John Green im Gespräch

Das Internet lenkt ab vom Schmerz

Von Lisa Goldmann
 - 12:04
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Mr. Green, Sie sind ein bekannter Schriftsteller und zugleich im Internet ein Video-Star. Nun sind Internet und Literatur zwei sehr unterschiedliche Medien: Das eine ist auf Schnelligkeit und Interaktion ausgelegt, das andere, der Roman, eine notwendig einseitige Form der Kommunikation. Wie lebt es sich in diesen zwei Welten?

Romane sind für mich nicht einseitig. Klar, ich schreibe lange vor mich hin, und dann lasse ich den Leser erst einmal allein mit dem Text. Aber er wird zum Ko-Kreativen: Er muss die Geschichte selbst erschaffen aus Zeichen auf Papier, die ohne seine Vorstellungskraft rein gar nichts aussagen. Filme nehmen dir viel mehr Arbeit ab, die Bilder zeigen, was du sehen, die Musik sagt, was du fühlen sollst. Bei Büchern muss der Leser alles selbst machen.

Der Roman „Margos Spuren“, der im Original „Paper Towns“ heißt, war ihr drittes Jugendbuch. Jetzt kommt die Verfilmung ins Kino. Sie haben die Dreharbeiten begleitet, aber das Drehbuch nicht selbst geschrieben. Ist es Ihnen schwergefallen, die Geschichte loszulassen?

Ein bisschen. Aber sobald ein Buch erschienen ist, ist es nicht mehr meine Geschichte, sondern sie gehört allen, und sie kann ohne mich weiterwachsen, größer und besser werden. Ich glaube, diese Einstellung habe ich auch durchs Internet gelernt, wo immer alles weiterwächst und zur Diskussion steht.

Margo Spiegelmann, die Protagonistin des Romans, hat ja sogar einen eigenen Twitter-Account ...

Ja, das habe ich auch gesehen! Ich kenne die Person, die dahintersteckt, nicht, aber sie gibt eine sehr überzeugende Margo ab.

Margo ist, wie fast alle Ihre Helden und auch die meisten Ihrer Fans, noch ein Teenager. Sie selbst sind inzwischen siebenunddreißig.

Ich weiß, ich bin alt! Aber im Gegensatz zu vielen anderen Erwachsenen unterschätze ich Jugendliche nicht. Sie sind sehr interessiert und offen, und sie stellen die großen, existentiellen Fragen auf so grundsätzliche, leidenschaftliche Art, wie Erwachsene es verlernt haben.

Verarbeiten Sie in Ihren Romanen auch Ihre eigene Jugend? Quentin, der männliche Held in „Margos Spuren“, der glaubt, in der wilden Nachbarstochter eine Gleichgesinnte gefunden zu haben, ist ein Außenseiter, der lieber am Computer spielt, als auf Partys zu gehen.

Ja, da steckt viel von mir drin. Ich bin in Orlando, Florida aufgewachsen und war definitiv ein Nerd und oft einsam. Mädchen habe ich aus der Ferne angehimmelt und viel Zeit vor dem Computer verbracht. Mein Vater ist sehr technikbegeistert, so dass wir schon Anfang der Neunziger einen Internetzugang hatten - da war ich etwa dreizehn, mein Bruder Hank zehn. Damals bestand das Internet noch aus grüner Schrift vor schwarzem Hintergrund, aber man konnte sich bereits mit Gleichgesinnten austauschen.

Literatur spielt in Ihrem Leben, Ihren Videos und auch in Ihren Büchern eine große Rolle. In „Margos Spuren“ geht es zum Beispiel viel um Walt Whitman und seinen Gedichtzyklus „Grashalme - Leaves of Grass“. Können Ihre jugendlichen Leser damit überhaupt etwas anfangen?

Na klar, kann ich doch auch. Als ich Whitman gelesen habe, war er seit hundert Jahren tot, mittlerweile ist er seit hundertzwanzig Jahren tot, das macht keinen großen Unterschied. Womit jeder etwas anfangen kann, sind seine universellen Ideen. Wir alle kennen das Gefühl, mit anderen Menschen verbunden zu sein und uns gleichzeitig allein und unverstanden zu fühlen. Das ist immer noch relevant. Allerdings hätte ich vor sieben Jahren, als ich „Margos Spuren“ schrieb, niemals gedacht, dass es irgendwann von so vielen deutschen Teenagern gelesen werden würde. Aber es freut mich sehr, wenn sie Whitman und seine „Grashalme“ auf diese Weise kennenlernen.

Kinotrailer
„Margos Spuren“
© Twentieth Century Fox, Twentieth Century Fox

Seit Jahren wird gejammert, dass Jugendliche immer weniger lesen. Stimmt das überhaupt?

Ich glaube das nicht. Um die Erwachsenen mache ich mir diesbezüglich viel mehr Sorgen. Die meisten, die in diesem Jahr Whitmans „Leaves of Grass“ lesen werden, sind Jugendliche. Weil sie es in der Schule durchnehmen. Nicht alle wird es interessieren, aber viele werden sich doch damit beschäftigen.

Muss sich der Roman in Zeiten des Internets und immer kürzerer Aufmerksamkeitsspannen Ihrer Meinung nach verändern? Zum Beispiel durch neue Möglichkeiten zur Interaktion in E-Readern?

Das ist eine spannende Frage. Ich glaube, die Person, die das erste wirklich neuartige, mit multimedialen Inhalten angereicherte E-Book verfasst, ist heute noch auf der Highschool. In Ansätzen gibt es das natürlich schon, und das Erlebnis ist ein ganz anderes als beim regulären Lesen. Aber ich bin altmodisch. Ich kaufe immer noch Bücher, ich mag bedrucktes Papier. Vor allem schätze ich die stille, konzentrierte Aufmerksamkeit, die man zum Lesen braucht. Dass man eben gerade nichts anderes machen oder schnell nachschlagen kann. Die Fähigkeit, etwas unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, macht uns zu besseren Menschen, davon bin ich überzeugt. Ich glaube sogar, dass Aufmerksamsein der Sinn des Lebens ist.

Lenkt uns das Internet davon ab?

Teilweise. Es gibt so viel sinnloses Zeug im Netz. Nicht, dass ich den Reiz nicht verstehe, im Gegenteil. Das ist jetzt sehr persönlich, aber ich selbst spüre einen ständigen, tiefen Schmerz in mir. Es ist eine Leere, eine Art körperlich schmerzhafte Langeweile. Sie ist immer da, am Rande meines Bewusstseins, und einen großen Teil meiner Zeit verbringe ich damit, mich von diesem Schmerz abzulenken. Vieles im Netz bietet dazu eine sehr einfache Gelegenheit. Aber es ist letztlich völlig bedeutungslos. Andererseits kann das Netz aber auch das Gegenteil von Ablenkung sein, es kann uns helfen, uns selbst und unsere Mitmenschen noch besser wahrzunehmen.

Wie zum Beispiel?

Kennen Sie One Direction?

Die britische Teenie-Band?

Ja. Ich habe deren Musik noch nie gehört, aber sie haben eine tolle Community. Ich liebe deren Fan-Fiction und die Kunst, die sie erschaffen. Sie bringt Menschen zusammen, die sich sonst nie gefunden hätten, und sie macht deren Leben größer und schöner und besser. Die Leute machen sich gerne lustig über die One-Direction-Fans, aber ich finde sie großartig! Das Internet ist so ein kollaborativer, offener Ort, darauf möchte ich mich auch in meinen Videos konzentrieren.

Im Netz herrscht aber auch ein erbitterter Kampf um Aufmerksamkeit. Sie müssen es wissen: Wie bekomme ich die?

Ganz ehrlich: Wenn mein Bruder und ich unseren Videoblog heute beginnen würden, hätten wir absolut keine Chance. Zwei Typen, die über irgendwelche Dinge reden, die sie gerade interessieren - lächerlich. Aber als wir im Januar 2007 loslegten, hatte Youtube noch eine relativ kleine, dafür sehr engagierte Community. Die braucht man, um ein Publikum zu erreichen. Heute würden wir wahrscheinlich zu Periscope gehen. Und man muss Durchhaltevermögen mitbringen. Hank und ich haben bestimmt hundert Videos gemacht und ins Netz gestellt, bevor wir mehr als tausend Zuschauer hatten.

Wissen Sie inzwischen im Vorfeld, welche Reaktionen Sie auf Ihre Videos bekommen werden?

Ich habe mittlerweile eine vage Vorstellung davon, wie viele Menschen ein Video wohl sehen werden. Aber ich bin jedes Mal wieder sehr gespannt und aufgeregt, welche Diskussionen sich daraus entspinnen. Zum Glück haben wir sehr großzügige, rücksichtsvolle und intelligente Zuschauer. Sie haben keine Hemmungen, mir zu sagen, wenn ich falsch liege, aber sie machen das sehr freundlich und bieten ihre Hilfe an.

Ihre Community scheint wirklich eine Insel der Freundlichkeit, es gibt kaum Trolle.

Wir haben uns das über Jahre aufgebaut. Wir versuchen nicht, so viele Menschen wie nur irgendwie möglich zu erreichen, sondern wünschen uns eine langlebige Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die Interesse am wechselseitigen Austausch haben. Und davon gibt es mehr, als man vielleicht denkt. Mein Bruder Hank und ich betreiben zum Beispiel auch „Crash Course“, einen Bildungskanal auf Youtube, auf dem wir über Themen wie Literatur, Geschichte oder Chemie sprechen. Die Videos dauern im Schnitt zehn bis fünfzehn Minuten und sind relativ komplex und differenziert. Trotzdem lassen sich viele Menschen darauf ein. Es gab allerdings auch eine Phase, da haben wir es ein bisschen anders gemacht.

Wie denn?

Vor ein paar Jahren, so 2009, 2010, haben wir versucht, noch mehr Zuschauer zu bekommen. Also haben wir viele Top-Ten-Listen veröffentlicht, „Die zehn unglaublichsten Explosionen der Menschheitsgeschichte“, solche Sachen. Aber nach einer Weile haben wir gemerkt, dass die, die das anklicken, nicht bleiben. Also haben wir es wieder gelassen. Das Netz ist auch so schon voll genug mit Superlativen.

Die vielen Begabungen des John Green

Ausgerechnet Giraffen hat John Green seinen größten Internet-Hit zu verdanken. Genauer: dem Giraffen-Sex. Über 42,5 Millionen Mal wurden die drei Giraffen-Videos angeklickt, die Green auf dem Youtube-Kanal „VlogBrothers“ veröffentlicht hat, den er seit acht Jahren zusammen mit seinem Bruder Hank betreibt. Die Spannbreite, in der sich John Green bewegt, reicht von Lustig-Nerdigem und ernsten Themen wie Politik, Liebe und dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, bis hin zu Krankheit und Tod.

Sein Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von 2012, der sich insgesamt gut elf Millionen Mal verkauft hat und im vergangenen Jahr verfilmt wurde, erzählt von zwei todkranken Jugendlichen, die sich erst ineinander und dann in ein Buch verlieben, das sie bis nach Amsterdam führt.

Jetzt kommt die zweite Verfilmung eines Green-Romans in die Kinos: „Margos Spuren“. In dem 2010 in Deutschland erschienenen Buch sucht ein Teenager nach seiner verschwundenen Klassenkameradin Margo und muss dabei feststellen, dass er sie in seiner jugendlichen Verliebtheit völlig verklärt hat.

Quelle: F.A.Z.
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