F.A.Z. Woche

Liebe und Sex? Überbewertet!

Von Livia Gerster
 - 12:58

Sie widerspricht Tolstoi: Alle glücklichen Familien glichen zwar einander, aber eines konnte die Psychologin Heidi Kastner in den vielen Jahren ihrer Arbeit beobachten: Auch jede unglückliche Familie, jedenfalls jedes unglückliche Paar, sei auf ähnliche Weise unglücklich. "Wir haben uns auseinandergelebt", heißt es oft. Die Freunde setzen dann ein bekümmert-wissendes Lächeln auf und nicken verständnisvoll. Ja, so ist das nun einmal, Liebe vergeht - und gibt es da draußen nicht unzählige Menschen, mit denen man vielleicht besser zusammenpasst, mit denen man endlich das wahre Glück findet?

Blödsinn, findet Heidi Kastner. Die Gerichtspsychiaterin und Chefärztin der Landesnervenklinik in Linz hat viele Beziehungen zerbrechen, Rosenkriege vollends eskalieren und Väter und Mütter zu Mördern werden sehen. Bekannt wurde sie als Gutachterin im Fall Joseph Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang gefangen gehalten und missbraucht hat. Aus ihren Einblicken in menschliche Abgründe leitet Heidi Kastner in ihrem Buch "Tatort Trennung. Ein Psychogramm" (Kremayr & Scheriau, 22 Euro) eine überraschende und zugleich radikale Erkenntnis ab: Paare sollten sich so selten wie möglich trennen.

Doch etwa vierzig Prozent der verheirateten Paare in Deutschland und Österreich, der Heimat der Autorin, tun es. Heidi Kastner hat sich über dieses notorisch als Grund für das Beziehungsende genannte "Auseinanderleben" gewundert. Sobald sie Menschen nach der Bedeutung dieser Aussage fragte, kam oft - nichts. Oder sie nannten Banalitäten wie Haare im Waschbecken oder schmutzige Socken im Bad. Aber machen solche Kleinigkeiten Paare wirklich so unglücklich, dass ihnen eine Trennung als die bessere Alternative erscheint? Und wie lässt sich das Unglück vermeiden? Heidi Kastners Antwort überrascht wenig: Viel harte Arbeit an sich selbst sei die Voraussetzung für jede funktionierende Beziehung. Und: Die romantische Liebe und Sex würden völlig überbewertet.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche:

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Haben es die Großeltern also richtig gemacht? Geheiratet, weil es die Eltern für eine gute Idee hielten; zusammengeblieben, weil man es so von ihnen erwartet hat? Nein, nicht unbedingt. Natürlich gibt es gute Gründe für Trennungen - wenn der andere einen in seiner Würde verletzt, nicht akzeptiert, nicht respektiert. Die entscheidende Frage für eine Trennung, sagt Kastner, sollte aber nicht sein: Finde ich noch einen Besseren? Sondern: Bin ich allein zufriedener? Ihre Prognose: Wahrscheinlich folgt kein besserer Partner. Der Frust über die enttäuschten Erwartungen, vom allgegenwärtigen Liebeskitsch angefeuert, stelle sich wahrscheinlich in der nächsten Beziehung abermals ein. Eingebrockt habe uns dieses fatale Ideal, Liebe, Sexualität und Ehe gleichermaßen erfüllt zu leben, das aufstrebende Bürgertum im achtzehnten Jahrhundert, sagt Heidi Kastner. Kein mittelalterlicher Mensch, so die Psychologin, hätte diese Fülle von Unvernunft und Lebensverachtung verstehen können. Auch sie scheint darüber den Kopf zu schütteln.

Man kann Heidi Kastners Buch als Kampfansage an die romantische Liebe lesen oder als Kritik an einer Gesellschaft voller Egomanen, deren Drang nach Selbstverwirklichung und individuellem Glück wenig Kompromisse zulässt. Worum es ihr aber vor allem geht, ist Schadensminimierung. Der Verlust einer emotionalen Bindung, sagt Kastner, sei das belastendste Ereignis im Leben eines Menschen. Für Kastner ist daher jede Trennung ein Tatort. Hier werden Menschen in Verzweiflung gestürzt, in Verbitterung getrieben und in ihrer Selbstdefinition erschüttert. Ein Tatort, den es zu vermeiden gilt.

Nur wie soll das funktionieren? Heidi Kastner bietet eine Vielzahl von Beispielen dafür, wie es nicht geht. So etwa: "Eine Frau erinnert sich, dass sie nach jahrelanger innerer Ambivalenz ihren Mann in einem Hotelfitnessraum an den Turngeräten betrachtet und plötzlich denkt: ,Der bewegt sich wie ein Affe.' Nach der Rückkehr aus dem Urlaub eröffnet sie ihm, dass sie die Beziehung beenden will." Oder: "Ein Mann geht mit seiner langjährigen Freundin ins Restaurant und erlebt zum hundertsten Mal, dass sie sich nicht für eine Bestellung entscheiden kann und gefühlte Stunden mit dem Kellner über Vor- und Nachteile der diversen Gerichte debattiert. Plötzlich denkt er sich, dass er diese Zögerlichkeit und irrwitzige Dramatisierung banaler Dinge keine Minute länger erträgt. Eine Woche später zieht er aus."

Es sind vor allem diese Szenen des alltäglichen Beziehungselends und weniger jene Fälle von Stalkern, Gewalttätern und Mördern, die das Buch lesenswert machen. Und es sind die unverblümten Urteile, die Heidi Kastner etwa über Paartherapien fällt: "Pompöse Begräbnisse", Sitzungen, die nur dazu dienten, die ohnehin gefallene Entscheidung einem unabhängigen Schiedsrichter aufzubürden. Wer einen Affen auf dem Crosstrainer sieht, hat sich längst entschieden. Auch vom Reden hält Heidi Kastner nicht sonderlich viel. Sie rät, nicht jede Meinungsverschiedenheit auszutragen, sondern die Uneinigkeit auch einfach einmal zu ertragen. "Der wahre Kitt haltbarer Beziehungen" liege in Freundschaft. Idealerweise würden die unvermeidbaren Spannungen mit "Respekt, Humor, Großzügigkeit und fassbarer Zuneigung gelöst." Aber eben auch nur idealerweise.

Das alles sind freilich keine neuen Erkenntnisse. "In ungezählten Mühen wächst das Schöne", wusste schon Euripides. Dennoch wirkt Heidi Kastners Vorschlag in Zeiten des "Wisch und weg" von Dating-Apps wie Tinder, in denen Verbindlichkeit als spießig verpönt und die monogame Ehe als überholt belächelt wird, mutig. Ihr Plädoyer für Verbindlichkeit dürfte eine Zumutung nicht nur für Menschen sein, für die "Ghosting" der beste Weg aus den einschränkenden Verpflichtungen einer Beziehung ist. Ghosting heißt, man verschwindet aus dem Leben des eben noch intimen Partners wie ein Geist, wechselt die Telefonnummer, vielleicht sogar die Adresse, ohne eine Erklärung.

Mutig, ja - aber auch ein wenig altmodisch. Eine Dreiecksbeziehung, in der nach Heidi Kastner typischerweise der Mann zwischen Ehefrau und Geliebter steht, beschreibt sie etwa so: "Man behält sich den Kuchen dort, wo er gebacken wird und wo die Küche heimelig duftet (zu Hause), kostet aber auch gelegentlich andernorts die angebotene Ware." Die Geschlechterrollen, die Heidi Kastner - bewaffnet mit allerlei Studien - zeichnet, wirken manchmal allzu pauschal: So reagieren Männer etwa auf sexuelle Untreue eifersüchtig, Frauen auf die emotionale. Männer erholen sich schneller vom Verlassenwerden, Frauen grübeln monatelang. Männer sind konsequenter im "kalten Entzug" nach einer Trennung, Frauen geben dem Wunsch des Verlassenen nach klärenden Gesprächen eher nach.

Doch ihr Buch ist eben keine soziologische Abhandlung, sondern die Sammlung unzähliger Beobachtungen und Gedanken aus einer jahrzentelangen Arbeit als Psychologin und Gutachterin. Es lohnt sich durchaus, den ein oder anderen Ratschlag zu überdenken. Man muss sich deshalb ja nicht gleich von der Romantik verabschieden.

Quelle: F.A.Z. Woche
Autorenbild/ Livia Gerster
Livia Gerster
Redakteurin im Ressort Politik der F.A.Z.
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