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Houellebecqs neuer Roman

Muslim im Elysée

Von Jürg Altwegg
 - 15:26
Politisch unzurechnungsfähig, als Porträtist der französischen Gesellschaft genial: der Schriftsteller Michel Houellebecq Bild: dpa, F.A.Z.

Frankreichs nächster Präsident heißt Mohammed Ben Abbes – zumindest im neuen Roman von Michel Houellebecq. Dieses Szenario ist so unwahrscheinlich, dass der Schriftsteller seine Figur erfinden muss. Das soll und darf in einem literarischen Werk durchaus so sein. Doch den Premierminister, den Ben Abbes ernennt, kennen wir: Es ist der Zentrumspolitiker François Bayrou, der ewige Verlierer und moralische Sieger, der bei jeder Wahl im Duell von Linken und Rechten zerrieben wird.

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Auch die weiteren Protagonisten dieser politischen Fiktion sind den Zeitgenossen vertraut: Ben Abbes’ Vorgänger ist François Hollande, dessen zweite Amtszeit 2022 zu Ende geht. Eine dritte verbietet die Verfassung. Selbst das Chaos, das Houellebecq prophezeit, ist nicht unwahrscheinlich: Der Front National hat sich als führende politische Kraft etabliert, 2022 schafft Marine Le Pen den Einzug in die Stichwahl – wie der Papa 2002. Meinungsumfragen lassen das allerdings schon für 2017 als möglich bis wahrscheinlich erscheinen. Und dann? Marine Le Pen glaubt an ihren Triumphzug in den Elysée. Dorthin will auch Sarkozy zurück.

Michel Houellebecq verschiebt den Ernstfall auf 2022. Und vollendet seine Dramaturgie mit einer Pointe: Um Le Pen zu verhindern, gehen die Sozialisten, Sarkozys UMP und Bayrous Zentristen eine Allianz ein – wie 2002, als Chirac in der Stichwahl 80 Prozent der Stimmen bekam. Nur erfolgt zwei Jahrzehnte danach bei Houellebecq der Zusammenschluss zugunsten von Mohammed Ben Abbes. Er ist Vorsteher der Partei „Muslimische Brüderlichkeit“.

„Soumission“ lautet der Titel des Romans, den Flammarion am 7. Januar in den Buchhandel bringen will (und Dumont auf Deutsch am 16. Januar): „Unterwerfung“. Er ist eine Anspielung auf die Religion des Islams, aber auch auf Frankreich, das vor den Arabern kapituliert. Ob das Buch ebenfalls eine sexuelle, sadomasochistische Dimension enthält, kann zur Stunde nicht schlüssig gesagt werden. Die Nachrichtenagentur AFP und „Le Monde“ melden nur, dass der Held Houellebecqs François heißt und Professor an der umgetauften „Islamischen Universität Sorbonne“ ist, deren Sekretärinnen Schleier tragen. Anders als einige Kollegen, die konvertieren, verlässt François die Fakultät. Gern spaziert er durch das 13. Arrondissement, das noch mehr zu Chinatown geworden ist – und in dem Houellebecq mit seinem Hund seit seiner Rückkehr aus Irland lebt. François führt ein so ausschweifendes wie lustloses Sexleben.

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Marine Le Pen als kleineres Übel

Houellebecqs bisherige Romane handeln von der Sexualität als Kampfzone der Geschlechter im Zeitalter des Kapitalismus. Von der Entwicklung Frankreichs zum Freizeitpark für Chinesen. Er hat wie kein anderer den Kunstbetrieb karikiert. Vom Islam ist schon in „Plattform“ die Rede. Sein Held überfliegt auf dem Weg nach Thailand Afghanistan, es ist Nacht und kein Land in Sicht: „Die Taliban haben sich jetzt sowieso zur Ruhe gelegt und schmoren in ihrem Dreck.“ Wer die Taliban sind, wussten wohl die wenigstens Leser, als der Roman im August 2001 erschien. Es kommt zu einem Attentat im Sexparadies. Wenige Wochen später prägte der elfte September seine Rezeption und verstärkte sie. Houellebecq legte in Interviews immer wieder nach, provozierte und polarisierte. Den Islam bezeichnete er als dümmste Religion.

Sein neues Werk hat der Verlag nach den bekannten Rezepten der Vermarktung zur Geheimsache erklärt. Der Bruch des Embargos war zweifellos programmiert. Rechtzeitig vor der Weihnachtspause gelangte die Inhaltsangabe an die Öffentlichkeit. Und hat umgehend den erhofften Skandal ausgelöst. Zeitungen, Radio, Fernsehen sind dabei. Dem Staatspräsidenten Hollande hatte Houellebecq jüngst geraten, die schwarze Justizministerin Christine Taubira im Amt zu belassen: „Sie ist die beste Garantin für den weiteren Aufstieg des Front National, und darum geht es“ – in der Innenpolitik und im neuen Roman. Wessen Rechnung am Ende aufgeht, bleibe dahin gestellt. Marine Le Pen jedenfalls kann sich freuen, gegenüber Mohammed Ben Abbes ist sie das kleinere Übel.

Wahrscheinlich wird man Houellebecqs „Unterwerfung“ als Satire auf den hysterischen Umgang der intellektuellen und politischen Öffentlichkeit mit den Le Pens lesen können, oder auf die unsäglichen Remakes des antifaschistischen Widerstands. Dass der Verfasser politisch unzurechnungsfähig ist, wissen wir längst. Dass er ein genialer Schriftsteller und Porträtist der französischen Gesellschaft ist, hat er bewiesen. Doch so plump und primitiv wie in diesem Roman waren seine Provokationen bisher nicht, und vor allem beschränkten sie sich auf den außerliterarischen Bereich. Bei dieser Ausweitung der Kampfzone sollte man ihm nicht folgen. Und den Roman abwarten.

Quelle: F.A.Z.
Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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