Science-Fiction-Autor Aldiss

Sprache war seine Wahrheitsdroge

Von Dietmar Dath
 - 19:32

Es hätte der traurigste, tiefste und weiseste Film über die gemeinsame Zukunft menschlicher und nichtmenschlicher Denkweisen werden können, den es je gab. Die beiden Genies, die ihn drehen wollten, haben das aber nicht hingekriegt. Dabei gab es kaum je zwei Filmregisseure, die genauer erfasst hätten, was sich für das Kino aus der Kollision von einerseits technisch-naturwissenschaftlicher Notwendigkeit und andererseits spekulativ-poetischer Möglichkeit herausholen lässt, die der seltsame Genrename „Science-fiction“ meint.

Die beiden Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) von Stanley Kubrick, nach einer Erzählung von Arthur C. Clarke, und „Minority Report“ (2002) von Steven Spielberg, auf der Grundlage eines Angsttraums von Philip K. Dick, gehören gewiss zu den intelligentesten Lektüren von Texten des Genres, die eine Filmkamera je vollbracht hat.

Dennoch sind beide Künstler, erst Kubrick, dann Spielberg, an einer anderen Vorlage aus demselben Kanon gescheitert. Zwar gab es eine Schnittmenge der beiden Lesarten, mit denen sie versuchten, sich diese Vorlage anzueignen. Und diese Schnittmenge erlaubte den beiden in vielerlei Hinsicht sehr verschiedenen Filmkünstlern auch, dass der eine, Kubrick, das betreffende Projekt beginnen und der andere, Spielberg, es mit mehr oder weniger achtbarem Kassen- und Kritikerfolg beenden konnte.

Aber diese beiden Lesarten waren, wenngleich miteinander vereinbar, so doch beide zu eng, um voll zu erfassen, was für ein nie zuvor auf der Leinwand erblicktes grausam hyperklares Sonnenlicht, das selbst ein künstliches Roboterauge blendet, in der Kurzgeschichte „Super-Toys Last All Summer Long“ (1969) von Brian Aldiss dem Unterschied zwischen Mensch und Menschmaschine bis auf den Grund heimleuchtet. „In Mrs. Swinton’s garden,“ beginnt diese Dichtung, „it was always summer“.

Pendler zwischen Kosmos und Kopf

Dem Verfasser jenes Textes, Brian W. Aldiss, war das Glück vergönnt, seinen Eintritt in die Science-Fiction-Literaturgeschichte zu einem Zeitpunkt zu erleben, da dieses Genre sich in der akuten Gefahr befand, seine Standards zu toten Klischees erstarren zu lassen. Aldiss und andere konnten es davor bewahren: Die sogenannte „New Wave“-Bewegung, zu deren wichtigsten Figuren Aldiss in den Sechziger und Siebziger Jahren gehörte, entdeckte nämlich neben dem vom Genre bereits geöffneten und weiträumig erschlossenen „Outer Space“, dem mit Raumschiffen befahrbaren Kosmos also, eine Art Kontrapunkt-Reservoir: den „Inner Space“, also die potentiell allseitig unendlichen Hallräume menschlicher Geistes- und Gemütszustände.

Die neuen literarischen Trips dorthin waren teils chemisch ermöglicht, man las unter den „New Wave“-Beteiligten aber auch eifrig die Wortcollagen von William S. Burroughs, die proto- und vollpsychedelischen Beat-Dichtungen und andere Produkte pharmakologisch induzierter Räusche. Indem die Autorinnen und Autoren der „New Wave“ die genannten zwei Räume, den fluchtverheißenden fernsten und den tiefentauchtauglichen nächsten jedes Menschen, zueinander in Beziehung setzten, entdeckten sie aber bald noch eine andere, allgemeinere, nicht immer künstlerisch geprägte Vermittlung zwischen Individuum und Universum, die Gesellschaft nämlich (und ihre guten und schlechten Zustände). Ein markanter sozialkritischer Zug gehörte nach und nach zu den Hauptcharakteristika der Bewegung; nicht nur theoretisch oder ästhetisch, sondern ganz praktisch, was die Zugangsmöglichkeiten zur Science-Fiction für zuvor ausgegrenzte Stimmen anging – solche von Frauen, Schwarzen, anderen ethnischen, aber auch sexuellen oder politische Minderheiten in den reichen westlichen Gemeinwesen, welche die Science-fiction hervorgebracht hatten und in denen sie gerade zu einem Hauptstil diverser Populärkulturen wurde, vom Comic über den Film bis hin zu visuellen und textlichen Aspekten der Rockmusik (und des Jazz, man denke nur, für die hier in Rede stehende Kurzepoche, an Sun Ra oder Alice Coltrane). Als die neuen Stimmen das Wort ergriffen, wurde dieses Wort einerseits oft spröder dadurch, dann aber auch verführerischer, weil neu, kurz und insgesamt: dichterischer.

Gegenkulturentwürfe als Mikro-Trips

Der 1925 im englischen East Dereham, Norfolk, geborene Aldiss nutzte diese günstige Situation zur Abfassung und Veröffentlichung von Romanen und Erzählungen, die meist von etwas reden, das man noch heute in den Nachrichten wiedererkennen und im Seeleninnern als Echo von Befürchtungen wie Sehnsüchten spüren kann. Der Zerfall Europas zum Beispiel, den er in seinem sprachlich gewagtesten und weltenbildnerisch eigensinnigsten Roman „Barefoot in the Head“ (1969) geschildert hat, scheint hinterm Horizont jüngster Ereignisse beschleunigt auf uns zuzukommen, und die „psychedelischen Bomben“, mit denen in diesem Buch Krieg geführt wird, wirft mittlerweile der Präsident der Vereinigten Staaten in Tweetgeschwadern ab.

Kolleginnen und Kollegen von Aldiss nahmen damals, wie gesagt, gern LSD und andere Drogen als Treibstoff einer Gegenkulturmaschine zwischen Comics, Rock, Film, Fantasy- und Science-Fiction-Literatur. Diesem Projekt stand Aldiss nicht rundweg enthusiastisch gegenüber, schilderte indes einige seiner Symptome durchaus mit Sympathie, etwa wenn in „Barefoot in the Head“ die Verwahrlosten einer postsozialen Menschenzusammenklumpung sich auf das Konzert einer Band namens „The Escalation“ freuen.

Die Musik dieser Band kann Aldiss mit Worten allein zwar nicht zum Klingen bringen, aber um die Erwartung dieser Musik selbst zu musikalisieren denkt er sich merkwürdige Adjektive, Hauptwörter und andere Prägungen aus, die wie kleine Drogentrips zünden, die Aldiss seinem ehrfurchtgebietenden sprachschöpferischen Vermögen abschwatzen konnte – ganz ohne Pillen-, Pulver- oder Rauchhilfe zumeist und vom deutschen Übersetzer Joachim Körber rund zwanzig Jahre nach der Erstpublikation geschickt in unsere Sprache herübergezogen:

„Wolkende Menschenmassen begrüßten The Escalation in Nottingham, verschwommene Teenager auf den Straßen, kaum ein Flüstern, die in mittleren Jahren, die Alten, die Krüppel und die Lahmen, alle, die nicht verhungert waren, alle, die nicht daran gestorben waren, auf Straßen in Gräben oder Feuer zu fallen, alle, die nicht ausgewandert waren, nachdem die Aerosole sich herniedergesenkt hatten, alle, die nicht vor Lachen umgefallen waren, alle, die ihre schwammigen Schädel nicht mit Dosenöffnern aufgemacht hatten, um die Geister und die Ratten herauszulassen. Alle warteten unter den Säumen ihrer grauen Gleitung sehnlichst auf The Escalation.“

Körbers „graue Gleitung“ heißt im Original „grey clouts“, das Wort „cloud“ und das Wort „clout“ sind hier zu einer Mischung aus Wolke und Durchschlagskraft verschmolzen, die Körber gar nicht erst dem Sinn nach zu übertragen versucht hat, weil es, wo die Ordnung oder Unordnung der Welt, die von den Figuren bewohnt wird, diesen nicht mehr einleuchtet, nicht mehr um Sinn als Leistung des Verstehens und der Reflexion geht, sondern bis in die Nerven der Sprache um Sinnlichkeit, also Klang und Wortgestalt, wie schon bei James Joyce, als der in seinem „Work in Progress“ die Sprache schlafenlegte und zum Träumen schickte, während der Lärm des Zweiten Weltkriegs sich in den empfindungsfähigsten Menschenohren als Anschlag aufs Menschenwesen überhaupt bereits als das Unvermeidliche hören ließ.

Literaturgeschichte umbauen

Brian Aldiss hatte (wie Joyce und die anderen großen modernistischen Sprachneuerer, von Gertrude Stein bis André Breton) nicht nur einen Begriff von seiner eigenen, persönlichen Dichtung, sondern auch einen davon, wie sich die Literatur insgesamt verändern sollte, um in den neuen Wissens- und Ahnungslandschaften zwischen Nachrichtenmedien und überall geöffneten Archiven aller Kulturen und Zeiten nicht „in Gräben oder Feuer zu fallen“. Seine Ideen darüber hat er daher eben auch nicht nur in eigenen Werken, sondern etwa als Herausgeber fremder Arbeiten für den Penguin-Verlag artikuliert, vor allem aber in seinem ehrgeizig umfangreichen und an literaturwissenschaftlichen Seminaren wie beim Lesepublikum immens einflussreichen Abriss der Science-Fiction-Literaturgeschichte „Billion Year Spree“ (1973), später in Zusammenarbeit mit David Wingrove erweitert zu „Trillion Year Spree“ (1986).

Der in dieser Arbeit zentral thematisierte Blick auf Zeiträume, die weit ausgedehnter sind als die bisherige Menschheitsgeschichte, ist eine Eigenheit vor allem britischer Science-fiction. Deren Großmeister H.G. Wells und Olaf Stapledon waren in diesen Dimensionen ebenso zuhause wie ihr Geistesverwandter Aldiss, dessen gewichtigster eigener Beitrag zur „deep history“-Science-Fiction die „Helliconia“-Trilogie ist, in deren drei Bänden „Helliconia Spring“ (1982), „Helliconia Summer“ (1983) und „Helliconia Winter“ (1985) das zyklische Schicksal der Zivilisation auf einem Planeten geschildert wird, dessen Jahreszeiten aufgrund himmelsmechanischer Besonderheiten ihrer astronomischen Lage mehrere Jahrhunderte andauern.

Atemzüge eines Philosophen

In den schönsten Texten, die Aldiss geschrieben hat, ist das schwer durchschaubare Erwartungsbündel „Zukunft“ Platzhalter für die Trauer über all die vorstellbaren und nur selten verwirklichten Schätze an Schönheit, Erkenntnis, Freiheit und Wahrheit, die sich kaum je treffen werden, wo Menschen tatsächlich leben müssen, in der Gegenwart.

Die Aldiss-Erzählung, von der Kubrick und Spielberg nur etwas futuristischen Kulissen- und Requisitenzauber übernommen haben, beginnt mit Mandelbäumen, die nie ihre Blätter verlieren, und einem Kind, dem man eine safranfarbene Rose vors Gesicht hält, um es zu fragen, ob die nicht schön sei. Das Kind weiß keine Antwort.

Das Gesamtwerk von Brian Aldiss ist der Versuch, diese Frage nicht mit Schwärmen, sondern mit immer weiter fragender und bewusst unnatürlich-konstruktivistischer Präzision zu beantworten. Verwandt ist das in seinem Bestreben, die mathematische Wohldefiniertheit avanciertester Ausdrucksmittel mit der visionären Sehnsucht nach allerlei Unsagbaren zu vermählen, weniger einem „Star Wars“-Film, eher dagegen dem Kapitel „Atemzüge eines Sommertages“ in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Hermann Brochs Versuch, das Rechnen mit dem Träumen in „Die Unbekannte Größe“ (1933) ins Gespräch zu bringen.

Beklemmende Vorwegnahme des Insel-Nationalismus

Broch und Musil sind natürlich nicht der Stand der Gegenwartsliteratur, sie sind historisch. Die „New Wave“ der Science-Fiction ist das auch – Joanna Russ, Thomas M. Disch, J.G. Ballard sind tot, Samuel R. Delany, Harlan Ellison und Michael Moorcock leben (und manchmal, wenn der dankbare Teil des Publikums Glück hat: schreiben) weiter.

Brian Aldiss hat noch 2007 einen beklemmenden Roman namens „Harm“ geschrieben, in dem ein junger Science-Fiction-Autor muslimischer Herkunft in Großbritannien eine politische Verfinsterung überleben muss, die zehn Jahre nach Erscheinen des Buches wie eine zuspitzende Vorwegnahme des vor und nach dem Brexit virulenten neuen Insel-Ethnonationalismus wirkt.

Eines der Gedichte, die Aldiss vor rund einem halben Jahrhundert in „Barefoot in the Head“ integriert hat, beschreibt den „Tod eines Philosophen“ und gibt der Hoffnung Ausdruck, der schwere Weg durchs Diesseits, zwischen Outer und Inner Space, würde sich am Ende vielleicht glätten, man könnte zuletzt näher bei sich, bei der eigenen geistigen Wahrheit sein als oftmals im Leben. Das Gedicht spielt mit einem Wort für die Zukunft und einem Wort für tröstliche Beruhigung: „soon“ und „soothe“. Am 19 August ist der erzählende Philosoph Brian Aldiss zuhause in Oxford gestorben.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
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