Pamphlet über die Filmbranche

Der Ekel

Von Julia Encke
 - 18:05
zur Bildergalerie

Ein Mann schreibt ein Buch über seine „Herkunft“. Es ist nicht irgendeine Herkunft. Der Mann ist der Filmregisseur Oskar Roehler. Er wurde durch „Die Unberührbare“ berühmt, durch jenen Film über seine Mutter, für den er im Jahr 2000 den deutschen Filmpreis bekam. Die Mutter, im Film gespielt von Hannelore Elsner, war die Schriftstellerin Gisela Elsner. Sie hieß hier zwar anders, war aber durch eine riesige schwarze Perücke und die schwarz geschminkten Augen unschwer zu erkennen. In diesem schwarzen Femme-fatale-Auftritt hatte sich Gisela Elsner Anfang der sechziger Jahre bei einer Tagung der Gruppe 47 einen Namen gemacht und ihren Mann, den Lektor Klaus Roehler, der auch schrieb, in den Schatten gestellt.

In „Die Unberührbare“ kamen aus dem Fernseher Jubelnachrichten von der ersten Nacht am offenen Brandenburger Tor, und vor dem Fernseher in ihrem Münchner Wohnzimmer saß die Mutter, hielt sich an einer letzten Zigarette fest und sagte in den Telefonhörer: „Ich bring’ mich jetzt um.“ Im Roman „Herkunft“ kehrte Oskar Roehler in die Vergangenheit zurück, wieder nicht ausdrücklich autobiographisch, aber doch deutlich angelehnt an seine eigene Geschichte: Oskar Roehler ist der Sohn von Klaus Roehler und Gisela Elsner. Die Mutter setzte sich ab, als er drei war; der Vater vernachlässigte den Jungen schwer. Das Buch erzählte von diesen Vernachlässigungen.

Roehler ist einzigartig in seiner Radikalität

Und es war nicht irgendein Buch. Es war eins der unerbittlichsten und berührendsten Bücher über die alte Bundesrepublik überhaupt, mit dem der Schriftsteller Oskar Roehler mit voller Wucht die Bühne der deutschen Literatur betrat – atemberaubend sprachsicher und radikal. Seine Radikalität lag nicht so sehr in der Art und Weise, wie er erzählte, sondern in dem, was erzählt wurde: die Misshandlungen als Baby, das die Eltern in ihrem Künstlersein störte und das mit vollgeschissenen Windeln einfach auf den Schrank gesetzt wurde; je lauter es schrie, desto lauter hämmerte die Mutter mit der Schreibmaschine gegen das Geschrei an; die gefährliche Einsamkeit als Schlüsselkind auf Berliner Spielplätzen.

In seinem zweiten Buch, „Mein Leben als Affenarsch“, hat Oskar Roehler – wieder angelehnt an seine eigene Geschichte – über die Paranoia und den Stillstand der achtziger Jahre in West-Berlin geschrieben. Auch hier war vor allem krass, was passierte. Es ging um die Exzesse eines Punks – vom Peepshow-Job bis zu Speed-Abstürzen: „Ich gerate so in Rage, dass ich ausschere und erneut in den Landwehrkanal springe. Ich kraule, ja, ich schwimme sogar Butterfly, trotz des Wehrmachtsmantels. Ich spüre, die Wahrheit des Augenblicks besteht darin, dass ich der Ausdruck des gesammelten Wahnsinns von Westberlin bin – das Wahrzeichen sozusagen.“

Und das ist jetzt anders. „Selbstverfickung“ heißt der neue Roman, immer noch lassen sich autobiographische Versatzstücke erkennen (diesmal geht es um einen Filmregisseur). Doch wird keine extreme Geschichte mehr erzählt. Es wird eigentlich gar keine Geschichte erzählt: „Was hatte er gestern Abend getan? Diese Frage sei erlaubt, lieber Leser, da es in dieser Geschichte nicht darauf ankommt, die Handlung voranzutreiben. Denn es gibt keine Handlung, zumindest keine äußere.“ Roehlers Roman ist ein Pamphlet, obszön, hart und direkt. Knapp sechzig ist der abgehalfterte Berliner Regisseur, der sich seinen Namen Gregor Samsa aus Kafkas „Verwandlung“ ausgeliehen hat. Er ist angewidert von der Filmbranche, die ihn groß gemacht und ernährt hat und die er nun verachtet: die Verlogenheit der Filmleute, ihre Oberflächlichkeit, ihre Unterwerfungslust, die große innere Leere. Er hasst das alles. Er kann es nicht mehr ertragen und lässt seiner Wut in einer allein von Bordellbesuchen und KaDeWe- oder Galerie-Lafayette-Einkäufen unterbrochenen Schimpftirade freien Lauf. Er erleichtert sich, ohne dabei Erleichterung zu finden.

Es gehört zur Geschichte dieses Buchs, dass der Ullstein-Verlag, in dem es jetzt erschienen ist und der auch Roehlers erste Bücher verlegt hat, es erst nicht haben wollte. Der Autor hatte sein Manuskript fertig, die Verlegerin kam mit Einwänden, Roehler, auch darin ist er gut, überwarf sich mit ihr, bot es anderen Verlagen an. Die allermeisten waren zurückhaltend, und jene, die wollten, wollte er dann nicht, bis er sich mit Ullstein versöhnte und ins Lektorat einwilligte. Das alles mag einiges über den hypersensiblen Charakter des Autors verraten. Aber es verrät auch etwas über die Verlagswelt. „Selbstverfickung“ ist das Gegenteil eines gefälligen Buchs; nichts darin ist schön, das allermeiste dagegen schmutzig. Und schmutzig machen wollen sich die meisten offenbar lieber nicht. Da verlegen sie lieber irgendwas aus dem Nachlass von Charles Bukowski oder von Hunter S. Thompson. Das ist auf jeden Fall eine sichere Sache.

Die Nasenlöcher des Schauspielers stören!

Dabei ist „Selbstverfickung“ dort, wo es um die Filmwelt geht – es sind die besten Passagen des Buchs –, in seiner Überdrehtheit und eher lustvollen als kalten Wut vor allem auch lustig: „Wenn er morgens ans Set kam, schleppten die Arbeitssklaven der Lichtabteilung mit ihren übermüdeten Gesichtern all den schweren Kram heran, den der miese Darsteller brauchte, um in ein gutes Licht gesetzt zu werden“, heißt es da. Und es folgt die Szene dieses Schauspielers namens Held, der bei der Probe eigentlich nur einen kleinen Nebensatz zu sagen hat. Er soll die Schwiegermutter fragen, wo die Küche ist. Der genaue Satz lautet: „Wo ist die Küche?“ Der Schauspieler jedoch fängt gleich damit an, dass er nicht wisse, wie er diesen Satz sprechen solle, leise oder laut, aggressiv oder verhalten. Das Drehbuch gebe hier keinen Anhaltspunkt. „Held suchte offenbar wieder den kleinsten Anlass, sich aufzuspielen und ,den Regisseur herauszufordern‘.“

Dieser setzt seinen Darsteller, an dem ihn vor allem die Nasenlöcher stören, daraufhin an die frische Luft („Held hatte winzige Nasenlöcher. Konnte er überhaupt atmen? Die kleinen Nasenlöcher hatten etwas Piefiges, Spießiges, das auf Engherzigkeit und Kleingeistigkeit schließen ließ“). Und bleibt mit einer Hauptdarstellerin zurück, der angeblich egal ist, wer „unter ihr spielt“, sie könne notfalls auch gegen eine Wand spielen, wozu es aber nicht kommt. Stattdessen kriegt sie einen hysterischen Anfall: „Sie riss sich los, warf sich auf den Boden, heulte und beschimpfte ihn. Er sei ein Monster: Ein Monster! Dabei spuckte sie. Schließlich verbiss sie sich in den Teppich, den sie gleichzeitig mit ihren Klauen bearbeitete. Er sah dem Schauspiel selbstvergessen zu, so fasziniert war er davon“.

Beim „großen Produzenten“ denkt man gleich: Eichinger

Mit der Geringschätzung verbindet sich aber kein Gefühl der Überlegenheit. In der gleichen Weise, in der er die anderen verachtet, verachtet er auch sich selbst und geht mit sich ebenso hart ins Gericht. Er bewundert die Filmregisseure John Waters, Jon Jost und Richard Kern, „krasse Typen“, die, wie ihm einfällt, allerdings wirklich gegen das Establishment waren und deshalb ihre Filme selbst finanzierten, während er Fördergelder kassiert und sich ein gemütliches Leben finanziert: „Er war ein Heuchler, und seine großen Vorbilder hätten ihn ausgelacht.“ Er lässt die „Figuren der Branche“ (in einem der „großen Produzenten des Landes“ deutlich zu erkennen: Bernd Eichinger) auftreten – und ist selbst nur eine lächerliche Figur, einer von ihnen.

Um die eigene innere Leere zu kompensieren, geht er ins Bordell. Und zwar obsessiv und ständig. Der Roman ist voller solcher Bordellszenen (am Ende hat man das Gefühl, sich in den einschlägigen Etablissements in Berlin-Charlottenburg ganz gut auszukennen), die in detaillierten Schilderungen die ganze Trostlosigkeit eines verzweifelt um sein Leben Rammelnden und eigentlich doch durch nichts zu befriedigenden Egoshooters vorführen. Denn Roehlers Gregor Samsa interessiert sich allein für sich selbst, für niemanden sonst. Die manische Erzählung von „Selbstverfickung“, darin ist der Titel des Buchs absolut treffend, ist eine total solipsistische Angelegenheit, die dem Autor nur dort aus dem Ruder läuft, wo er offenbar glaubt, noch mal dicker auftragen zu müssen, damit nicht nur der Ekel seines Protagonisten, sondern auch sein Protagonist als Ekel klar vor Augen steht. Das gilt vor allem für seine rassistischen Ausfälle zu Beginn des Romans, die einen beim Lesen beinahe gleich aus dem Buch werfen. Sie wirken so, als hätte der Autor sich hier mit bewusst aggressiver politischer Inkorrektheit erst mal in eine böse Stimmung bringen wollen; wie eine Pose, dabei sind sie völlig unnötig, weil sie mit dem weiteren Verlauf dann eigentlich kaum noch etwas zu tun haben.

Am Ende von „Selbstverfickung“ zieht sich Gregor Samsa mit seiner Tochter in sein Haus in Sizilien zurück, verwandelt sich zwar nicht in einen Käfer, kann aber vor Weltekel nur noch krabbeln und kriechen und sagt: „Wuff, wuff.“ Die Tochter, das ist die einzig Unversehrte in diesem Roman, die Möglichkeit einer Liebe. Jenseits von ihr liegt mit dem Protagonisten alles im Dreck. Auch „Herkunft“ und „Mein Leben als Affenarsch“ erzählten schon vom Dreck und der Verzweiflung. Der neue Roman ist exzessiver in seiner Negativität und manchmal blind in seiner Wut. Das ist nicht schön, man muss für den Dreck schon etwas übrig haben. Aber wer sagt denn, dass Literatur unbedingt schön sein muss.

Oskar Roehler: „Selbstverfickung“. Roman. Ullstein, 272 Seiten, 20 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHannelore ElsnerOskar RoehlerGruppe 47Ullstein