Schriftsteller Jaroslav Kalfař

Ein Märtyrer, der keiner sein will

Von Tilman Spreckelsen
 - 15:13

Als Jaroslav Kalfař vor vier Jahren seinen Roman über den Weltraumfahrer Jakub begann, ließ er sich einen Astronauten auf den rechten Arm tätowieren: Eigentlich ist da nur der knollige Anzug, die Frontseite des Helms ist nichts als eine glänzende Fläche, ein Gesicht sucht man dort vergebens.

Der Roman ist nun erschienen, im Frühjahr im amerikanischen Original und auf Tschechisch, dieser Tage auch auf Deutsch im Tropen-Verlag. Er heißt „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“, und wer das für bare Münze nimmt, wird enttäuscht. Kurz ist das Buch nicht gerade, zudem setzt seine Handlung im April 2018 ein, ist also eher Science-Fiction als Historienschreibung, und die dort geschilderte böhmische Raumfahrt hat mit der realen nicht viel zu tun: Anstelle des tschechischen Weltraumpioniers Vladimir Remek, der 1978 tatsächlich ins All flog und heute Botschafter seines Landes in Moskau ist, wird hier ein junger Physiker namens Jakub Procházka mit der Rakete „JanHus1“ in Richtung einer kosmischen Staubwolke geschossen, um Proben zu entnehmen und wieder zur Erde zu bringen. Er ist allein, bis ihm in den Tiefen des Raumschiffs ein Außerirdischer begegnet, dessen Gestalt entfernt an eine Spinne erinnert. Der Astronaut tauft den Gefährten „Hanuš“, nach dem Konstrukteur der astronomischen Uhr im Prager Rathausturm. Und spätestens an diesem Punkt wird klar, dass es dem Autor ebenso wie seiner Figur viel mehr um das geht, was hinter ihnen liegt, als um die kosmische Wolke, um Prag mehr als um das All und bei aller Zukunftsmusik vor allem um die tschechische Gesellschaft der vergangenen dreißig Jahre.

Dafür habe er sich in Tschechien einiges anhören müssen, sagt Jaroslav Kalfař an diesem Sommertag, als er durch Prag zu den Schauplätzen des Romans führt. Schließlich hatte er das Land bereits 2003 verlassen, mit fünfzehn Jahren, um seiner Mutter in die Vereinigten Staaten zu folgen, und galt daher manchem nicht mehr als richtiger Tscheche. Tatsächlich, sagt Kalfař, habe er bei seiner Ankunft in Amerika kein Wort Englisch gesprochen. Überall neigten Menschen dazu, einen Fremden, der unter ihnen lebt und ihre Sprache nicht spricht, für etwas einfältig zu halten, sagt er, besonders die Amerikaner. Sein Englisch habe er dann vor dem Fernseher mit den „Simpsons“ gelernt. Und sich, obwohl er schon als Kind auf Tschechisch Fantasygeschichten verfasste, verzweifelt bemüht, in der Sprache der neuen Heimat ganz neu anzufangen, um „wie ein richtiger amerikanischer Autor“ zu schreiben. Seit kurzem hat er zur tschechischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Geschichte als Bündel von Möglichkeiten

Der Letná-Park erhebt sich auf einem Hügel hoch über der Moldau. Auf einem kleinen Vorsprung zeigt Kalfař, wo er unten, zu Füßen der Prager Burg, das Kartoffelfeld situiert hat, auf dem im Roman die Rakete startet – eigentlich ist dort das Parlamentsgebäude. In unserem Rücken liegt der Sockel, von dem aus früher ein riesiger Stalin auf die Stadt blickte, der entsorgte alte Heros, während die Nation mit dem Raumfahrer einen neuen auf den Schild hebt. Später werden wir am Altstädter Ring vor dem monumentalen Denkmal für den Reformations-Märtyrer Jan Hus stehen, den Namenspatron der Rakete und Symbol der tschechischen Unabhängigkeit. Im Roman malt sich der Raumfahrer aus, dass Hus sein Todesurteil überlebt habe und ein Doppelgänger verbrannt worden sei, während der Reformator sein stilles Glück in den Armen einer Frau gefunden habe. Ist er, unwillig, sein Leben zu opfern, damit als Held diskreditiert?

Es sind Stellen wie diese, die überdeutlich machen, wie sehr Kalfař Geschichte als Bündel von Möglichkeiten begreift, die er für seinen Roman hin- und herwendet und aus denen er für seine Zwecke wählt. Auch dafür sei er kritisiert worden, erzählt er: „Die Tschechen sind sehr sensibel, wenn es um ihre Geschichte geht“, gerade weil es so viele Versuche gegeben habe, diese eigenständige Geschichte auszuradieren: „Die Österreicher und die Deutschen haben unsere Bücher verbrannt, die Russen haben sie verboten.“ Manchmal bleibt da nur der Protest durch Renitenz. Kalfařs Mutter etwa, erzählt ihr Sohn, spreche eigentlich perfekt Russisch. Aber wenn man sie in dieser Sprache anrede, antworte sie absichtlich gebrochen.

Auf den Spuren der Vergangenheit

Für Jakub, den Raumfahrer, ist gerade die Möglichkeit, mit seiner Mission zum Helden seines kleinen Landes zu werden, der entscheidende Antrieb. Nicht aus persönlichem Ehrgeiz, sondern weil er glaubt, die Schuld seines Vaters ausgleichen zu müssen. Nach der „Samtenen Revolution“ von 1989 nämlich stellt sich heraus, dass Jakubs Vater dem kommunistischen Regime aus tiefer Überzeugung als Folterknecht diente. Kurz nach der Wende kommt er, gemeinsam mit seiner Frau, unter seltsamen Umständen ums Leben, und wieder etwas später meldet sich eines seiner Opfer bei Jakub und dessen Großeltern, die den Jungen bei sich aufgenommen haben. Das Foltergerät, mit dem er gequält wurde, einen eisernen Schuh, hat er gleich mitgebracht. Und da er nach der Wende zu Geld und einigem Einfluss gekommen ist, rächt er sich an der Familie des Folterknechts, indem er dafür sorgt, dass deren Haus ihm selbst übertragen wird. Auch für Jakubs weiteres Schicksal scheint er die Strippen zu ziehen.

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Unterwegs in Prags Altstadt zeigt Kalfař die Wohnung, in der er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hat, schräg gegenüber der Spanischen Synagoge, in bester Lage. Als er fünf Jahre alt war, wurde das Haus restituiert, heute ist dort ein Café. Damals trennten sich seine Eltern. Sie erhielten vom Hauseigentümer beide ein Abfindungsangebot und konnten wählen: Geld oder eine neue Wohnung an der Peripherie von Prag. Der Vater nahm die Wohnung und lebt dort noch heute. Die Mutter nahm das Geld und ging später in die Vereinigten Staaten, eigentlich nur für ein halbes Jahr. Dann traf sie einen Mann, den sie heiratete. Und blieb.

Überschäumend erzählter und klug konstruierter Roman

Die erste Idee für seinen Roman sei die Geschichte eines Astronauten gewesen, der im All die Nachricht entgegennimmt, dass seine Frau sich von ihm trennen wolle, sagt Kalfař. Dann kam die jüngere Geschichte Tschechiens dazu und die Frage, wie sie durch die wechselnden Zeitläufte überliefert und verändert wird. So sammelt die Großmutter des Autors Märchenbücher und schreibt die Dorfchronik; sie vor allem habe sein Interesse an Geschichte geweckt. „Sie erzählt detailliert vom Zweiten Weltkrieg“, sagt Kalfař. „Aber wenn es um das Leben im Kommunismus geht, hat sie plötzlich diese Amnesie.“

Prags Altstädter Ring ist mit Touristen aus aller Welt überfüllt, eine Entwicklung, die der 1988 geborene Kalfař als Jugendlicher noch miterlebt hat. An diesem Tag schicken Artisten überall Seifenblasen in die Luft, auch vor der astronomischen Uhr, die im Roman durch die sich dort ungestüm liebenden Helden beschädigt wird. Es ist ein letzter Versuch des Astronauten, seine Frau Lenka, die durch seine Entscheidung für die Mission tief verletzt worden ist, wieder fester an sich zu binden. Später wird er aus der Rakete heraus darum bitten, Lenka zu überwachen, und als ihm dann die Dossiers zugestellt werden, liest er sie sogar – das Spitzelsystem aus kommunistischer Zeit, so mag man sich das deuten, setzt sich so lange fort, wie es Abnehmer für die erzielten Erkenntnisse gibt.

Denn davon spricht dieser so überschäumend erzählte wie klug konstruierte Roman auf jeder Seite: Was hat sich durch den Systemwechsel geändert, was ist geblieben, und was sind die Faktoren, die das eine wie das andere bewirken? Jakub, der ins All reist und auf derart unwahrscheinliche Weise wieder zurückkehrt, dass man auch schon an den langen Tagtraum eines Sterbenden denken kann, Jakub also, den alle Welt für tot hält, kehrt inkognito zurück und nutzt die Chance, die Kette von Leid und Rache, aus der wiederum neues Leid entsteht, zu durchbrechen. Dann zieht er sich zurück, um eigenhändig das beschädigte Haus seiner Kindheit zu reparieren.

Auch Jaroslav Kalfařs linker Arm trägt eine Tätowierung: die Worte „carpe diem“.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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