Barbaros Altuğ im Gespräch

Die Verdummung des türkischen Volkes

Von Karen Krüger
 - 13:26

Herr Altuğ , Ihre Novelle „Es geht uns hier gut“ handelt von drei jungen Türken, die nach den Gezi-Protesten nach Berlin kommen, um hier den Schmerz über die enttäuschte Hoffnung zu vergessen. Ihr Glaube, dass ein Leben in persönlicher Freiheit in der Türkei möglich ist, wurde durch die blutige Niederschlagung der Revolte zerstört. Damals kehrten tatsächlich viele Türken ihrem Land den Rücken. Mittlerweile hat sich die Situation dort noch verschärft. Gibt es überhaupt noch junge, liberal eingestellte Menschen, die in der Türkei bleiben wollen?

Die meisten versuchen tatsächlich, wegzukommen. Wem sich diese Chance bietet, der geht. Ein Freund hat mir gerade erzählt, dass sich mittlerweile neunzig Prozent der Absolventen der privaten Gymnasien in der Türkei – sie sind die besten Schulen im Land – für ein Studium im Ausland bewerben. Das war vor wenigen Jahren noch anders. Aufschlussreich sind auch die vollbesetzten Sprachkurse ausländischer Kulturinstitutionen wie des Goethe-Instituts oder des Institut français. Das Erlernen einer Fremdsprache ist oft der erste Schritt, wenn man die Koffer packen will. Doch nicht jeder, der diesen Wunsch hegt, hat auch die Mittel dafür. Schon für junge Menschen aus der Mittelschicht ist der Weg ins Ausland finanziell kaum zu bewältigen. Für die kurdische Jugend ist er nahezu unmöglich.

Auch Intellektuelle, die längst eine berufliche Karriere vorzuweisen haben, verlassen das Land – vorausgesetzt, ihnen wurde nicht der Pass entzogen. Sie selbst leben gerade in Paris.

Die Liste ist lang: Regisseure, Journalisten, Designer, Wissenschaftler. Der Türkei bricht wirklich die intellektuelle und kreative Basis weg. Wenn meine Freunde und ich uns früher zu Abendessen getroffen haben, waren immer etwa zwanzig Leute da. Wenn ich jetzt nach Istanbul komme, sitzen wir nur noch zu dritt am Tisch. Ein befreundetes Paar lebt mittlerweile in Griechenland, ein Freund in Amerika, einer in London, einer ist gerade nach Kroatien gezogen und ein anderer ebenfalls nach Paris.

Auch nach dem Militärputsch von 1980 haben viele türkische Intellektuelle das Land verlassen. Ist die Situation vergleichbar?

Die Menschen gehen nicht, weil im vergangenen Sommer das Militär versucht hat, die Macht an sich zu reißen. Sie gehen, weil wir seit geraumer Zeit einen zivilen Coup d’État erleben. Wir leben seit 15 Jahren unter einer AKP-Regierung. Sie hat das Land extrem verändert und tut alles, um die Pluralisierung der Gesellschaft wieder zurückzudrehen. Durch das Referendum wurde der Weg für eine Verfassungsänderung geebnet, die es nahezu unmöglich macht, diese Regierung abzuwählen. Den jungen Leuten, die jetzt das Land verlassen, ist die Hoffnung abhandengekommen. Bei den Exilanten von 1980 war das anders. Die Türkei hatte damals schon einige Militärputsche erlebt und die Menschen hatten die Erfahrung gemacht, dass sich nach einigen Jahren alles wieder normalisiert. Die Exilanten wussten, dass der Moment der Rückkehr kommen wird. Diesmal zieht man fort, um sich woanders ein ganz neues Leben aufzubauen.

Wie leicht fällt das Ihnen und Ihren Freunden?

Es ist sehr schwierig. Mir persönlich fehlt die türkische Sprache sehr. Ich muss mich in ihr bewegen, um schreiben zu können. Ein Freund von mir ist nach Mailand gegangen. Er war in der Türkei ein erfolgreicher Designer, in Italien ist er zunächst nur irgendein Immigrant. Es ist ein sozialer und beruflicher Abstieg. Man muss seine ganze Energie darauf verwenden, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen. Man hat kaum noch Zeit, sich mit den Verhältnissen in der Türkei auseinanderzusetzen. Ich glaube ja, dass genau darin auch einer der Gründe liegt, warum die Regierung nichts unternimmt, um die gebildete Generation zu halten. Viele derjenigen, die jetzt ins Ausland gehen, haben die Gezi-Revolte unterstützt. Die Regierung weiß, dass sie deren Köpfe niemals gewinnen wird. Im Land stören sie nur, man hat also nichts dagegen, sie weit entfernt zu wissen. Obwohl man alles dafür getan, sie kleinzuhalten, hatten ihre Stimmen, als sie noch in der Türkei waren, ein gewisses Gewicht. Sind die Leute einmal in alle Winde verstreut, fehlt ihnen die Schlagkraft.

Der Exodus der Kreativen wird die Entwicklung der Türkei langfristig bremsen. Der Regierung ist dieser Preis nicht zu hoch?

Sie nimmt es in Kauf. Die Gezi-Revolte war nicht nur ein Protest gegen die Zerstörung von Bäumen, sondern vor allem einer gegen die Einschränkung persönlicher Freiheiten. Die Machthaber wollen nicht, dass die junge Generation frei handelt, frei denkt, frei wählt. Sie wollen auch keinen Wandel, schließlich haben sie ja das Sagen. Umfragen nach dem Referendum haben gezeigt, dass jene, die im Sinne der AKP abgestimmt haben, vor allem Menschen mit geringem Bildungsgrad sind. Warum sollte Erdog˘an also daran interessiert sein, das Bildungsniveau im Land zu halten oder sogar anzuheben? Das würde ihn nur Prozentpunkte kosten. Bildung ist in der Weltsicht der Regierung nur gut, wenn sie an einer der religiösen Schulen erworben wird, die jetzt überall eröffnet werden. Die AKP möchte jungen Menschen nur die eigenen Gedanken injizieren. Es gibt in der Türkei einen Spruch: Entweder man liebt sein Land, oder man verlässt es. In diesem Sinn handelt die Regierung. Sie allein bestimmt, wie die Liebe zur Türkei auszusehen hat. Wer diese Vorstellung nicht teilt, soll halt gehen.

Hat in den 15 Jahren AKP-Regierung nicht auch eine Erdoğanisierung der Gesellschaft stattgefunden?

Ja, und das kann man, selbst wenn es eines Tages einen ernstzunehmenden politischen Herausforderer geben sollte, nicht an einem Tag zurückdrehen. Die Praktiken des Umgangs haben sich komplett verändert; die Art beispielsweise, wie man miteinander diskutiert. Der Ton ist sehr rauh geworden.

Auch die Kulturlandschaft wird immer einseitiger. Gefördert wird nur, was im Sinne der Regierung ist.

Istanbul hat kein Opernhaus mehr, da Erdoğan und die Seinen Opern und Ballett nicht mögen. Nach der Gezi-Revolte wurde es einfach geschlossen und nicht wieder eröffnet. Es scheint, als solle der mittlerweile zerfallene Bau abgerissen und dort eine Moschee errichtet werden. Früher hatte Istanbul eine reiche Theater- und Konzertkultur. Auch sie wurde massiv eingeschränkt.

Woher nehmen die jungen Menschen noch ihre Inspiration?

Die sozialen Medien und Twitter sind für sie sehr bedeutend. Obwohl die Regierung immer wieder Internetseiten blockiert und sicherlich Tausende von Trollen dafür bezahlt, die AKP zu promoten und Andersdenkende zu diffamieren, hat sie es noch nicht geschafft, die Kontrolle über die sozialen Medien zu erlangen. Die jungen Leute lesen auf Englisch, Deutsch und Französisch, was junge Menschen in westlichen Ländern bewegt. Das Internet ist ihr Raum der Freiheit und ihr Tor zur Welt. Auch Bücher sind für sie eine sehr, sehr wichtige Inspirationsquelle. Der literarische Wert ist dabei gar nicht so entscheidend, wichtiger ist die Person, die dahintersteht. Verehrt werden Autoren, die nicht auf der Seite der Regierung stehen und das auch deutlich machen. Daraus zieht die junge Generation Inspiration. Die Schriftstellerin Ece Temelkuran, Jahrgang 1973, ist so eine Autorin. Oder aus der älteren Generation Zülfü Livaneli. Man spürt seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit bei allem, was er tut. Man dankt es ihm, indem man seine Bücher liest.

Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis auch so bekannte Schriftsteller wie die beiden die Türkei verlassen werden?

Einige der Autoren, die ich als Literaturagent betreue, sind tatsächlich ins Ausland gegangen. Doch jene, die wirklich berühmt sind, wollen bleiben, vor allem die älteren. Sie ermutigen zwar ihre Kinder, ins Ausland zu gehen, wollen selbst aber diesen Schritt nicht tun. Sie fühlen sich verantwortlich für das Land und dessen Menschen. Die Leser vertrauen ihnen, und dieses Vertrauen wollen sie nicht enttäuschen. Und ja, sie wollen auch keinen Hass auf sich ziehen, indem sie ihre Bekanntheit nutzen, um sich woanders ein neues Leben aufzubauen. Diese Schriftsteller wissen, dass sie eines Tages im Gefängnis landen könnten, denn einigen ist genau das schon passiert. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie trotzdem bleiben. Das erfordert viel Courage. Wenn das Regime noch einen Rest Verstand hat, wird es irgendwann verstehen, dass es die Schriftsteller durch Repressionen nur noch stärker macht. Gerichtsverfahren und Verleumdungskampagnen erhöhen nur die internationale Aufmerksamkeit. Man kann das im Fall des inhaftierten Schriftstellers Ahmat Altan und auch bei der vor Gericht gestellten Asli Erdoğan beobachten. Die Repressionen haben sie im Westen nur bekannter gemacht.

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Viele junge Menschen in der Türkei haben bisher nur Erdoğan als Chef im Land erlebt. Wie es aussieht, wird das noch eine ganze Weile so bleiben. Verstellt das nicht den Blick, dass auch eine andere Türkei möglich sein kann?

Zum Glück werden junge Menschen ja auch durch ihr Elternhaus sozialisiert. Viele Familien halten die alten Werte hoch. Die Mütter und Väter haben nicht vergessen, auf was für einem guten Weg die Türkei einmal war. Die kollektive Erinnerung kann nicht in 15Jahren zerstört werden, das schafft nicht einmal die AKP. Ich persönlich habe also noch Hoffnung. Allerdings müssten sich die Oppositionsparteien endlich ändern, wenn sie attraktiv für junge, gebildete Generationen sein wollen. Sie sehen, dass in den meisten Ländern Europas alles immer offener wird. Paris und Berlin hatten beide einen schwulen Bürgermeister, doch in der Türkei ist nicht einmal die größte Oppositionspartei CHP in der Lage, eine LGBTI-Person oder einen Gezi-Aktivisten zu nominieren. Alle klammern sich nur an ihre Macht. Nimmt man es genau, sind die Oppositionsparteien zu einem Teil des AKP-Systems geworden. Und davon haben die jungen Menschen die Nase wirklich voll.

Barbaros Altuğ: „Es geht uns hier gut“. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. Orlanda-Verlag, 102 Seiten, 14,50 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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