Imre Kertész ist gestorben

Er kam aus dem Nichts, über das er schreiben sollte

Von Hubert Spiegel
 - 18:14

Das Böse hielt er für erklärbar, das Gute blieb ihm ein Rätsel. Er war ein Gigant der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, der aus jener besonderen Form des Nichts kam, über die er sein Leben lang schreiben sollte. Ein Gigant der Negation und des gnadenlosen, weil nahezu jeder denkbaren Illusion beraubten Blicks, der jedoch an die Güte glaubte. Nicht als Tugend, sondern als vernunftwidrige Manifestation des Willens zur Freiheit, einer aufbegehrenden, radikalen Freiheit, die ihren Ausdruck darin findet, „allem zu trotzen, was ist“, wie es der Literaturwissenschaftler Lásló F. Földényi formuliert hat.

Imre Kertész, der als Vierzehnjähriger im Sommer 1944 auf dem Hof einer Budapester Polizeikaserne eine halbe Stunde lang in den Lauf eines auf ihn gerichteten Maschinengewehrs blicken musste, hat die Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebt, aber er tat dies als „Schicksalloser“, der einen Teil von sich zurückließ in den Lagern. Was er hier hatte lernen müssen, nämlich die „Nichtigkeit unserer Person, unserer Individualität, unseres Daseins“ zu erkennen, hat er in seinen Werken auf einzigartig paradoxe Weise beschrieben, um es zu bestätigen und zugleich zu widerlegen. Als er 1962 zum ersten Mal nach seiner Befreiung nach Auschwitz zurückkehrt, irrt er wie ein Fremder über fremde Schauplätze und begreift plötzlich, „was man gemeinhin als Vergänglichkeit bezeichnet und wie teuer mir das war, was mir durch sie verlorenzugehen drohte“. Er beschließt, sich auf sein Gedächtnis verlassend, „alles von neuem zu erschaffen“.

Entdämonisierung der Konzentrationslager

Imre Kertész hat die Konzentrationslager, die er als Folge, nicht als Ursache der neuzeitlichen menschlichen Verlorenheit verstand, in seinen literarischen Werken entdämonisiert und damit zugleich in Frage gestellt, ob Auschwitz jemals aufgehört hat zu existieren, wenn doch die Voraussetzungen, die nötig waren, damit Auschwitz entstehen und über Jahre hinweg betrieben werden konnte, nicht aufgehört haben zu existieren: „Mag sein, dass der Satan selbst, wie Jago, irrational ist, seine Geschöpfe aber sind sehr wohl rationale Wesen, alle ihre Taten lassen sich ableiten wie eine mathematische Formel“, heißt es in „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“, dem 1990 erschienenen dritten Teil der Tetralogie der Schicksallosigkeit, die Kertész 1975 mit dem „Roman eines Schicksallosen“ eröffnet hatte.

Das Paradoxon, das gerade das Sprechen über Auschwitz, die „Festung der Vernunft“, mit Tabus belegt sein sollte, wo doch Auschwitz selbst ein einziger Tabubruch war, hat Kertész mit einem Satz davongefegt, der wohl zurecht als gewagteste Formulierung der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet worden ist. Wenn Kertész im „Roman eines Schicksallosen“ vom „Glück der Konzentrationslager“ spricht, dürfen wir uns das charakteristische Lächeln des Autors dabei vorstellen, seinen oft amüsiert wirkenden Gesichtsausdruck, der leicht umschlagen konnte in jenes Lachen, das sein Freund und Kollege Péter Esterházy beschrieben hat: „Das ist kein Grinsen, aber doch mehr als ein Lachen, sein Vater ist das Wiehern, das schallende Gelächter seine Mutter. Von diesem grandiosen, gelächterartigen Etwas müssten wir reden, seiner Einfachheit und kosmischen Natur, seiner Kraft, seiner Heiterkeit, seiner Verzweiflung, seiner Glückseligkeit, seiner Einsamkeit.“ Fast scheint es, als würde Kertész genau hier anknüpfen wollen, wenn er im „Galeerentagebuch“ von 1993 sagt, dass der Mensch den Humor nur wegen der Unzulänglichkeit Gottes erfunden habe. Wäre Gott vollkommen, gäbe es kein Gelächter. Ist also jedes Lachen als Gottesbeweis zu verstehen?

Am Ende des Kurzromans mit dem Titel „Das Gelächter“, den der Ich-Erzähler in „Kaddisch“ zu schreiben plant, sollte der Held auf dem Boden sitzend gezeigt werden, „wie er sich, von einem unstillbaren Gelächter geschüttelt, nach vorn und hinten biegt.“ Eine Beckettsche Szene: Der einsame Held lacht und pendelt dabei abwechselnd zurück in das Nichts, den Schatten Gottes, und wieder nach vorn ins Absurde, in die menschliche Existenz, das Leben, von dem Kertész im Oktober 2001 in seinem Tagebuch sagt, es sei ein Irrtum, den auch der Tod nicht korrigiere: „Der Mensch errichtet sein Leben auf der Lüge, weil er nicht anders kann. Der Tod macht zwar der Lüge ein Ende, setzt jedoch nicht die Wahrheit an ihre Stelle, er dient höchstens zum bestürzten Erkennen der Lüge.“

Mit 86 Jahren gestorben
Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist tot
© dpa, afp

Kertész hätte hier auch vom bestürzten Erkennen der Lage sprechen können, aber wie groß wäre in seinen Augen der Unterschied gewesen? Seine eigene Lage erkannte er 1955 in einem geradezu ekstatischen Moment, den er sowohl in seinem Roman „Fiasko“ als auch in seiner Nobelpreisrede im Jahr 2002 beschrieben hat: Auf dem Flur eines menschenleeren Amtsgebäudes stehend, hört er die Schritte eines Herannahenden, „und obwohl sie nur von einer einzigen, unsichtbaren Person stammten, ergriff mich plötzlich das Gefühl, als vernähme ich die Schritte Hunderttausender. Es war, als würde eine Marschkolonne herankommen, mit dröhnendem Schritt, und ich begriff mit einem Mal, welche Sogkraft von dieser Kolonne, diesen dröhnenden Schritten ausging.“

Schreiben als Existenzform

Was Kertész hier spürt, ist der Magnetismus der Masse und ihre Verheißung der rauschhaften Selbstaufgabe. Was er findet, ist etwas anderes: „Mein Leben, das ich fast schon verloren hatte.“ Kertész ist siebenundzwanzig Jahre alt, ein Überlebender der Lager Auschwitz und Buchenwald, der seine Eltern durch die Nationalsozialisten und seine Großeltern durch die Kommunisten verloren hat, als er im Schreiben die einzige ihm mögliche Existenzform erkennt. Was ihn von der Literatur in ihren bis dahin geläufigen Formen trennt, ist das Thema der Literatur, die er selbst erschaffen wird. Auschwitz ist der Name dieser „Demarkationslinie“: „Wenn jemand über Auschwitz schreibt, dann muss ihm klar sein, dass Auschwitz die Literatur – wenigstens in einem bestimmten Sinn – aufhebt.“

Dreizehn Jahr lang arbeitet Kertész am „Roman eines Schicksallosen“, in dem er seine Erlebnisse in den Lagern verarbeitet und dafür eine autobiographische Form verwendet, ohne eine Autobiographie im Sinn zu haben. Das Autobiographischste an diesem Buch, sagte er mit einem typischen Paradoxon, sei, dass es darin „nichts Autobiographisches gibt“. Kertész versteht den Roman als „Arbeit an sich selbst“, die Literatur wird zur lebenserhaltenden Medizin, zum Gegengift, das dabei hilft, den Selbstmord aufzuschieben. Der Kugelschreiber erscheint als „Infektionsherd“, aus dem die Schrift sekretartig austritt, mal „als wäre er eine mir in die Vene gestochene Kanüle“, aus der in roten Buchstaben der Text aufs Papier fließt, dann wieder als Spaten, mit dem der Autor sich sein eigenes Grab schaufelt, „fleißig wie ein Zwangsarbeiter, den man Tag für Tag hervorpfeift, dass er den Spaten tiefer steche, dass er die Geige dunkler streiche und süßer spiele den Tod“.

Er schreibe zwar über Auschwitz, sagte er ein Jahr, bevor er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, „aber man hat mich nicht dazu nach Auschwitz gebracht, damit ich den Nobelpreis bekomme, sondern damit ich umgebracht werde. Alles, was mir darüber hinaus geschehen ist, ist Anekdote.“ In „Kaddisch“ beschreibt der Ich-Erzähler, wie er krank im Lager liegt und auf seine Verpflegungsration wartet, die jedoch versehentlich einem anderen Mann gegeben wird, den er sofort aus den Augen verliert. Doch plötzlich taucht der Mann wieder auf und legt dem Halbwüchsigen sein Essen auf die Bahre. In der Logik des Lagers ist das eine vernunftwidrige Handlung. In der Logik des Ich-Erzählers ist sie ein Akt der unerklärlichen Güte, der die Überlebenschance des Mannes mindert. Und zugleich bedeutet sie seine „einzige wirkliche Chance zu überleben“. In diesem Sinne wollte Kertész sein fortwährendes Nachdenken über Auschwitz als Reflexion über eine mögliche Zukunft der Menschheit verstanden wissen. Am Donnerstag ist Imre Kertész in Budapest, das nie wieder zu seiner Heimat wurde, im Alter von sechsundachtzig Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert (igl)
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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