Hermann Kant wird neunzig

Der Gegen-Grass

Von Dietmar Dath
 - 14:12

Man wird ihm seine historischen Schadensbilanzen vorhalten, solange er zuhört (und länger). Nachdem seine politische Sache, der Sozialismus in Deutschland, besiegt war, stellte sich Hermann Kant gelegentlich auch denen, die ihn für seine programmatischen, strategischen und taktischen Entscheidungen in der DDR verurteilen mussten, den Kolleginnen und Kollegen. Wenn er danach von Erich Loest oder von Wolf Biermann sprach und schrieb, also von denen, die sich von ihm die Verteidigung der Interessen Literaturschaffender gegen die SED versprochen haben mochten und die er enttäuschte, indem er seiner politischen Sache in Gestalt von deren offiziellen Sachwaltern bis zur Selbstverleugnung diente, dann nahm er die Haltung des Zeitgenossen ein, der getan haben wollte, was er tun konnte und musste, und zog dabei öffentlich ein dickes Fell von der Stange an, das ihm auch im Rückblick nicht steht. Nicht nur seine politische Sache hat er als Schriftstellerfunktionär in der DDR nach 1969 und vor 1989 zeitweise so unsanft an den Haaren durchs Gestrüpp der Ränke gezogen, als wollte er sie zu Tode bringen und seinen menschlichen Ruf gleich mit. War er je hilfreich, hat er geholfen, einer Sache, einem Menschen?

Dem Publikum seiner erzählenden Texte zumindest bietet er jede Unterstützung beim Verstehen, die es brauchen kann. Wie nützliche Sonnenuhren, Kilometersteine oder Hinweisschilder stehen in seinen Romanen nämlich Stellen, die gleichsam gegen den manchmal verwirrenden Plan der Handlung, der bei Kant viel mit Intrigen zu tun hat, daran erinnern, wo und wann das eigentlich geschieht, was geschildert wird. In seinem besten Roman, „Der Aufenthalt“ (1977), muss ein junger Deutscher, ehemals Wehrmachtssoldat, der das, was man ihm vorwirft, einerseits nicht getan hat, aber andererseits auch wieder nicht unschuldig ist, nach Hitlers Niederlage in Haft darben und darüber nachdenken, wie ihm geschieht und weshalb.

Als dieser Nichtheld etwa die Hälfte dessen gelernt hat, was es für ihn zu lernen gibt, erinnert sich seine Erzählerstimme an ihre Heimat und sieht sich dann, damit die Leserschaft orientiert sei, am Ort der Haft um: Zu Hause war’s anders, „auf jenem Stern nahm man sich etwas zu essen. Man besaß selber einen Schlüssel und benutzte ihn selten. Man kannte Wasserhähne. Und Holzpantinen zog man für den Stall an. Einen Garten hatte man. Wenn man sich schlafen legte, zog man sich aus. Und seinen Lebenslauf schrieb man, aufs ganze Leben verteilt, vielleicht ein Dutzend mal. Und man war sich, vor allem, vor allem, seines Lebenslaufes sicher. Und man wäre niemals, niemals, niemals dort für einen Mörder gehalten worden. Niemals. Hier aber banden sie dir einen Zettel an den Zeh, auf dem Mörder stand. Und hier sagten sie Mörder zu dir und blieben müde dabei. Es hatte mir einer die Sterne vertauscht.“

Bei lebendigem Leib historisch geworden

Was für ein großer Dreiklang: „man“, „dir“, „mir“, treppab vom sozial Objektiven durchs Zwischenmenschliche ins Allersubjektivste. Das Bild, das der sonst stets sehr sachliche Erzähler Hermann Kant an dieser Stelle für den Verlust des sicher geglaubten Lebenslaufs findet, ist kein sachliches, sondern ein dichterisches: vertauschte Sterne. Als Kant selbst seinen Lebenslauf Ende der achtziger Jahre noch einmal ohne jeden Fiktionsfilter aufschreiben wollte, kam ihm zunächst das Ende seiner politischen Sache wie seiner wichtigsten objektiven Arbeitsbedingung, nämlich seines Staates, dazwischen. Er hat jenen „Abspann“ dann aber doch vollendet, in nüchternen Sätzen überwiegend, aber doch auch wieder mit diesen jäh eine ereigniszerspaltene Erinnerungslandschaft erhellenden poetischen Blitzen. Schon auf der ersten Seite überrascht er etwa mit zwei ungewöhnlichen Konstruktionen, „sie hielt mir den Atem an“ heißt es über eine Nachricht, und von der gesamtdeutschen Wirklichkeit sagt Kant: „Man hat mich in sie heimgekehrt.“

Grammatisch falsch ist die zweite Wendung, syntaktisch ungewöhnlich die erste; beide sagen als ironisierte Leidenswendungen, das da ein Bewusstsein davon überrumpelt war, wie die Zeiten mit ihm umsprangen, das dieses eine Mal nach einem Glauben hatte handeln wollen, dessen Bestreitung seine Literatur immer gewesen war: Dass man die Vergangenheit aufblättern kann wie ein Familienbüchlein, selbstgewiss in Rührung wie Abstand. Geglückte Zeitdichtung in Prosa ist das Gegenteil solcher Geläufigkeiten: „Es ist mir tief entfallen“, heißt es im „Aufenthalt“; knapper lässt sich nicht sagen, dass es für die Verfälschung des Gewesenen manchmal Gründe gibt, die noch schwerer zu rekonstruieren sind als dieses Gewesene. Kant ist bei lebendigem Leib historisch geworden, sein Schicksal war eine Zeit, in der es, wie Ronald N. Schernikau gesagt hat, keine Nichtkommunisten gab, die nicht auch Antikommunisten waren. Der Kommunist Kant gehört zu ihr wie seine „ältlichen Wendungen“, so sagt er selbst zu Formulierungen wie „im Triumphe“ oder „auf diesem Felde“, die er liebt, weil sie älter sind als die Moderne, der seine politische Sache angehört.

Ein „harter und intelligenter Gegner“

Ist er also vielleicht einer, der lieber vor dieser Moderne gelebt und geschrieben hätte, mit dem langen epischen Atem derer, die noch nicht Partei ergreifen mussten, um Romane schreiben zu können? Einer der wichtigsten Romane der Moderne auf Deutsch, Hermann Brochs „Schlafwandler“ (1930 bis 1932), endet mit dem biblischen Zitat: „Tu dir kein Leid! Denn wir sind alle noch hier.“ Das Ende von Kants „Aula“ (1965) klingt wie eine Persiflage dieser Stelle: „Hier ist niemand tot, und hier ist auch niemand zornig, und hier wird schon noch geredet werden.“ Kants Sprache verweltlicht da kurzentschlossen die heimliche Weihe, die im Modernismus von Brecht bis Hemingway an der bibelnahen Schlichtheit haftete; etwa so, wie die DDR eben die verweltlichte, die Prosaform der Revolutionsdichtung der zwanziger Jahre war.

Klarheit, die bei Kant noch mitten in der Verspieltheit immer bestens aufgehoben bleibt, ist keine Kleinigkeit in der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, in der einer wie Kants westlicher Gegenpol Günter Grass mit sperrigen Satzbauten und einer vermeintlich für die Wohlfahrt der ganzen Menschheit zuständigen Linksliberalität zu Weltruhm gelangte. Der Westdeutsche schwärmte für Brandt und war dabei auf keine Alltagspolitik festzunageln, der Ostdeutsche arbeitete ohne Schwärmen für Honecker und wäre in dessen Alltagspolitik manchmal fast verlorengegangen.

Die Zeiten sind vorbei; die Texte geben Zeugnis. Marcel Reich-Ranicki nannte den Kommunisten Kant einen „harten und intelligenten Gegner unserer westlichen Welt“. Die hat heute andere Gegner, die es an Härte nicht fehlen lassen, aber Intelligenz keineswegs immer brauchen, um besagte westliche Welt vorausgreifend darauf hinzuweisen, dass auch sie, wie alles Menschengemachte, eines Tages vorbei sein wird. Wer lange lebt, sieht, dass dem Unerfreulichen, wo es vergeht, oft nichts Besseres folgt. An diesem Dienstag wird Hermann Kant neunzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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