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Salman Rushdie zum 70.

Selig sind die Lügner

Von Dietmar Dath
© AFP, F.A.Z.

Der Roman, der diesem Schriftsteller am Bein hängt wie die Eisenkugel dem Kettenhäftling, ist nicht sein bester, aber doch voll sinnreicher Beobachtungen, die es gar nicht nötig haben, das, was der Verfasser nicht leiden kann (religiöse Einbildungen zum Beispiel) mit Röntgenblick zu durchleuchten, wo doch die Oberfläche der Erscheinung schon alles sagt: „Allmählich wurde klar, dass der große Regen ausbleiben würde. Klappriges Vieh durchstreifte das Land auf der Suche nach Wasser. ‚Liebe ist Wasser‘ hatte jemand mit weißer Tünche an die Backsteinwand einer Motorrollerfabrik geschrieben. Unterwegs begegneten sie anderen Familien, die nach Süden zogen, ihr Leben auf die Rücken sterbender Esel gebündelt, und auch diese strebten hoffnungsvoll dem Wasser entgegen. ‚Aber nicht zum Scheißsalzwasser‘, rief Mirza Said den Pilgern von Titlipur zu. ‚Und auch nicht, um zu sehen, wie es sich zweiteilt! Sie wollen am Leben bleiben, aber ihr Irren wollt ja sterben.‘ Geier rotteten sich am Wegesrand zusammen und schauten den Pilgern nach.“

Eine brütend überhitzte Atmosphäre des Unwirklichen umgibt hier wie im gesamten Buch die Handlungen der Menschen und lässt sie mit ihrer süßen, feuchtigkeitsschwangeren Trugmacht die große Aufgabe vernachlässigen, die man „Zivilisation“ nennt. Wenn die Leute dann aus diesem schwülen Ideendampf herausgerissen werden und aus allen ausgedachten Wolken fallen, ist ihr unvermeidlicher Sturz ein ebenso tragischer wie pervers komischer Sündenfall – dies ist das Thema des Romans „Die Satanischen Verse“ (1988), aus dem die zitierte Stelle stammt.

Glauben anstatt hinzuschauen

Das größte Pech des Verfassers, eines zum Romancier umgeschulten ehemaligen Werbetexters indisch-britischer Herkunft namens Salman Rushdie, besteht darin, dass wohl nie mehr ein Mensch dieses tragikomische Thema am Fabelstoff des Romans, der zwischen der westlichen Gegenwart und der Frühzeit des Islams aufgespannt ist, messen wird, um dann Stoff und Thema zuletzt zu ihrer formalen Bewältigung durch Rushdie in Beziehung zu setzen. Das Werk ist nämlich frontal gegen einen ganz großen historischen Pfosten geknallt: Als es erschien, löste diejenige Religion, die darin nur ein Beispiel für die allgemeine Neigung der Menschen sein sollte, sich ihre Vergangenheit zurechtzubiegen und so die bessere Zukunft abzuschneiden, gerade den antiimperialistischen Marxismus als das Gedankensystem ab, dem sich Staaten, Stämme und Einzelne verschrieben, wenn sie sich vom Westen und Norden nicht mehr sagen lassen wollten, wie Moderne geht.

Was die Religiösen diesem Rushdie übelnehmen, weiß man. Aber was hat er gegen sie? Zuallererst: Dass sie glauben, statt hinzuschauen. Lieber noch als die frömmsten Gläubigen sind Rushdie, wie man allen seinen Romanen und Erzählungen entnehmen kann, die Flunkerer, Täuscher, Trickser, Lügner, denn die erzählen zwar auch Quatsch, glauben aber nicht dran und sind insofern noch für Informationen erreichbar, die dem widersprechen, was sie mit Worten oder existentiell vertreten.

Rushdie sieht sich als einen, der den Menschen lieber in die interessanten Gesichter sieht als in die gläubigen Köpfe, wie sein Fotograf in „Der Boden unter ihren Füßen“ (1999) will er nichts übers Jenseits wissen, aber alles über „die Sterbenden, die Verrückten, die Trauernden, die Reichen, die Gierigen, die Verzückten, die Untröstlichen, die Wütenden, die Mörderischen, die Geheimniskrämer, die Schlechten, die Kinder, die Guten, die Nachrichtenrelevanten“. Danach giert er nicht als reiner Protokollonkel und Abbildhandwerker, sondern als Lügner, eben Geschichtenspinner, weil nun mal das Einzige, was die einander entfremdeten und oft genug einander feindlichen Erlebniskreise der Menschen (nicht nur die sogenannten „Kulturen“, auch andere Gruppenreichweiten von Wahrnehmung und Handlung) wirklich verbindet, die Tatsache ist, dass sie das Vergangene über Mythen und das Künftige über Spekulation zu verstehen suchen. Das sind zwei Spielarten des Phantastischen, deren Tonarten Rushdie vom ersten wilden Abenteuer „Grimus“ (1975) bis ins Spätwerk immer wieder angeschlagen hat und wohl weiter ausmodulieren wird. Noch der jüngste Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ (2015) stellt nur auf den ersten Blick die Partei des Rationalismus gegen jene der Frömmigkeit, spricht aber beiden weder Recht noch Sieg zu, lässt die Wahrheit auch nicht irgendwo in der Mitte liegen, sondern darüber, in der bei taghellem Schriftbewusstsein stets zutiefst traumverwobenen Lüge, die Kunst heißt.

Akzeptierte Fantasy nennt man nicht Fantasy

Die westlich-nördliche Kulturträgergemeinde unterscheidet sich vom indischen Brahmanen und vom schiitischen Iraner bekanntlich durch den Dünkel, mit dem sie moderne (statt als Märchen, Sage oder Ethnoliteratur patinierte und entschuldigte) Phantastik tendenziell als Kinderkram oder Hollywood-Kitsch abtut. Rushdie kann da von Glück sagen, dass für ihn gilt, was der treueste Chronist der britischen Phantastikszene, David Langford, 2005 mit dem Stoßseufzer artikulierte: „Akzeptierte Fantasy, die Salman Rushdie oder andere bürgerlich annehmbaren Autoren schreiben, nennt man nicht Fantasy, sondern kontrafaktisch, postmodern, fabuliert, metafiktional, magisch realistisch“, nur unter diesen Etiketten dürfe schreiben, wer Kritik und Ruhm will.

Rushdie kann für diesen Unfug nichts und ignoriert ihn tüchtig. Er hat ein paar bedeutende Bücher geschrieben und ein paar beschädigte, ein paar witzige und ein paar wirre, ließ sich aber nie dazu zwingen, sein schreibendes Leben zur bloßen eintönigen Anklage gegen seine Bedroher zusammenschrumpeln zu lassen. Robustere Naturen, als es Schriftsteller sind, gleiten unterm Eindruck persönlicher Gefährdung bekanntlich schnell in die Monomanie ab, Rushdie dagegen interessiert sich nach wie vor für jede Menschenwahrheit und -lüge, die ihm begegnen, und misst sich weiter mit ihnen als Schöpfer seiner eigenen Wahrheiten und Lügen. Am heutigen Montag wird er siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
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