Ijoma Mangolds Autobiographie

Wem gehörst denn du?

Von Jan Wiele
 - 09:40

Mit dem Trauma ist es so eine Sache: Allzu leicht wird heute jemandem eines angedichtet. Aber andererseits möchte man bloß nicht derjenige sein, der ein tatsächliches Trauma unterschätzt, am wenigsten ein eigenes. Ijoma Mangold spricht in seinem Buch diesen Umstand offensiv kritisch an: Jeder suche sich heute ein Trauma, das ihn unverwechselbar mache. Womöglich aber sei das „Seelenkitsch“, uns eingeredet von Analytikern.

Seine Abneigung gegen ständiges Psychologisieren ist biographisch motiviert. Aufgewachsen als Sohn einer Therapeutin, erzählt Mangold: „Ich hasste es, wenn meine Mutter ein Verhalten, das sie nicht billigte, eine ,völlig normale Abwehrreaktion‘ nannte oder wenn sie in meiner Unlust, über etwas zu reden, einen Akt der Verdrängung sah. Als ich älter wurde, genoss ich Nabokovs Spott über Freud. Ich sorgte für eine theoretische Fundierung meiner Ablehnung der Psychoanalyse, wohl wissend, dass ich damit die zentrale freudsche Kategorie der Abwehr natürlich nur bestätigte.“

Im Zeichen dieser Paradoxie steht das ganze Buch, dessen Witz es ist, dass der Autor sich letztlich selbst analysiert. Es geht darin um zwei Grunderfahrungen: nämlich ohne Vater aufzuwachsen und mit dunklerer Haut, als die meisten anderen in Deutschland. Liegt darin also die tiefe Wunde?

Faustisches Interesse

Wenn man dem Erzähler glaubt, nicht unbedingt. Denn er betont mehrfach, dass er sich zeitlebens selten benachteiligt oder diskriminiert gefühlt habe, auch wenn ihm als Kind Kommentare zu seinen krausen Haaren auf die Nerven gingen und es ihn als Jugendlichen manchmal störte, für eine Exotik „gefeiert zu werden“, die „allen anderen mehr Freude bereitet“ habe als ihm selbst.

Aber trotzdem meint man zumeist keine Klage zu lesen; der Autor schildert vielmehr die Auseinandersetzung mit seiner Lebenssituation als Grundlage für seinen Erfolg – nämlich den, ein kritisch denkender und in besonderem Maße an deutscher Kultur interessierter Mensch zu werden. Und vor allem auch: ein Mensch zu werden, der seine Identität weniger über seine Hautfarbe definiert (das Abgrenzungsangebot sogenannter „Afro-Deutscher“ lehnt er rigoros ab), sondern über die kulturelle Prägung. Heute ist Mangold Literaturchef der „Zeit“.

So wird man Zeuge einer erfüllten Bildungsgeschichte, angetrieben zuallererst von der Mutter, fundiert in einer privilegierten Schulzeit an einem altsprachlichen Gymnasium in Heidelberg, ausgebaut durch früh entwickeltes, faustisches Interesse, mit dem Virus des Widerständigen infiziert durch eine Art Variation des George-Kreises bei einem altlinken Journalisten. Der lehrt seine Schüler, alles in Frage zu stellen, so dass der Autor bald auch den Mentor selbst in Frage stellt und sich neue Inspirationen sucht, aufbricht zu Reisen in die Welt und ins Studium nach München.

Also alles in allem die Geschichte eines Aufsteigers, die sagt: Jeder kann alles erreichen, wenn er will? Nicht nur, denn das wäre zu einfach. Und an diesem Punkt muss man auf die literarisch-hintersinnige Schreibweise des Buches zu sprechen kommen, das man durchaus auch als Roman bezeichnen könnte. Es beginnt mit einem gut sechzigseitigen Kapitel über die Kindheit im Ort Dossenheim bei Heidelberg, das auf berührende Weise die Perspektive des Erwachsenen in die des Jungen zurückführt und außerdem ein lebendig-witziges Bild von Deutschland in den siebziger Jahren malt. Abgesehen vom manchmal melancholisch durchscheinenden Verschwinden des Vaters und von Erfahrungen mit Einsamkeit und Langeweile, ist es eine Idylle, wenn auch gespickt mit Ironie: „Zum Glück gibt es Dossenheim“, sagt der Erzähler da einmal, und man könnte aus einem solchen Satz leicht eine ziemliche Verachtung der Provinz heraushören, doch dann geht es weiter: „Die Kraft der Wohlgeordnetheit ist dort so groß, dass sie den Jungen und seine ungewöhnlichen Verhältnisse mühelos umhüllt.“

Ein Rosenkavalier im Urwald

Die Ursache der besagten Verhältnisse wird dann auch wie in einem Roman aus der Tiefe her aufgerollt: Es folgen Kapitel über die Lebensgeschichte der Mutter, die als Kind aus Schlesien vertrieben wurde. Der Großvater mütterlicherseits war bei der Wehrmacht, womöglich auch am Judenmord beteiligt. Da er bei der Reichsbahn arbeitete, darf seine Witwe ihr Leben lang kostenlos Zug fahren, was den Enkel schwer beeindruckt, der begeistert von Modelleisenbahnen ist. Mittels solcher prekären historischen Zusammenhänge spannt Mangold ein feines Motivnetz auf, das sich noch im Titel widerspiegelt. Das dafür gefundene Emblem, das „deutsche Krokodil“, ist schlicht genial gewählt: Einerseits ist dies der Spitzname für eine Lokomotive der Deutschen Bahn, die der aufwachsende Junge für ihre Zugkraft bewundert, andererseits steht später in der Wohnung der Mangolds auf dem Fenstersims ein Krokodil aus Ebenholz, das dem Jungen wie ein Inbegriff Afrikas erscheint und somit bei Besuchern ihm unliebsame Fragen aufwirft. Es kommt in diesem Krokodil somit die Familiengeschichte der Mutter mit der des Vaters bildlich zusammen.

Über seinen Vater, der als Medizinstudent aus Nigeria nach Heidelberg kam, weiß der Junge lange nicht viel. Er ist angeblich kurz nach der Geburt des Sohnes nach Afrika zurückgegangen, weil dort eine Ehefrau für ihn ausgewählt worden war. Erst als junger Mann wird Ijoma Mangold Kontakt zu ihm erhalten und eine längere Reise nach Nigeria antreten, die dann noch einmal die grundsätzliche Auseinandersetzung mit seiner Identität erfordert.

Bei der Schilderung dieser Erfahrung gewinnt das Buch große Reportagequalität. Das fast schon übermäßige Interesse Mangolds an „konservativen“ deutschen Themen wie Preußen, Thomas Mann und Richard Strauss, dem bis dorthin im Buch auch etwas leicht Kokettes anhaftete, gewinnt in dieser Konfrontation mit Nigeria – wo der Sohn von pfingstchristlichen Familienangehörigen des Vaters wiedergetauft werden soll, die zu seiner Empörung empfehlen, er solle den mütterlichen Namen Mangold vergessen – eine dramatische Triftigkeit: Er singt mitten im Urwald eine Arie aus dem „Rosenkavalier“.

In Ijoma Mangolds Heimatdialekt, dem Kurpfälzischen, gibt es eine ulkige Frage nach jemandes Herkunft, die lautgetreu aufgeschrieben noch weitaus exotischer klingt als sein Name: Wemmgherschndu? („Wem gehörst denn du?“) Wenn man so will, hat Mangold mit seinem Buch die sehr ausführliche Antwort auf diese Frage gegeben. Die Kurzform steht in der Widmung: „Meiner Mutter“. Es ist, neben vielem anderen, das schönste und bewegendste Mutterbuch, das man sich denken kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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