Im Gespräch: Kazuo Ishiguro

Belügen Sie sich selbst, Mister Ishiguro?

Von Thomas David
 - 13:55

Mister Ishiguro, was meinen wir, wenn wir sagen, jemand habe ein "gutes Leben"?

Diese Frage könnte von Sokrates stammen. Handeln nicht die frühen Dialoge Platons von der Schwierigkeit, ein "gutes Leben" zu definieren?

Wie würden Sie es definieren?

In mehreren meiner Romane, insbesondere in früheren, gibt es Figuren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt meinen zu wissen, was ein gutes oder schlechtes Leben ist und was die Prioritäten des Lebens sind. Normalerweise geschieht dann aber etwas, das diese Gewissheit ins Wanken bringt. Die Zeitläufte mischen sich zum Beispiel ein, oder die Figur wird älter und erkennt, dass sie ihr Leben auf falschen Werten oder Idealen aufgebaut hat. So wie der Butler Stevens in meinem Roman "Was vom Tage übrigblieb", der seine Werte aus dem jeweiligen ideologischen Klima bezieht, das ihn umgibt. Nicht selten erweisten sich das Übernommene jedoch als falsch oder gefährlich, und ich habe in einigen meiner Romane zu zeigen versucht, wie schwer es ist, von seinen Idealen abzulassen und über das vorherrschende Klima hinauszublicken. Statt zu definieren, was ein gutes Leben ausmacht, habe ich eher zu beschreiben versucht, wie schwierig es ist, ein solches zu führen.

Auch einige Figuren Ihres neuen Buchs, "Bei Anbruch der Nacht", machen sich Illusionen über ihr Leben.

Der Unterschied ist allerdings, dass die meisten dieser Figuren sehr viel jünger sind als die Protagonisten früherer Bücher und nicht erst im Rückblick erkennen müssen, dass sie ihr Leben an die falschen Ideale vergeudet haben: Die fünf Erzählungen zeigen ihre Figuren oft in eben jenem Augenblick, in dem sie aufwachen und anfangen, ihre Träume oder die Identitäten, die sie in jüngeren Jahren für sich konstruiert haben, in Frage zu stellen, um dann in der Realität überleben zu können. Es handelt sich um den Moment, in dem man sich fragt: Ist alles bloß Illusion?

Ist es überhaupt erstrebenswert, die Wahrheit über sich selbst zu kennen?

Um sich zu schützen, ist ein gewisses Maß an Selbsttäuschung nützlich. Insbesondere, wenn man am Ende seines Lebens zurückblickt, neigen viele dazu, ihre Abwehrmechanismen zu mobilisieren. Man tut sein Bestes, um sich eine gewisse Würde zu bewahren, und selbst, wer sich ein Scheitern eingesteht, wird versuchen, diesem Scheitern einen gewissen Spin zu geben. Es ist schmerzhaft, sich die Wahrheit einzugestehen, es erfordert Mut. Ich habe versucht, in meinen Büchern immer respektvoll mit denjenigen umzugehen, die ihn aufbringen.

Ist Schreiben ein Weg der Selbsterkenntnis?

Vielleicht ist das ein unterbewusstes Motiv meiner Arbeit, aber sicherlich nicht in dem Sinne, dass meine Bücher autobiographischen Charakter haben. Auf einer tieferen Ebene muss es aber wohl dennoch so sein, dass ich mich von bestimmten Themen und Problemen angezogen fühle, weil sie für mich persönlich von zentraler Bedeutung sind. Ich bin kein Schriftsteller, der auf eine völlig distanzierte und intellektuelle Weise über etwas schreibt: Es muss immer etwas geben, das mich persönlich anspricht, aber dabei muss es sich nicht notwendigerweise um eine Idee oder einen Gedanken handeln, es geht mir vielmehr auch darum, bestimmte Stimmungen und Gefühle zu erzeugen, mit denen ich etwas verbinde. Es ist fast so, als wäre ich auf der Suche nach einer bestimmten Musik, die ich nirgendwo sonst auf der Welt hören kann und daher selbst erzeugen muss.

In "Cellisten", einer der Erzählungen Ihres neuen Buchs, ist die selbsterklärte Cellistin Eloise McCormack so darum bemüht, ihre vermeintliche Begabung vor Leuten zu schützen, die sie zerstören könnten, dass sie nie auf ihrem Instrument spielt. Wie schützt man seine Begabung vor den eigenen Illusionen?

Einige, mit denen ich über das Buch gesprochen habe, waren über diese Figur verärgert und fühlten sich an Leute erinnert, die sie kannten. Das mag sein. Aber kennt nicht jeder von uns einen großen Schriftsteller, der bisher noch keine Zeit gefunden hat, einen Roman zu schreiben? Jemanden, der den Status für sich beansprucht, etwas Außergewöhnliches leisten zu können, ohne dies jemals zu tun? Die psychologische Strategie, etwas aufzuschieben, weil angeblich die Umstände nicht stimmen oder man angeblich eine Verantwortung für sein Talent verspürt, die einen vorerst noch davon abhält, sich darin zu üben, dient nicht wenigen Leuten als Ausrede von erstaunlicher Überzeugungskraft. Selbst, wenn die meisten vielleicht nicht so verwegen sind und wie Eloise behaupten, eine große Cello-Virtuosin zu sein, ist die Vorstellung, eine besondere Sensibilität zu haben, eine künstlerische Ader, ziemlich verbreitet. Es spielt offenbar keine Rolle, ob man seine Begabung auslebt, solange man auf diese Weise einen besonderen inneren Wert bezeichnen kann.

Der junge Musiker, der in "Cellisten" Eloises Talent anzweifelt, empört sich über das Selbstbild der Frau mit den Worten: "Wir anderen, Miss Eloise, wir müssen unseren ganzen Mut zusammennehmen und uns freilegen, wie Sie sagen, ohne je sicher sein zu können, was wir unter den Schichten finden werden. Sie aber machen sich gar nicht erst die Mühe, sich freizulegen." Erfordert es Mut, sein Talent auszuprobieren?

Ich fürchte schon, deshalb verweilen so viele Leute lieber im Land der Möglichkeiten. Es lebt sich dort bequemer und weniger riskant. Als ich Ende der siebziger Jahre den Creative-Writing-Kurs von Malcolm Bradbury und Angela Carter an der University of East Anglia besuchte, merkte ich, dass viele meiner Kommilitonen darunter litten, keine Hausarbeiten schreiben oder andere konkrete Erwartungen erfüllen zu müssen. Sie hatten einfach nur zwölf Monate Zeit, ungestört zu schreiben, und einige von ihnen brachen unter dieser Anforderung zusammen: weil es plötzlich keine Ausreden mehr gab, hinter denen sie sich verstecken konnten. Manche Studenten waren Mitte dreißig und hatten zwanzig Jahre damit verbracht, ihren Freunden zu erzählen, dass sie Schriftsteller seien. Plötzlich mussten sie den Mut aufbringen und herausfinden, ob das stimmte. Ich bewundere die Menschen, die den Mut haben, sich auf diese Weise auszuprobieren und sich ihr Scheitern einzugestehen.

Sie haben Tschechow und Dostojewski einmal als ihre "göttergleichen" literarischen Helden bezeichnet. Haben sich angesichts dieser Autoren Ihre eigenen Ambitionen als Schriftsteller erfüllt?

Ich glaube nicht, dass sie sich erfüllt haben. Ich bin nirgendwo in der Nähe von Tschechow und Dostojewski, aber wenn ich die beiden als wichtige Autoren anführe, dann nicht nur, weil es sich um große Schriftsteller handelt, sondern auch, weil sie zwei unterschiedliche Typen von Schriftsteller repräsentieren. Aber lassen Sie mich noch etwas zu dem Mut sagen, den man als Künstler aufbringen muss: Es reicht nicht, das nur zu Beginn der Karriere zu tun. Als Schriftsteller fragt man sich ständig, ob einem die Dinge, die man vor Jahren geschrieben hat, heute noch etwas sagen, und es ist nur selbstverständlich, dass ein Schriftsteller, der Mitte fünfzig ist, nicht mehr mit derselben Stimme spricht wie mit Mitte zwanzig.

Einige der Figuren Ihres neuen Buchs bewegen sich an den Rändern des Ruhms. Er scheint ihnen entweder unmittelbar bevorzustehen, oder sie haben ihn wie der Schnulzensänger Tony Gardner in der Erzählung "Crooner" bereits hinter sich. Weshalb ist der Ruhm für Ihre Figuren eine so harte Währung?

Ein Aspekt des Plans, den ich beim Schreiben des Buchs verfolgte, sah vor, dass die fünf Geschichten ungefähr in der Zeit zwischen dem Ende des Kommunismus und dem 11. September 2001 spielten. In dieser sonderbaren Zeit, als viele Leute glaubten, dass alle großen Probleme der Welt gelöst seien und die Celebrity-Kultur entstand, von der wir bis heute besessen sind. Berühmt zu sein spielte plötzlich eine große Rolle, und es reichte nicht mehr, in irgendeiner Sache einfach nur gut zu sein. Berühmt zu sein ist etwas völlig anderes, als den Anspruch zu haben, etwa ein guter Schriftsteller oder ein guter Musiker zu sein. Oft geht beides zusammen, aber inzwischen leben wir in einer Gesellschaft, in der man die Leistung umgehen und auf direktem Weg zum Ruhm vordringen kann. Man kann beispielsweise in einer Talentshow im Fernsehen auftreten und dafür berühmt sein, berühmt werden zu wollen. Ich wollte in den Geschichten von "Bei Anbruch der Nacht" zeigen, dass es innerhalb der Textur der Gesellschaft, in der die Figuren leben, ein beinahe unstillbares Verlangen nach dem Preis gibt, den wir als Ruhm bezeichnen.

Muss man andererseits für seinen Ruhm auch einen Preis zahlen? In "Crooner" opfert Tony Gardner für ein geplantes Comeback seine Ehe. In der Titelgeschichte "Bei Anbruch der Nacht" unterzieht sich ein nach Ansicht seines Managers für die große Karriere zu hässlicher Saxophonist einer Schönheitsoperation.

Wenn man sieht, wie es in unserer Gesellschaft zugeht, kann man nicht daran zweifeln, dass man einige erstrebenswerte Dinge aufgeben muss, um in bestimmten Bereichen erfolgreich zu sein. Einige der prominenteren Positionen, egal, ob man ein führender Politiker, Geschäftsmann oder Künstler ist, machen es schon aus Zeitgründen schwierig, noch ein anständiges Familienleben zu führen. Allein die Tatsache, dass man durch seinen Erfolg höhergestellt ist, isoliert einen in gewisser Weise von normalen Beziehungen und Freundschaften und verlangt einem das Opfer einiger jener Dinge ab, die für andere Menschen unabdingbarer Bestandteil dessen sind, was wir vorhin als "gutes Leben" bezeichnet haben.

Sie sprachen von dem ideologischen Klima, aus dem eine Figur wie der Butler Ihres Romans "Was vom Tage übrigblieb" sein Selbstverständnis ableitet. Ist das in den Massenmedien entworfene Bild einer Celebrity-Kultur die Ideologie unserer Tage?

Ich glaube, dass die Celebrities in unserer globalen Gesellschaft eine wichtige soziale Funktion haben und die gleiche Rolle erfüllen, die in früheren Zeiten jemand einnahm, den im Dorf jeder kannte. Celebrities tragen dazu bei, dass wir uns in unserem globalen Dorf noch als Gemeinschaft erleben. Wir können uns überall auf der Welt über dieselben Leute ärgern, wir können gemeinsam den Tod eines berühmten Menschen beweinen. Die Gefahr - und dieses versuche ich in meinem neuen Buch zu reflektieren - liegt jedoch darin, dass uns in einer Celebrity-Kultur die Wertschätzung jener Welt abhanden kommt, die uns umgibt: dass uns die Celebrity-Kultur glauben macht, dass wir unser Leben zu jedem Zeitpunkt zum Besseren verändern und mühelos ein anderer werden können. Wie destruktiv diese Illusion ist, erzähle ich in meiner Geschichte "Crooner" am Beispiel der Figur des Sängers Tony Gardner, der die Beziehung zu seiner Frau einfach deshalb aufgibt, weil er glaubt, dass sie seiner Karriere im Weg steht.

Welche der Illusionen, die Sie sich über Ihr eigenes Leben machen, möchten Sie nicht zerstört sehen?

In persönlicher Hinsicht möchte ich mir sicherlich den Glauben bewahren, von meiner Frau und meiner Tochter geliebt zu werden.

Das entspricht hoffentlich der Wahrheit.

Ja, ich hoffe, es handelt sich um keine Illusion, obwohl es auch Menschen gibt, die eines Tages nach Hause kommen und einen Zettel finden, auf dem steht: "Ich bin weg." Oder: "Ich habe mich umgebracht und hänge oben im Schrank." Man kann nie wissen. Aber eine Illusion, die ich mir bewahren möchte, ist die Gewissheit, dass ich ewig leben werde. Rational gesehen, weiß ich natürlich, dass ich in vierzig Jahren vermutlich nicht mehr lebe, aber ich kann es nicht wirklich glauben. Ich glaube, dass ich niemals sterbe.

Quelle: F.A.Z.
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