ist ein großes Trauma. Man kann die Auswirkung nicht in Tagen messen. Dort zu sein, festgehalten zu werden ist eine Wende. Man kommt nicht darüber hinweg.

Die Zeit verliert ihre Dimension?

Man ist außerhalb des Lebens und außerhalb der Zeit. Man möchte weg, darf aber nicht. Man ist weder tot noch lebendig. Man kann nicht einmal sterben, da sie das nicht zulassen.

Sie haben darüber nachgedacht, zu sterben?

Ja, sehr oft. Ich sagte den Frauen, dass ich über Selbstmord nachdenke. Sie sagten: Asli, so etwas darfst du niemals denken. Ich entgegnete, dass ich philosophisch gesehen aber das Recht hätte, mich umzubringen. Drei Tage vor meiner Freilassung entschuldigte ich mich dafür. Ich sagte: „Ich habe gesehen, wie viel Mühe ihr euch gebt, eine einzige Pflanze groß werden zu lassen. Und ich war so verwöhnt, darüber zu sprechen, mich umbringen zu wollen. Ich lernte von euch, was Leben bedeutet.“ Das war ein sehr wichtiger Moment für uns alle.

Die Regierung möchte eine der wichtigsten türkischen Schriftstellerinnen des Landes zerbrechen, und kurdische Frauen retten sie.

Ja, es war die PKK-Abteilung, die die türkische Schriftstellerin ins Leben zurückholte. Das ist sehr ironisch. Was ist die Türkei doch für ein seltsames Land.

Hatten Sie Zeit, sich von den Frauen zu verabschieden?

Nach der Verhandlung im Gericht blieben nur wenige Minuten. Die Wärter waren die ganze Zeit über bei mir. Ich musste Papiere unterschreiben, meine Sachen zusammensuchen. Die Frauen bildeten einen Kreis um mich, und ich umarmte jede von ihnen. Ich weinte die ganze Zeit. Und dann trillerten die Frauen ganz laut und riefen: „Jin, jiyan, azadi!“ Das ist Kurdisch und bedeutet: Leben, Frau, Freiheit! Ich winkte noch einmal, und schon schloss sich das Gefängnistor hinter mir. Und dann: Regen, Nacht, Journalisten, Fernsehkameras. Es ist seltsam.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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