Geoff Dyer im Gespräch

Ist Schreiben wie Jazz, Mr. Dyer?

Von Jan Wiele
 - 17:24

Vor knapp 25 Jahren haben Sie ein sehr gutes Buch über Jazz geschrieben – eine halbfiktionale Annäherung an einige seiner großen Musiker, gleichzeitig ein Essay. Darin gibt es eine Passage, in der Jazz und Literaturkritik verglichen werden, und es heißt, dass beim Jazz jede neue Aufführung eines Stückes auch die Kritik der bisherigen Aufführungen enthält. Wenn man das auf Ihr Schreiben überträgt, könnte man fragen: Ist Jazz ein Synonym für Metafiktion?

Nein, Jazz ist einfach Jazz. „Metafiktion“ gehört nicht zu meinem Vokabular.

Aber Ihre Bücher sind oft Hybride aus Reportage und Fiktion, Reisegeschichten, Bildinterpretationen und anderer Kulturkritik. Halten Sie Literatur dann vielleicht per se für selbstreflexiv?

Mit George Steiner, von dessen Überlegungen ich in dem Jazz-Buch ausging, könnte man sagen: Jede Kunsttradition mündet in ein Programm des „enacted criticism“, also in eine Inszenierung von Kritik. George Eliot hatte sich nicht vorgenommen, Metafiktion zu schreiben, sondern ihr Roman „Middlemarch“ entstand aus der Verarbeitung von Jane Austen. Und Tolstoi war sich Flauberts bewusst, als er „Anna Karenina“ schrieb. So entwickeln sich einfach die Kunstformen.

Wäre das mit Bob Dylan innerhalb der Folk-Tradition ähnlich?

Dylan ist ein wirklich außergewöhnlicher Fall. Es ist erstaunlich, wie früh er in seinem Werk bereits so ganz verschiedene Elemente aus der Tiefe der Tradition „aufgesaugt“ und verarbeitet hat.

Bei Ihnen gibt es fiktionales Erzählen, aber auch eine Reportage über einen Flugzeugträger oder Betrachtungen über die Fotokunst John Bergers. Und Bücher, die romanhafte und essayistische Züge haben. Das nun auf Deutsch erscheinende „White Sands“ ist wieder so eines. Werden Sie je wieder einen „einfachen Roman“ schreiben?

Ich halte mich selbst für begrenzt, was das Erfinden von Fiktionen angeht: Meine Romane handeln meistens von einer Gruppe von Freunden, und es gibt eine Liebesgeschichte – erst in Brixton, dann in Paris, später in Venedig und Varanasi –; die Handlungsorte wurden exotischer (lacht), aber die Tatsache, dass ich mich mit dem Anfangsbuchstaben „V“ schon dem Ende des Alphabets nähere, zeugt allein schon von einer gewissen Erschöpfung.

Also schreiben Sie im Grunde immer wieder dieselbe Geschichte?

Ich war selbst überrascht, als ich die Geschichte „Verbotene Stadt“, die jetzt am Anfang des Buches „White Sands“ steht, fertig hatte, dass sie eine Wiederholung von etwas war, dass ich schon mehrmals geschrieben habe. Die Frau darin ist eine Wiedergängerin aus vielen früheren Büchern. Aber ich dachte mir schon, dass ich als Autor von Fiktion eher schlappmache denn als Autor anderer Texte. Andererseits muss ich die Frage zurückweisen: Ich habe von Anfang an Sachen geschrieben, die keine Fiktionen im herkömmlichen Sinn sind.

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Gerade als die Romanze in „Verbotene Stadt“ brenzlig wird – ein Schriftsteller ist zu Besuch in Peking und nähert sich einer der Gastgeberinnen an –, endet die Geschichte mit einem Cliffhanger. Werden Sie eine Fortsetzung schreiben?

Ich könnte es mir vorstellen. Aber womöglich wird es zunehmend unheimlich: immer wieder diese alternden Schriftstellerfiguren. Stellen Sie sich vor, ich schreibe diese Szene noch mit siebzig, wieder eine Frau mit langem, dunklem Haar . . .

. . . Philip Roth?

Womit alles gesagt wäre.

Wenn Sie den Hype betrachten, der jetzt von der Literaturkritik um „Autofiktion“ und „Memoir“, überhaupt um hybride Formen des Erzählens, die auch Dokumentarisches aufnehmen, gemacht wird – denken Sie dann nicht: So schreibe ich doch schon seit dreißig Jahren?

Es stimmt, ich schreibe seit einer Weile so. Dazu fällt mir ein Bespiel ein: Im „New Yorker“ legte einmal jemand dar, wie sehr doch mein Schreiben von W. G. Sebald beeinflusst sei. Das kann allerdings gar nicht sein, weil mein betreffendes Buch „The Missing of the Somme“ (1994) herauskam, bevor Sebald überhaupt ins Englische übersetzt war. Aber es ist ja auch schön, jetzt als Teil einer Gruppe oder Bewegung wahrgenommen zu werden.

In „White Sands“ geht es auch einmal um Karl-Ove Knausgård, der dort als „Abzeichen-Autor der 2010er“ bezeichnet wird. Was meinen Sie damit?

So, wie man als Kind ein Abzeichen erhält, wenn man hundert Meter schwimmt, oder wie manche vielleicht vor einigen Jahren T-Shirts getragen haben, auf denen sie ihre Homosexualität ausstellten, habe ich das Gefühl, dass mancher heute hervorkehrt, Knausgård zu lesen, um damit zu demonstrieren, dass man auf dem neuesten Stand literarischen Urteilsvermögens ist.

Was halten Sie von der „Authentizität“, die insbesondere durch Knausgård wieder in aller Munde ist?

Dass man sie Knausgård attestiert, hat mehrere Gründe: Einer ist die vermeintliche Vollständigkeit, die suggeriert, da werde nichts ausgelassen, es sei einfach die Transkription eines ganzen Lebens, was natürlich nicht der Fall ist. Der zweite ist, dass er kaum etwas von, sagen wir, Flaubert hat, der sich jeden einzelnen Satz obsessiv genau überlegt. Knausgård scheint nicht zwei Tage auf einen einzigen Satz zu verwenden, er pflegt eher eine nachlässige Art des Schreibens, bei der es nicht so genau darauf ankommt. Ein dritter Grund ist die Bereitschaft, sich „schonungslos“ selbst in schlechtes Licht zu stellen. Das mache ich auch gern, aber mit einer Art angenommener Identität, als Persona.

Also führen Sie Ihre Leser ein bisschen an der Nase herum, indem Sie einerseits Lebensnähe suggerieren, andererseits wieder eine ironische Distanz aufbauen?

Mich als Autor würde man wohl kaum für eine schonungslose Ehrlichkeit preisen oder meine Bücher Bekenntnisliteratur nennen. Sie haben auch keinen therapeutischen Effekt für mich. Es geht vielmehr darum, Spaß an einer angenommenen Stimme zu haben. Am ehesten ehrlich scheint mir noch das Buch über D. H. Lawrence („Aus schierer Wut“), aber das ist eine geliehene Authentizität, von Thomas Bernhard.

„White Sands“ handelt viel vom Reisen, tatsächlich auch zum gleichnamigen Ort in New Mexico, wo sich eine ziemlich unheimliche Szene abspielt, die vom Mitnehmen eines Trampers in der Nähe einer Haftanstalt handelt.

Ja, der Titel „White Sands“ verspricht ja schon irgendwie eine Story. Aber auch dieses Buch ist für mich ein Stück jenes „enacted criticism“, in diesem Fall zum Beispiel über Taryn Simons Fotokunstprojekt „The Innocents“. Es ist ein Weg, über Kunst auf dramatische Weise zu schreiben, statt es auf die eher passive Art zu tun, mit der Kunstkritik es normalerweise hält. Dasselbe habe ich in früheren Büchern schon versucht. „Paris, Trance“ etwa spielt mit Zitaten aus F. Scott Fitzgeralds „Zärtlich ist die Nacht“. Und in „Sex in Venedig, Tod in Varanasi“ geht es auch um alle vorausgegangene Venedig-Literatur, von Thomas Mann über Ezra Pound bis zu Joseph Brodsky – nur habe ich kein Interesse daran, darüber bloß einen wissenschaftlichen Essay zu schreiben. Der Kanon wird immer wieder aktualisiert und überschrieben, und es muss zugleich überzeugen.

Könnte man, um auf Jazz zurückzukommen, also sagen, Sie improvisieren in Ihren Büchern über bekannte Themen?

Ich würde hier eher einen Begriff aus der jamaikanischen Musik bevorzugen, das versioning. Aber ich habe da keinerlei akademischen Impuls, ich bin nicht dazu da, Seminare zu halten!

Geoff Dyer: „White Sands“. Erlebnisse aus der Außenwelt. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. DuMont Buchverlag, Köln 2017. 254 S., geb., 24,- Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
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