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Salman Rushdies Autobiographie

Die Freiheit selbst ist gemeint

Von Jordan Mejias, New York
 - 22:31
Salman Rushdie Bild: dapd, F.A.Z.

Wer Gewalt säen will, dem ist es egal, ob der Nährboden aus Kunst oder Schund besteht. „Die satanischen Verse“ kommen da ebenso gelegen wie „Unschuld der Muslime“.

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Salman Rushdie, der Autor des Romans „Die satanischen Verse“, hatte jetzt offenbar wenig Lust, auf die gezielte Filmprovokation durch „Unschuld der Muslime“ einzugehen, als er in New York vor großem Publikum seine Autobiographie „Joseph Anton“ vorstellte, in der er die Folgen beschreibt, die ihm die 1988 erschienenen „satanischen Verse“ eingebracht haben: also die dreizehn Jahre seines Lebens unter der Todesdrohung des Ajatollah Chomeini.

Hier Videomüll, um die Leute in Aufruhr zu versetzen, dort vielschichtige Literatur, die eine irrsinnige Reaktion auslöste. Mehr war von Rushdie nicht zu erfahren. Weil er den Rahmen viel weiter steckte.

„Es war ein Krieg, in dem geschossen wurde“

Weil er die „Empörungsindustrie der islamischen Welt“ nicht von einer global verbreiteten Identitätspolitik trennte, die es Nationen und auch ihren ideologischen Unterabteilungen erlaubt, in der Wut ihre Identität zu finden. Für amerikanische Ohren muss das heißen: Occupy Wall Street geht nicht anders vor als die Tea Party.

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Eine Ausflucht? Nur die Weigerung eines - nein: dieses Schriftstellers, nach einer unermesslichen, für unsereinen unvorstellbaren Prüfung auf Leben und Tod sich den neuen Prüfungen der Gegenwart zu stellen? Nichts davon. Rushdie, blendend gelaunt und immer wieder beflügelt vom trockenen Witz des Satirikers, der er geblieben ist, scheut sich nicht, zum Kern der Sache vorzudringen.

„Es war ein Krieg, in dem geschossen wurde“, sagt er über seine Zeit im Untergrund. Von Leibwächtern pausenlos umringt, blieb er verschont. A happy ending, in seinen Worten. Aber sein japanischer Übersetzer wurde ermordet, sein italienischer Übersetzer niedergestochen, sein norwegischer Verleger dreimal angeschossen. Das sind keine alten Geschichten, nicht für ihn.

Das Wort, das längst zum Klischee verkommen ist

Der Mann, der Joseph Anton war, versichert uns indes, dass er eine gute Geschichte zu erzählen hat. Über ein Leben, das nicht gut war. Und doch war es jenes Leben, das ihn schließlich dazu brachte, ein „Stadium der Klarheit“ zu erreichen und vor der Preisfrage nicht zurückzuschrecken: Was ist das Leben wert?

Gerade ein satirischer Geist wird sich vor der Antwort drücken. Er findet lieber tausend scharfsinnige, unterhaltsame Antworten auf die Frage, wogegen er ist. Aber wofür? Das kann nur in einer Peinlichkeit enden. Auch vor der hat Salman Rushdie keine Angst mehr. Er weiß, worauf es ihm nun ankommt. Er hat gelernt, was ihm wichtig ist.

Er wird es uns auch sagen, aber er geniert sich erst einmal, das Wort auszusprechen, das Wort, das längst zum Klischee verkommen ist, das Wort, das auch die Gegner von dem, was es meint, unaufhörlich im Munde führen, dieses „lächerliche, hochtrabende“ Wort: Freiheit. Nicht nur um die Meinungsfreiheit, nicht nur um die literarische Freiheit, um „die Freiheit selbst“ geht es ihm. „Dafür bin ich bereit zu kämpfen.“

Buch und Schriftsteller haben gesiegt. Neben „Joseph Anton“ stehen auch „Die satanischen Verse“ zum Verkauf, und er, der Autor, ist frei, er liest, er spricht, er scherzt in New York vor ein paar hundert Menschen, bewacht nur oder eher unbewacht vom üblich gelangweilten Sicherheitspersonal der Buchhandlung. Das neue Kopfgeld, das ein „iranischer Priester“ auf ihn ausgesetzt habe, lacht er weg.

Wer im Saal sich das Geld verdienen wolle, solle sich keine großen Hoffnungen machen, nach vollbrachter Tat einen Scheck zu bekommen. Da ist Rushdie, der Witzemacher, wieder in seinem Element. Bis er auf die Angst zu sprechen kommt, unser aller Angst, die einst vom Ajatollah geschürt wurde und bis heute nicht verflogen ist. Es sei viel schwerer geworden, Bücher zu veröffentlichen, die sich kritisch mit dem Islam beschäftigten. Überall in der Welt.

Ein Wort hallt furchtlos nach: Freiheit

In „Joseph Anton“ setzt er seinem Vater und dessen freigeistigen Lehren ein Denkmal: „Nichts war verboten. Es gab keine Tabus.“ Eine Passage, die er für die Lesung sicher nicht zufällig ausgewählt hat. Das soll, das muss auch für unser Denken jetzt gelten.

Rushdie beschwört die Lehren seiner indischen Kindheit und die Erfahrungen seiner Flucht vor dem Tod, um den Westen an die Werte zu erinnern, die ihn ausmachen. Er warnt ihn davor, die Vorhänge runterzulassen und die Türen zu verriegeln und darauf zu hoffen, dass die da draußen bleiben, wo sie sind, und nur dort das treiben, was uns und unseren Wertvorstellungen widerspricht: „Wir müssen lernen, mutiger zu sein.“

Ist das eine Kampfaufforderung? Dazu war der Abend viel zu heiter. Von Rushdie, dem glänzenden Entertainer, ist keine einzige kriegerische Note zu hören. Aber ein Wort hallt furchtlos nach: Freiheit.

Quelle: F.A.Z.
Jordan Mejias
Feuilletonkorrespondent in New York.
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