Im Gespräch: Per Olov Enquist

„Ich schreibe definitiv ziemlichen Mist über mich“

Von Thomas David
 - 17:43

Per Olov Enquist genießt die Kälte in Berlin, als er ohne Mantel auf dem Pariser Platz vor der Akademie der Künste steht. Er ist groß und schlank, mit seinem schmalen Gesicht und dem weißen Haarschopf hat der schwedische Schriftsteller auf den ersten Blick eine verwirrende Ähnlichkeit mit Samuel Beckett.

Herr Enquist, Sie haben einmal gesagt, dass es sich mit einem guten Theatertext wie mit einem Menschen verhalte - beide trügen ein Geheimnis in sich. Dem Menschen sei es jedoch erlaubt, dieses Geheimnis zu behalten, „sonst verschwindet er oder wird unmenschlich deutlich“. Konnten Sie Ihr Geheimnis auch beim Schreiben Ihrer Autobiographie bewahren?

Natürlich gibt es Dinge, von denen ich in meiner Autobiographie nicht erzähle, aber sprechen wir von der Autobiographie lieber als „dem Buch“ oder „dem Roman“: Selbstverständlich gibt es chronologische Auslassungen, etwa zwischen meinem dreizehnten und meinem 23. Lebensjahr oder später, wenn ich über die siebziger Jahre schreibe. Das Romanhafte dieses Buchs liegt aber nicht zuletzt in diesen Lücken: In ihnen verbergen sich viele weitere Leben, die auch alle meines sind. Ich wollte jedoch keinen Mist über andere Menschen schreiben und habe deswegen einiges unerzählt gelassen, aber ich schreibe in dem Buch definitiv ziemlichen Mist über mich.

Wie nah kann man dem eigenen Ich beim Schreiben eigentlich kommen?

In meinem 1966 erschienenen Roman „Hess“, der noch immer nicht ins Deutsche übersetzt wurde, gibt es Passagen über meine Jugend, die der Erzählung in „Ein anderes Leben“ sehr ähnlich sind, und auch in anderen Romanen wie „Die Ausgelieferten“, „Auszug der Musikanten“ oder „Der Sekundant“ oder in meinem Stück wie „Aus dem Leben der Regenwürmer“, das ja auch von einem Mann handelt, der wie ich aus der Provinz in die Großstadt und ans Theater gegangen ist, habe ich über eigene Erfahrungen geschrieben. Ich bin in diesen Büchern allerdings immer rings um das Private herumgegangen, habe sozusagen Zirkel ums Zentrum gezogen. Ich kann nicht sagen, ob ich in „Ein fremdes Leben“ ein Geheimnis bewahre oder preisgebe, doch ich war beim Schreiben des Buchs sehr glücklich und habe bei der Arbeit keine inneren Kämpfe ausstehen müssen, weil ich versucht hätte, bestimmte Dinge über mich zu verheimlichen.

Sie schreiben in „Ein fremdes Leben“ über sich selbst ausschließlich in der dritten Person. Könnte es sein, dass in gewisser Weise das „Ich“ das Geheimnis ist, das Sie sich auf diese Weise bewahrt haben?

Sie meinen, dass es den Autor Per Olov Enquist gibt, der über einen Mann schreibt, den er in seinem Buch „er“ nennt und dessen Geheimnis wiederum das unausgesprochene „Ich“ ist? Das ist ein sehr interessanter Gedanke, weil in ihm natürlich die nicht nur für einen Schriftsteller sehr wichtige Frage anklingt, wie gut man sich selber überhaupt kennen kann. In meinem Theaterstück „Die Bildermacher“ gibt es einen Dialog zwischen der Schriftstellerin Selma Lagerlöf und einer jungen Schauspielerin, in dem es um etwas ganz Ähnliches geht. Lagerlöf sagt, in ihrem Roman „Der Fuhrmann des Todes“ gebe es etwas ganz Privates, das sie Außenstehenden nicht enthüllen würde, und das macht die Schauspielerin sehr aggressiv, weil sie sich von Lagerlöf um dieses Wissen betrogen fühlt. Sie sagt: „Ich hab's ja gelesen!!! Dann bin ich doch verdammt noch mal kein Außenstehender!!!“ Das ist eine sehr relevante Replik. Aber ich glaube, ich hätte das Glück beim Schreiben nicht erlebt, wenn ich mir selbst ein Geheimnis geblieben wäre. Ich glaube, das Geheimnis hätte mir das Glück genommen. Ich habe diese Autobiographie - ich wollte sagen: diesen Roman - in nur neun Monaten geschrieben. Normalerweise arbeite ich drei oder vier Jahre an einem Roman, aber diesmal konnte ich es gar nicht abwarten, mich jeden Morgen wieder an die Arbeit zu machen, um eine Geschichte zu erzählen, die ich sehr gut kenne, aber noch nie zuvor erzählt habe.

Sie haben Ihr Buch über Rudolf Hess' geheimen Flug nach England erwähnt. In anderen Büchern haben Sie beispielsweise die Biographien von August Strindberg und Knut Hamsun verarbeitet, Ihr Roman „Das Buch von Blanche und Marie“ handelt von Marie Curie und Blanche Wittman. Worin liegt der Reiz, ein fremdes Leben erzählend zu usurpieren?

Es ist schon richtig, dass ich einige Male historische Figuren benutzt habe. Auch in „Der Besuch des Leibarztes“, den ich eigentlich als einen ganz normalen historischen Roman bezeichnen würde, in dem ich mich auch sehr an die etablierte Wahrheit halte. Ich glaube, ich habe die Personen oft als eine Art Projektionsschirm gesehen, der an der Wand steht. Ich nehme dann meinen Projektor und werfe ein etwas anderes Licht auf sie. In „Die Ausgelieferten“ gibt es auch eine historische Person, und das ist die von Schweden vorgenommene Auslieferung deutscher Wehrmachtsangehöriger an die Sowjetunion - die sogenannte „Baltenauslieferung“. Dabei handelt es sich um ein politisches Faktum, dessen Interpretation nach dem Krieg lange Zeit unantastbar war. In Schweden glaubte jeder zu wissen, was geschehen war, aber dann meldete sich mein Instinkt und sagte: „Kann das wirklich wahr sein? Was war wirklich mit den Leuten? Ist das wirklich ein tragisches Monument?“ Es ist etwa wie bei einem Kriminalkommissar, der Zweifel hat und nach einer anderen Wahrheit sucht.

Verspüren Sie Verantwortung gegenüber einer historischen Person wie August Strindberg, wenn Sie über sie schreiben?

Ich trage sogar große Verantwortung. Als ich „Die Nacht der Tribaden“ schrieb, mein Theaterstück über Strindberg, ging es mir darum, unter dieser schimpfenden, antifeministischen und idiotischen Stimme einen anderen Menschen zu entdecken. Gab es nicht irgendwo in Strindberg auch noch das Kind, das er einmal gewesen ist, oder einen anderen sensitiven Menschen? Als Schriftsteller ist es meine Verantwortung, die Wahrheit über einen Menschen zu finden. Aber bis zu dem Moment, in dem man sie entdeckt, kann man sich unendlich viele Freiheiten nehmen. Das Wichtigste ist der Schlusspunkt.

Ist es nicht eine Illusion zu glauben, dass man die endgültige Wahrheit über ein anderes Leben kennen kann?

Ich bin bestimmt nicht so naiv zu denken, dass die von mir entdeckte Wahrheit, die mich glücklich stimmt, auch die letzte Wahrheit ist. Andere Menschen müssen ihre eigene Wahrheit über eine Person oder ein politisches oder historisches Geschehen finden. Aber gerade heute habe ich einen Film über den Medienkrieg zwischen der DDR und der Bundesrepublik gesehen, und da wurde mir wieder einmal klar, wie man die Wahrheit dazu benutzen kann, eine Lüge zu verbreiten. Man fügt kleine Fragmente der Wahrheit zusammen, und am Ende entsteht daraus eine Lüge. Wenn die DDR beispielsweise die westdeutsche Gesellschaft beschreiben wollte, zeigte man Details wie das Bild eines Arbeitslosen, der auf der Straße saß, aber aus der Summe dieser Details ergab sich dennoch keine repräsentative Wahrheit. Ich mache mir gewiss keine Illusionen darüber, mit meinem Schreiben alle Schichten der Wahrheit durchdringen zu können, aber ich bin glücklich, wenn ich etwas finde, das mir eine neue, andere Sichtweise erlaubt.

Wie ja bereits erwähnt, haben Sie nicht nur fremde Biographien, sondern auch Ihre eigene bereits früher literarisch verarbeitet. Weshalb war es für Sie interessant, in „Ein anderes Leben“ unverschlüsselt von sich zu erzählen?

Unverschlüsselt ist ein starkes Wort, obwohl es sicher richtig ist zu sagen, dass „Ein anderes Leben“ einen Bezug zu verschiedenen meiner früheren Bücher herstellt und man einige von ihnen nach der Lektüre dieses Buchs anders lesen wird. Es ist aber doch auch so, dass „Ein anderes Leben“ eine Geschichte enthält, die ich noch nie erzählt habe, und das ist die, mit der das Buch aufhört: die Tatsache, dass ich so nah vor dem Selbstmord stand und dabei war, mich zu Tode zu trinken. In dieser Hinsicht ist das Buch fast ein Prolog zu „Kapitän Nemos Bibliothek“ und endet schließlich auch mit der Arbeit an diesem vor achtzehn Jahren erschienenen Roman, der mich aus der Alkoholabhängigkeit befreite und mir in gewisser Weise wohl das Leben gerettet hat.

Zu den eindrucksvollen Passagen des Buchs gehören die Darstellung Ihrer Kindheit im kleinen nordschwedischen Dorf Hjoggböle und die Charakterisierung Ihrer tief in der Pfingstbewegung verwurzelten Mutter. Sie schreiben über sich: „Sein späteres Verhältnis zur Erinnerung an die Mutter ist jedoch eigentümlich. Er gestaltet sie um.“ Wie verändert sich unser Verhältnis zu den eigenen Erinnerungen?

Man kann die Erinnerung mit diesen kleinen Karten vergleichen, mit denen Kinder Memory spielen. Man deckt eine Karte auf, sieht, dass darauf zum Beispiel eine Banane abgebildet ist, und muss dann die andere Banane finden. Die Relation zwischen den Karten ist nicht klar, solang sie verdeckt daliegen. Erinnerung ist keine lineare Sache, man entdeckt rückblickend vielmehr ein Stück von ihr und sucht dann nach weiteren Fragmenten.

Verändert sich durch das Schreiben einer Autobiographie das Verhältnis zu sich selbst?

Das ist schwer zu sagen, weil es noch nicht so lange her ist, dass ich das Buch geschrieben habe. Aber ich habe durch die Arbeit an „Ein anderes Leben“ ein Bild von mir gewonnen, das mich sicherlich noch einige Monate begleiten wird. Aber irgendwann werde ich des Bildes müde werden und mich wieder von ihm lösen. Ich denke aber schon, dass ich jetzt mehr über mich selber weiß und dass auch die Lücken des in dem Buch Unerzählten viel wichtiger sind, als ich dachte. Aber es ist nicht so, dass man aus dem Schreiben seiner Autobiographie hervorgeht und sagt: „Endlich, jetzt ist mir alles klar.“ Das wäre auch schrecklich. Aber als eine neugierige Untersuchung durch einen Fachmann, der Per Olov Enquist heißt, fand ich die Arbeit an dem Buch sehr interessant.

Weshalb kann die Literatur besser als jedes andere Medium von dem erzählen, was Sie vorhin als „Wahrheit“ bezeichnet haben?

Es gibt Dinge, von denen man nur in einem Roman berichten kann, Erfahrungen, an denen jeder journalistische oder dokumentarische Versuch scheitern müsste. Ich habe in „Ein anderes Leben“ zum Beispiel das Gefängnis zu beschreiben versucht, in dem man als Alkoholsüchtiger lebt. Das könnte man als Journalist von außen betrachten, aber wie sieht diese Erfahrung von innen aus? Ich habe dieses Gefängnis vor dem Hintergrund eines aus historischer Sicht sehr interessanten Ereignisses beschrieben: Im November 1989 war ich in Prag und habe dort Dissidenten getroffen. Ich befand mich am Anfang einer neuen Zeit, aber das Einzige, woran ich denken konnte, waren die zwei Flaschen Rotwein auf meinem Hotelzimmer. Die Weltgeschichte hat mich nicht interessiert, die zwei Flaschen waren meine Gefängniswärter, aber sie ließen mich nicht verzweifeln. Sie liebten mich genauso, wie ich sie liebte. Von dieser tiefen Erfahrung kann nur ein Roman erzählen.

Die Frage nach dem eigenen Schreiben zieht sich durch das ganze Buch. Haben Sie bei der Arbeit herausgefunden, weshalb Ihnen ein Leben als Schriftsteller bestimmt war?

Es gibt keine Antwort auf diese Frage. Meine Noten in der Schule waren durchschnittlich, aber ich hatte immer eine besondere Begabung für das Schreiben. Woher sie kommt, weiß ich nicht. Aber wenn man sich an diese einfache Familie zurückerinnert, der ich entstamme, kann man in vielen meiner Vorfahren einen Drang nach Schönheit erkennen. Sogar eine meiner Großmütter, die wahnsinnig war, zeichnete Poesie auf die Wände. Vielleicht hatten meine Vorfahren alle die gleiche kreative Begabung wie ich und sind doch keine Künstler geworden. Ich glaube, es gibt in allen Menschen einen oft unterschätzten Drang, Künstler zu sein. In einigen existiert er ganz stark und bricht sich seinen Weg, andere haben keine Möglichkeit, ihm nachzugeben.

Ist das Schreiben ein Widerstand gegenüber Tod und Verschwinden?

Das ist eine Frage, deren Beantwortung mir peinlich ist, weil sie fast so viel heißt wie die Frage, ob die eigenen Kinder eine Beschwörung gegen den Tod sind. Am Ende läuft aber alles auf die eine existentielle Grundfrage hinaus: Wie hängt alles zusammen? Wie hängt alles zusammen, und welchen Platz habe ich in dieser ungeheuren Welt? Im Grunde sind alle meine Bücher Versuche, eine Antwort auf diese Frage zu finden - das gilt auch für „Ein anderes Leben“. Da war ein Kind im zwanzigsten Jahrhundert, geboren 1934: Gelungen oder nicht, das Buch ist der Versuch, von ihm zu erzählen.

Zur Person

Per Olov Enquist kommt am 23. September 1934 im Dorf Hjoggböle in der nordschwedischen Provinz Västerbotten zur Welt. Der Vater stirbt, als er sechs Monate alt ist; seine Mutter, eine Dorfschullehrerin, erzieht ihn im pietistischen Ernst der „Pfingstkirche“.

Enquist widersteht der Forderung der Mutter, Pastor zu werden, entdeckt seine schriftstellerische Begabung und träumt von einer Karriere als Leistungssportler. Nach dem Militärdienst beginnt er ein Studium der Literaturwissenschaften in Uppsala. Als Hochspringer nimmt er erfolgreich an Wettkämpfen teil.

„Das Kristallauge“, Enquists erster Roman, erscheint 1961. Der Autor arbeitet als Theater- und Literaturkritiker sowie als politischer Publizit. Nach längeren Aufenthalten in West-Berlin, Los Angeles, Paris und Kopenhagen lebt Enquist seit 1977 wieder in Schweden.

Zu den bekanntesten Werken Enquists gehören die Romane „Der fünfte Winter des Magnetiseurs“ (1964), „Die Ausgelieferten“ (1968), „Auszug der Musikanten“ (1978), „Kapitän Nemos Bibliothek“ (1991), „Der Besuch des Leibarztes“ (1999) und „Lewis Reise“ (2003). Neben Theaterstücken schrieb er unter anderem das Drehbuch zur Fernsehserie „Strindberg. Ein Leben“ (1982) und zu Jan Troells Film „Hamsun“ (1996). Enquists neues Buch, „Ein fremdes Leben“, erscheint Anfang März im Hanser Verlag.

Quelle: F.A.Z.
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