Mario Vargas Llosa

Ein leuchtender Aufklärer

Von Paul Ingendaay
 - 21:32
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Vor dem Mauerfall - 1982 - war es Gabriel García Márquez. Nach dem Mauerfall und dem Untergang des sowjetischen Imperiums ist es Mario Vargas Llosa. Die beiden großen lateinamerikanischen Romanautoren der letzten Jahrzehnte und ihr Literaturnobelpreis stehen auf entgegengesetzten Seiten des epochalen Bruchs in der Nachkriegsgeschichte. Und auf verblüffende, bis ins Klischee reichende Weise verkörpern die beiden ehemaligen Freunde und späteren Antipoden zwei Grundsatzpositionen im lateinamerikanischen Politikverständnis. Hier der magische Realist García Márquez mit seinem glühend beschworenen Phantasiereich Macondo, seiner Freundschaft zu Fidel Castro und seinem unverbrüchlichen Glauben an einen demokratischen Sozialismus. Dort der Peruaner Mario Vargas Llosa mit seinen literarischen Analysen von Korruption und Machtmissbrauch, der Verteidigung der freien Marktwirtschaft und seinem beißenden Spott für die gerupften Ideale der Revolution.

Jetzt hat die Schwedische Akademie dem 1936 geborenen Schriftsteller, der so lange auf die Auszeichnung warten musste, den Nobelpreis zugesprochen, weil er in seinen Büchern eine „Kartographie von Machtstrukturen“ und „scharf gezeichnete Bilder individuellen Widerstands“ geschaffen habe. Der Preis ist berechtigt, ja überfällig, denn er erzählt die andere Hälfte der Geschichte. Literarisch ist er ohnehin unanfechtbar. Vargas Llosas frühe Romane „Die Stadt und die Hunde“, „Das grüne Haus“ und „Gespräch in der ,Kathedrale'“, allesamt in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen, gehören zu den prägenden Werken des lateinamerikanischen „Booms“. Unter den späteren Büchern ragen „Tante Julia und der Kunstschreiber“, „Tod in den Anden“ und „Das Fest des Ziegenbocks“ heraus. Mario Vargas Llosa ist nicht nur einer der meistgelesenen Schriftsteller Lateinamerikas, sondern seit längerem die führende intellektuelle Figur seines Kontinents. All das müsste reichen, ihm die bedeutendste Literaturauszeichnung der Welt, die er vierzehn Jahre nach dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, nicht nur zu wünschen, sondern von Herzen zu gönnen.

Der unbarmherzige Realpolitiker seines Kontinents

Doch es reicht nicht, jedenfalls für viele nicht. Denn Mario Vargas Llosa tritt im Maßanzug auf und speist mit den Mächtigen. Er schreibt Kolumnen für „El País“, verkehrt auf zahlreichen akademischen Podien und hat einmal gesagt, er bewundere Margaret Thatcher. So einer entspricht nicht dem Image des Künstlers als wuscheliger Rebell, und auch das in Deutschland meist selbstverliehene Ehrenzeichen des „Querdenkers“ würde Vargas Llosa sich wohl kaum anheften. Nein, in ihm haben wir eine Figur, die dem Kulturbetrieb fast ein wenig peinlich ist, nämlich den höflichen, rationalen, zu keinerlei Exzessen neigenden Rechthabenden, einen Autor, dessen literarische Anordnungen ein Mittel der Politik- und Gesellschaftserkenntnis sind und der außerdem über eigene oder fremde Werke mit einer Klarheit des Denkens schreibt, die ihn abermals verdächtig macht. Genie, so das Volksverständnis, sehe anders aus.

Also fürchtet man sich etwas vor so einem hochgebildeten, in London und Paris, Madrid, Barcelona, Princeton oder Lima heimischen Mann, der so effizient arbeitet wie wenige, zahlreiche Romane, Erzählungen und Essays geschrieben und auf wahrlich unzählbaren Rednerpulten dieser Welt gestanden hat. Neulich in Madrid hat er sogar Theater gespielt! Er ist, sagen wir es klar, der unbarmherzige Realpolitiker seines Kontinents, der klarsichtige Analytiker und furchtlose Störenfried. Und was er herausgefunden hat, war zweierlei: erstens, dass sich der lateinamerikanische Kontinent mit der Utopie eines revolutionären Wegs (Castro oder Chávez, der Name spielt keine Rolle) selbst zugrunderichten würde; und zweitens, dass jeder Schriftsteller, der diese Utopie mitträumt und in seinen Schriften verteidigt, sich mitschuldig macht.

Es ist angebracht, noch einmal auf den vierzig Jahre alten, hochsymbolischen Fall des kubanischen Dichters Heberto Padilla zurückzukommen, der die soeben erst zu Weltruhm gelangten lateinamerikanischen Autoren in zwei politische Lager teilte: Nennen wir sie die (linke) García-Márquez- und die (konservative) Vargas-Llosa-Fraktion. Padilla wurde von Castro bestraft und zur Abbitte gezwungen, und jeder konnte es beobachten. Das entwürdigende Schauspiel, das auch den Kuba-Reisenden Hans Magnus Enzensberger entgeisterte, brachte eine Spaltung hervor, von der sich die literarische „Boom“-Bewegung nie mehr erholte. Es ging um Lateinamerikas Weg in die Zukunft, und die Schriftsteller des Kontinents mussten sich dazu erklären. Bücher wurden darüber geschrieben, Legenden gesponnen, Gerüchte kolportiert. Einmal soll García Márquez dem acht Jahre jüngeren Vargas Llosa, der über ihn seine Doktorarbeit geschrieben hatte, sogar einen Faustschlag verpasst haben.

Man kann sich die weit zurückliegenden Jahrzehnte auf alten Fotos vergegenwärtigen und sieht darauf, oft im Gruppenbild, meistens lachend, einen unfassbar gutaussehenden jungen Schriftsteller, vom Typ her eine Mischung aus Kaká und dem jungen Alain Delon. Wie so viele seiner schreibenden Kollegen absolvierte Vargas Llosa zunächst eine Laufbahn als Journalist, Übersetzer und Kosmopolit. Der Erfolg als Schriftsteller kam früh, auch wichtige Literaturpreise fielen Vargas Llosa zu, der Rómulo-Gallegos-Preis, der Planeta- und Prinz-von-Asturien-Preis, später dann die Ehrendoktorwürden, eine nach der anderen, bis heute mehr als Dutzend.

Ein Ausflug in die Maschinenräume der Politik

Als er sich selbst in die große Politik warf und 1990 peruanischer Staatspräsident werden wollte, schulterte er mit erstaunlicher Opferbereitschaft die Last, die seiner Meinung nach getragen werden musste: Vargas Llosa versprach den Peruanern, den aufgeblähten Staatsapparat zurückzuschneiden, einen rigorosen Wirtschaftsliberalismus einzuführen, den kleinen Straßenhandel zu fördern und ausländisches Kapital ins Land zu holen.

Den Kampf gegen den Terrorismus des „Leuchtenden Pfads“ setzte er an oberste Stelle. Am Ende reichte es für den Schriftsteller nicht in einem Land, das immer noch auf den politischen Lenker als Messias schaut: In der Stichwahl unterlag er gegen Alberto Fujimori. Aber Vargas Llosa bewies im Knochenjob des Wahlkampfs mehr Engagement als fünfzig handelsübliche engagierte Intellektuelle zusammen, und mit seiner Autobiographie „Ein Fisch im Wasser“ hinterließ er ein genaues, vor allem ernüchterndes Zeugnis von seinem Ausflug in die Maschinenräume der Politik. „Unter Aufrichtigkeit verstehe ich die Übereinstimmung von Absicht und Tat“, hat der Schriftsteller 1992 im Fragebogen der F.A.Z. gesagt. „In der Politik ist diese Wahrhaftigkeit unmöglich, in der Kunst jedoch sehr wohl erreichbar. Seit ich diese Erfahrung gemacht habe, bewundere ich die wirklich aufrichtigen Politiker noch mehr.“

Eine Flauheit in seinem Spätwerk

Wer ein gutes Gedächtnis für Zeitgeschichte hat, wird immer wieder auf den Meinungsjournalismus von Mario Vargas Llosa stoßen. Auf diesem Feld stellt er alle seiner literarischen Konkurrenten in den Schatten, vor allem an Gleichmut und Scharfsinn. Vargas Llosa äußert sich zu allen politischen Themen unter der Sonne und bekennt sich zu Meinungsfreiheit, Marktwirtschaft, Demokratie. Ohne Konzessionen. Den neoliberalen Akzent setzt er vermutlich stärker als irgendeiner seiner Kollegen. Fast ebenso wichtig - und kaum weniger expansiv - ist der Leser und Bewunderer Vargas Llosa. Ob es sich um eine unbekannte lateinamerikanische Lyrikerin handelt, einen spanischen Nachwuchsautor oder die Trilogie von Stieg Larsson: Mario Vargas Llosa liebt es, die Namen anderer Schriftsteller ins literarische Firmament einzuzeichnen, und es spricht Bände für seinen hohen Anspruch, dass seine letzte Buchveröffentlichung dieser Art eine Hommage an einen tragischen Solitär war: „Die Welt des Juan Carlos Onetti“.

Erst vor wenigen Tagen hat der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina in „El País“ die frühen Romane Vargas Llosas, besonders „Das grüne Haus“, als wegweisend für eine lateinamerikanische Moderne bezeichnet, die den europäischen Schriftsteller auf der Suche nach Vorbildern nicht zum Verstummen gebracht, sondern zum Schreiben animiert habe. „Das grüne Haus“, so Muñoz Molina, sei ihm immer näher gewesen als der magische Realismus von „Hundert Jahre Einsamkeit“. Ein schönes Lob. Einen größeren Literaten als García Márquez wird man Vargas Llosa deswegen nicht nennen wollen. Und es tut seiner Bedeutung keinen Abbruch, wenn man anmerkt, dass eine gewisse Flauheit in sein Spätwerk gekommen ist, etwas Verspieltes, Müdes, Capricciohaftes. Halten wir umgekehrt fest, wie selten eine andere seiner Gaben anzutreffen ist: immer und immer wieder öffentlich dasselbe zu sagen, allein deshalb, weil es stimmt; unfähig zu Plattheiten und Geschwätz zu sein; mutig seine Meinung zu vertreten; beharrlich an die Belehrbarkeit des Menschen zu glauben. Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an einen leuchtenden Aufklärer.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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