Helmut Lethen im Gespräch

Bildung für Barbaren

Von Julia Encke
 - 10:08
zur Bildergalerie

Als während der Buchmesse in Frankfurt der Auftritt der rechten Verlage debattiert wurde, erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Artikel über den Kulturwissenschaftler Helmut Lethen. Lethen, der in den siebziger Jahren Mitglied maoistischer Splittergruppen war, deshalb zunächst in den Niederlanden lehrte, weil er in Deutschland nicht zugelassen wurde, später in Rostock Professor war und zuletzt als Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien tätig, wurde darin als Ehemann von Caroline Sommerfeld porträtiert. Sommerfeld, 36 Jahre jünger als ihr Mann, hat mit Martin Lichtmesz, einem der Ideologen der sogenannten identitären Bewegung, das Buch „Mit Linken leben“ geschrieben, das im Antaios-Verlag von Götz Kubitschek erschienen ist.

Wie ist das möglich, fragte man sich. Wie können ein Achtundsechziger und eine Anhängerin der Neuen Rechten überhaupt zusammenleben? Helmut Lethen besteht darauf, dass sein Drama ein privates bleibt. Er will, als wir uns begegnen, nur über sein neues Buch sprechen. Die Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten schwingt als Subtext aber immer mit.

Fangen wir vorne an: Was ist der Staatsrat, von dem Ihr neues Buch handelt?

Der preußische Staatsrat gehörte 1933 zur Blendarchitektur des Dritten Reichs. Er sollte die Fortsetzung einer alten Staatsidee suggerieren, denn er verkörperte eine ehrwürdige Tradition. Von 1817 bis 1918 war er ein Gremium zur Beratung des Königs von Preußen gewesen. Von 1920 bis 1933 war er im Freistaat Preußen zweite Kammer mit beratender Funktion. Der letzte Vorsitzende des Staatsrats war Konrad Adenauer als Rheinpreuße. Als Hermann Göring Ministerpräsident in Preußen wurde, jagte er die alte Belegschaft in die Wüste und gründete im September 1933 den neuen Staatsrat – mit 68 nagelneuen Mitgliedern. Göring ernannte den Stabschef der SA Ernst Röhm, den Reichsführer SS Heinrich Himmler, die Gauleiter der NSDAP in Preußen und seine Staatssekretäre zu Mitgliedern des Staatsrats.

War das ein Schachzug der Propaganda? Sollten sie den Ruf entkräften, das Dritte Reich sei ein Rückfall in die Barbarei?

Ich würde nicht sagen: Propaganda. Der Staatsrat war ein genialer Schachzug, um Teile der national-konservativen Elite an diesen Staat zu binden, sie im Glauben zu wiegen, die Bewegung der NSDAP an die Tradition einer staatlich gerahmten Verfassung zu binden. Außerdem erleichterte er die Eingliederung Preußens ins Dritte Reich. Aber wie alle staatlichen Institutionen sollte auch er nur die totale Herrschaft des Parteiapparats ausblenden.

Was hatten die Staatsräte davon?

Den Titel des Staatsrats empfanden sie als Adelung. Der proletarische SA-Mann mit ehrwürdig alter Signatur. Am stolzesten war Carl Schmitt, der noch nach 1945 bemerkte: „Für drei Dinge danke ich Gott: Erstens, dass ich ein Mensch bin und kein Tier. Zweitens, dass ich ein Mann Frau bin und keine Frau. Drittens, dass ich ein preußischer Staatsrat bin und kein Nobelpreisträger.“

Schmitt, der Staatsrechtslehrer, von 1933 bis 1936 Leiter der Gruppe Hochschullehrer im NS-Rechtswahrerbund, schrieb das noch 1951 in sein Tagebuch, als es den Staatsrat gar nicht mehr gab! Konnten die Männer, die von Göring ausgewählt wurden, davon ausgehen, unter seinem persönlichen Schutz zu stehen?

Die Schutzformel wurde bei der Vereidigung ausgesprochen, aber sicher sein konnten die Räte nicht. Beim sogenannten „Röhmputsch“, im Jahr 1934, wurde nicht nur Ernst Röhm, der eine Schlüsselstellung in den Initiationsriten der Gründung eingenommen hatte, es wurden auch zwei andere Staatsräte ermordet. Andererseits verdankte Gustav Gründgens, der 1936 Staatsrat wurde, es der Protektion von Göring, dass er nicht liquidiert wurde. Auch Schmitt hätte es ohne den Schutz des Titels dreckiger gehen können.

Der Theatermann Gründgens, der Chirurg Ferndinand Sauerbruch, der Dirigent Wilhelm Furtwängler und Carl Schmitt, schon damals weltberühmte Leute, sind die vier Staatsräte, die Sie zum Gegenstand Ihres Buches gemacht haben. Sie nennen sie „the glorious four“ – man könnte auch „inglorious bastards“ sagen. Warum diese vier?

Tarantinos „Inglourious Basterds“ ist der Traum der Rache, in deren Schatten ich das Schicksal der Vier plaziere. Sie waren Halbgötter meiner Jugend in den fünfziger Jahren. Carl Schmitt allerdings viel später. Gustav Gründgens war der Gott der Bühne, Ferdinand Sauerbruch ein Halbgott in Weiß, der Dirigent Wilhelm Furtwängler war völlig unbestritten. Barenboim hat immer noch ein Furtwängler-Porträt in seinem Dirigierzimmer, wurde mir gesagt.

Also ging es Ihnen darum, vier Staatsräte auszuwählen, die auch nach dem Krieg noch groß waren?

Wenn ihr Ruhm nach dem Krieg nicht sogar noch größer wurde. Sauerbruch allerdings stirbt früh, wird dement aus der Charité entlassen, operiert aber weiter in seiner Villa, schneidet und schneidet, Todesfälle inbegriffen.

Was verbindet diese vier – dass sie alle Opportunisten und Nazis waren?

Mit dem Begriff „Nazi“ versetzt man sich gegenwärtig nur in einen Kampfmodus; er hat kaum noch analytische Trennschärfe. Es gab zwei Sätze, die am Anfang meines Buches standen. Der eine stammt von Nietzsche: „Die deutsche Bildung ist ein Handbuch der Innerlichkeit für äußere Barbaren.“ Dieser Satz hat mich schon früh fasziniert, er schien das Geheimnis der deutschen Kulturelite in den dreißiger Jahren zu erklären. Der andere stammt von dem russischen Künstler Pawel Pepperstein, der über die radikalen jungen russischen Filmemacher sagt, sie hätten die Darstellung der Brutalitäten nötig; denn sie müssten die Scham im Ofen des Bösen verbrennen. Und da hatte ich plötzlich die Idee zu dieser Dokufiktion. Da ich aber kein einziges Dokument fand, das bezeugt, dass die vier je zu viert zusammengekommen waren, wollte ich sie in einem Gedankenexperiment um einen Tisch versammeln. Das war die Experimentalanordnung.

Was wollten Sie herausfinden?

Ich wollte ein Buch über den Skandal schreiben, dass die Gespräche zuweilen in Esprit brillierten, dieser Esprit aber von Lebensblindheit umringt war.

Wollten Sie zeigen, wie scheinbar politikfreie Zonen Energieversorger der Diktatur waren?

Dafür waren meine vier nicht die richtigen Zeugen. Die berühmten Physiker, Chemiker und Biowissenschaftler der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wären dafür bessere Beispiele gewesen.

Sie beginnen historiographisch. Sie erzählen Geschichte und fügen die „Geistergespräche“, die Sie sich ausgedacht und aus Zitaten zusammenmontiert haben, als Unterbrechungen ein.

In den „Geistergesprächen“ findet man im Buch jede Menge Plagiate: Emmy Göring hat das Gesicht von Frau Blümerant aus Doderers Roman „Ein Mord, den jeder begeht“ von 1938; Gründgens sieht man mit Gesten, die Klaus Mann in seinem „Mephisto“ von 1936 erfand; Sauerbruch wiederholt in einem inneren Monolog die Schrift „Gehirne“ von Gottfried Benn von 1916. Oft sind die vier unheimlichen Figuren Resultat von Klebearbeiten.

Es gibt auch auflockernde Passagen, mit denen Sie Stimmungen erzeugen. Das betrifft etwa die Verachtung, die Carl Schmitt bei Ihnen Gründgens entgegenbringt. Ein unglaubliches Ekel, denkt man beim Lesen.

Wer? Carl Schmitt?

Ja.

Aber was für ein kristallklarer Kopf – zuweilen! Messerscharf in seiner Begriffswelt, die permanent von seinem Absturz in sexuelle Obsessionen bedroht und ständig von seinem elementaren Antisemitismus verätzt wird. Die Schrift „Der Begriff des Politischen“ finde ich hochinteressant und brandgefährlich, weil jeder Machthaber in Schmitts Matrix von Freund und Feind die Mitbürger eintragen kann, die getötet werden dürfen.

Ging es Ihnen mit der Suggestion von Stimmungen darum, einer Sache Raum zu geben, die in der Geschichtsschreibung sonst nicht vorkommt: dem Sound?

Ja, um diesen Effekt geht es. Die Stimmung bei der Staatsgründung bewirkt die Auflösung des Einzelnen im Kollektiv. 68 Staatsräte werden Glieder eines magischen Rituals, in dem die Polizeifahnen Preußens (schwarzer Adler auf grünem Grund) mit den „Blutfahnen“ der Bewegung „vermählt“ werden, um dann im gemeinsamen Singen des Horst-Wessel-Liedes Teil der Gefolgschaft zu werden. Man stelle sich den baumlangen Furtwängler unter den Gauleitern beim Preisgesang auf die braunen Bataillone vor.

Sie stellen fest, dass schon an den frühen Tagebüchern die „flackernde Atmosphäre“ von Schmitts Einträgen auffällt. Im letzten Kapitel aus der Nachkriegszeit heißt es: „Schmitts Stimme wird geschmeidig: Kafka schaffe in seinen Erzählungen faszinierende Bilder der in sich kreisenden ,Verjudung‘ (das schon in leicht singendem rheinischem Tonfall.)“ Das kam mir ungeheuerlich vor, den Antisemitismus Schmitts noch mit einem Singsang auszuschmücken. Wozu?

Ich wollte das Flackernde reproduzieren, um die Niedertracht seines lobenden Kafka-Kommentars, der von Hass grundiert ist, zu betonen.

Aber ist es nicht ein Unterschied, ob Sie den Antisemitismus Carl Schmitts ausstellen, indem Sie ihn beschreiben oder ob Sie Ihre Fiktion dieses Antisemitismus ausstellen?

Ich glaube, dass diese Fiktion eine Wahrscheinlichkeit besitzt, die viele noch heute umgreift.

Sie haben 1994 ein Buch geschrieben, „Verhaltenslehren der Kälte“, in dem Sie die Schriften des Philosophen Helmuth Plessner als Code der zwanziger Jahre beschrieben haben. Auch in Ihrem neuen Buch kommen jetzt die „Verhaltenslehren der Kälte“ vor: Gründgens machte aus Plessners Auffassung von der Natur des Menschen eine Schauspiel-, Schmitt eine Staatslehre, Sauerbruch panzerte sich in stoischem Berufsjargon, Furtwängler lebte im Strahlenkranz des Dirigentenpults. Die Ordnungsstruktur des starken Staats übte auf alle vier eine große Anziehungskraft aus. Das galt 1931 auch für den konservativen Plessner. Wie muss man das verstehen? Projizieren Sie das, was Sie in den „Verhaltenslehren der Kälte“ geschrieben haben, jetzt zurück auf diese vier Staatsräte?

Ja und nein. Einerseits zeige ich Gestalten, die die Verhaltenslehren der Kälte im Umfeld des NS-Regimes beherzigen wollen: Wer sich in Form bringen will, muss einen Feind haben. Andererseits werden in Gründgens’ Sermon auf seinem Gut Zeesen, die Kälte-Lehren zu einer Schauspiellehre; und im Kapitel, worin ich beschreibe, wie Werner Krauss im Zuchthaus die „kalte persona“ als künstliche Experimentalfigur des freien Menschen erfindet, wird klar, dass die Verhaltenslehre der Kälte höchstens ein phantasiertes Handbrevier für präpotente Macchiavellisten ist.

Eine Revision Ihres Buches von 1994?

Ja.

Was bleibt nach der Historisierung der „Verhaltenslehren“ an Aktualität noch übrig?

Viele Theorien, Einfälle und Ordnungs- oder Panzerungsphantasien, die in den Gesprächen aufschäumen oder behandelt werden, sind heute wieder virulent. Der Trick meiner Fiktion liegt darin, dass ich die vier Exzentriker mit einem Körperbau versehe. Auf diese Weise präsentiere ich sie in ihrer Sterblichkeit. Sie haben ihre Zeit und ihren Resonanzraum gehabt. Und dieser Resonanzraum muss endlich ein Ende haben, nämlich ein Grab. Ich will ihre Gedanken nicht künstlich beatmen.

In der Danksagung am Ende Ihres Buchs erwähnen Sie zwei Menschen. Der eine ist der Schriftsteller Marcel Beyer. Er fragte sie, ob Sie „auf eine Verankerung im Jetzt und in der ,Welt um uns‘“ abzielen. Inwiefern gibt es in diesem Buch einen Dialog mit der Gegenwart?

In dem Gespräch, in dem Carl Schmitt 1937 in Carinhall seinen Kollegen den Begriffs des Feindes nahe bringen will, geht es unter anderem um den Begriff der „Volksgemeinschaft“, der gegenwärtig eine gewisse Aktualität gewonnen hat. Sie nahm die höchste Stelle im Wertsystem des NS-Regimes ein und scheint heute bei denen, welche Fremde abwehren oder ausschließen wollen, wieder en vogue zu sein. Im Gespräch in Carinhall wird klar, durch welche innerstaatlichen Feinderklärungen und Exklusionsmaßnahmen die Suggestion einer Identität des Volkes erzwungen werden muss. Ich versuche, im fernen Spiegel der Vergangenheit aktuelle Strömungen zu relativieren und ins Licht der Skepsis tauchen. Sie haben ihr schreckliches Schicksal schon gehabt haben.

Es geht also darum, die Rhetorik noch einmal sprechen zu lassen – etwa in einem langen Kapitel über die Freund-Feind-Begriffe von Carl Schmitt –, um klar zu machen, woher sie kommt?

Nein, das wissen die Neurechten sowieso. Ich wollte demonstrieren, dass zum Beispiel Schmitt scharfe Grenzen zur Zone der Feinde zieht, es aber total ungeklärt bleibt, wer die „Freunde“ sind. Denn seine Freundschaftssysteme sind alle feindlich grundiert. Die Vertrauenszone der Freunde ist von Misstrauen zersetzt. Zu Recht bemerkte einer seiner jüdischen Freunde in der Weimarer Republik: Selbst deine Freunde sind doch nur deine liebsten Feinde. Freundschaft ist der weiße Rabe in seiner rabenschwarzen Feindlandschaft. Im Herzen der Volksgemeinschaft waren die Regeln der Distanz, die Freundschaften als einen Umgang mit dem Fremden regulieren, nicht vorgesehen. Im Kern der Volksgemeinschaft herrscht der Furor der Überwachung, dass kein Funken Fremdheit in sie eindringt. Selbst das Phantom der „Rasse“ verbürgt keine Identität. Denn man erwartete, dass die Herrenrasse der SS erst über einen langem Zeitraum die Deutschen zur Identität einer Rasse herangezüchtet werde.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

Mehr erfahren

Haben Sie ein Lehrstück für die Neuen Rechten geschrieben?

Das wage ich nicht zu hoffen. Mein Buch ist, glaube ich, ein Grenzgängerbuch – mit einem klaren Votum für den Mut zur Moral.

Indem es nicht davon handelt?

Ganz genau. Aber wenn Schmitt zustimmend den Satz zitiert: „Das Leben speist sich aus dem Born des Bösen, die Moral aber führt in den Tod“, so wird klar, dass die Mutigen auf Seiten der Moral gestanden haben.

In Ihrer Danksagung steht auch noch: „Auseinandersetzungen mit Caroline Sommerfeld setzten das Buch unter Strom.“ Das ist Ihre Frau.

Ja, sie wünscht die Rückgewinnung der Identität des Volkes durch Abwehr des Fremden.

Quelle: F.A.S.
Julia Encke
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenCarl SchmittNSDAPSZGottfried BennGötz KubitschekKonrad AdenauerHermann GöringPreußen