Unsere literarische Epoche

Ichzeit

Von Maxim Biller
 - 19:44

Wir - Leser, Schriftsteller, Kritiker - leben, lesen und schreiben schon lange in einer literarischen Epoche und wissen es nicht. Vielleicht ahnen wir es, wenn wir nach der Lektüre von Tellkamps „Turm“ oder Herrndorfs „Tschick“ denken, das war ein schönes, komplexes Erlebnis, das war noch besser als eine Folge von „Breaking Bad“ oder „Boardwalk Empire“. Und vielleicht war Jakob Arjouni selbst am meisten von der weisen Heiterkeit seines „Magic Hoffmann“ überrascht oder Robert Schindel von der decameronehaften Figurenvielfalt von „Gebürtig“. Aber dass die besten Romane der letzten fünfundzwanzig Jahre mehr verbindet als ihre Qualität, kam, glaube ich, noch keinem von uns in den Sinn.

Angefangen hat es mit „Irre“ von Rainald Goetz, dem Roman eines Psychiaters, der durchs Schreiben dem Wahnsinn entfliehen will, aber bloß noch viel näherkommt. Der Einzige von denen, die mit Literatur professionell zu tun haben, der damals das Buch nicht gehasst hat, war Marcel Reich-Ranicki. Er sagte, nachdem Goetz im Sommer 1982 beim Bachmann-Preis in Klagenfurt daraus vorgelesen hatte: „Selten habe ich einen Text gehört, in dem so viel Leben wäre. Ich bin dafür.“ Dabei hat es ihn nicht interessiert, dass er selbst einer von denen war, die Goetz in seinem - für Klagenfurt modifizierten - Romanauszug in die Hölle schickte. Und dass Goetz sich während der Lesung selbst verletzte und ihm danach höflich mit blutüberströmtem Gesicht zuhörte, kommentierte er nur, indem er ebenso höflich sagte: „Mit diesem Protest gegen das literarische Leben entlarvt sich Rainald Goetz als ein typischer Literat.“

Keine Zweit für nichtssagende Ironie

Marcel Reich-Ranicki hatte recht. Allerdings war dieser Literat anders als die anderen vor ihm. Er erklärte zwar auch - wie es immer wieder passiert und passieren muss -, dass die Bücher, Sätze und Gedanken seiner Vorgänger schlecht und leer seien. Aber gleichzeitig wagte er etwas unerhört Neues. Er stellte seine ganze verletzende und verletzliche Person stolz ins grelle öffentliche Licht. Er zeigte, wie ein irrer Aktionskünstler oder verzweifelter Popstar, dass es für ihn keinen Unterschied gibt zwischen seinem Leben und seinem Werk.

Er bedeutete allen, die Bücher brauchen, durch einen kleinen Klingenschnitt: Ihr müsst und könnt glauben, was ich schreibe, denn ich bürge mit meinem Körper, mit meiner Seele, mit meinem Leben dafür. Und darum vergesst die lahmen und moralisierenden Phrasen der Gruppe 47, verliert keine Zeit mehr mit der nichtssagenden postmodernen Ironie. Die Literatur braucht wieder ein starkes, glaubhaftes, mitreißendes, suggestives Erzähler-Ich, das stärkste, das es je gab - sonst hört ihr uns, die tief empfindenden Dichter und Denker, im immer lauter werdenden Medienlärm nicht mehr.

Wie hätte er über den eigenen Tod geschrieben

Kurz nach Goetz’ Roman, der auch darum so gut und modern ist, weil man nie weiß, ist das jetzt Prosa, Reflexion oder Poesie, erschien Jörg Fausers „Rohstoff“, die deprimierende Roadmovie-Geschichte eines jungen Deutschen, der als Junkie im Sechziger-Jahre-Istanbul praktisch jeden Tag einmal stirbt. Dann geht er nach Deutschland zurück, wo ihn die linken und rechten Lügner noch mehr fertigmachen als das türkische Opium, und das Einzige, was ihn in den grauen deutschen Städten Frankfurt, Göttingen und Berlin überleben lässt, ist das Schreiben darüber, wie er überlebt. Dieser Roman tut weh, so schön und tief empfunden ist er. Und genau das ist er auch. Denn Jörg Fauser hat den Siebziger-Jahre-BRD-Horror, den er beschreibt, Wort für Wort, Niederlage für Niederlage, genauso selbst erlebt. Eine gute literarische Investition.

„Zweiundzwanzig Jahre das Du gesucht“, schreibt Harry Gelb alias Jörg Fauser, „und dann definitiv festgestellt, dass es nur ein Ich gibt, und das trägt schmutzige Unterhosen, grüne Socken mit Löchern und mitten in der Stirn ein rotes Loch.“ Toll, oder? Und verdammt blutig, auch ohne Rasierklinge. Wie schade, dass der existenzielle Trinker Fauser, der ein paar Jahre später morgens um vier betrunken auf einer bayerischen Autobahn überfahren wurde, über seinen Amy-Winehouse-Tod nicht mehr selbst schreiben konnte. Es wäre sein stärkster Text geworden.

Eine vorweggenommene Epochenzuordnung

Viele der besten, wichtigsten Bücher der letzten zweieinhalb Jahrzehnte wären ohne den extremen persönlichen Einsatz ihrer Verfasser undenkbar gewesen, und es mussten nicht immer gleich Sex, Drogen und Musik im Spiel sein.

In „Die Ausgewanderten“ erzählt W. G. Sebald, mehr Hypnotiseur als Schriftsteller, von jüdischen Emigranten, die vor den Nazis fliehen, aber Deutschland und seine kalten, bösen Bewohner in ihren Köpfen und Herzen mitnehmen und daran zugrunde gehen. Sebald, ein kluger, hellsichtiger, wenig gereister Nichtjude aus der fränkischen Provinz, hätte diese vier langen, unvergesslichen Erzählungen nie schreiben können, wenn er nicht selbst in den sechziger Jahren in ein rätselhaftes, freiwilliges Exil gegangen wäre, nach England, nach Norwich, in eine Gegend, mit der ihn so viel verband wie Hans Sahl mit den Washington Heights oder Walter Benjamin mit den Pyrenäen.

Oder Monika Maron, deren „Stille Zeile Sechs“ für die kollektive Erinnerung an die bösen alten DDR-Bolschewiken genauso prägend ist wie das Buch Ester für die Ikonographie aller blutrünstigen orientalischen Könige. Sie musste jahrelang heftig mit dem System kokettieren und es schließlich schroff ablehnen, bis sie zu dieser literarischen Weltklasseleistung fähig war, bis sie erzählen konnte, wie es ist, wenn eine Frau, die keine Heldin ist, zur Heldin, aber auch zur Mörderin wird.

Oder Christian Kracht, verwöhnt, blasiert und eine Weile fast immer wie im Rausch auf dieser Welt. Plötzlich setzt er sich hin und schreibt mit „1979“ einen bösen, wunderschönen, hochkonzentrierten Anti-Kapitalismus-Klassiker, dessen traurige Hauptfrage lautet: Wie schafft es ein dekadenter Narziss sein Ego zu besiegen? Noch traurigere Antwort: Auch wenn er in einem chinesischen Umerziehungslager Scheiße und Maden frisst - gar nicht. Und dass ich selbst wegen eines angeblich hyperrealen Buchs vom Verfassungsgericht ein Publikationsverbot bekam, sieht in diesem Zusammenhang plötzlich wie eine Literaturkritik aus, wie ein gigantischer Verriss à la Klagenfurt und eine vorweggenommene Epochenzuordnung.

Wir Kinder von Warhol, Hollywood und Zuckerberg

Ist es nicht normal, dass Autoren ihre Erfahrungen verarbeiten? Ja, aber nicht gleich alle und nicht gleich alle so intensiv. Und es gibt eine weitere Gemeinsamkeit: Fast jedes der bedeutenden deutschen Bücher der vergangenen Jahre kommt in der ersten Person Singular daher - oder zumindest ist der Protagonist dem Autor zum Verwechseln ähnlich. Das ist kein Zufall. Nur ein kräftiger Erzähler-Ich kann die faszinierende, den Leser mitreißende Illusion erzeugen, dass der Erzählende und der Schreibende ein und dieselbe Person sind.

Das muss und das kann heute gar nicht anders sein. Denn erstens nimmt längst kein intelligenter Mensch mehr einem Autor einen paternalistischen 19.-Jahrhundert-Realismus ab, auch nicht einem so geschickten Handwerker wie Jonathan Franzen, an den sich in ein paar Jahren darum keiner erinnern wird. Und zweitens war noch nie eine Autorengeneration so narzisstisch wie unsere, nicht einmal die Romantiker, die Beatniks oder die Surrealisten. Denn Eigenliebe, die bei ihnen noch sehr privat war, wird heutzutage auch beim normalsten Facebook-Nutzer durch die Medienlupe bis ins Monströse vergrößert. Wir, die Schriftsteller, sind natürlich auch die Kinder von Warhol, Hollywood und Zuckerberg. Warum sollen wir aber in unseren Büchern auf Balzac machen, statt auf Britney Spears, und zwar auf die, die sich gerade für die ganze Welt eine Verzweiflungsglatze scheren lässt?

Erst wenn keiner mehr an ihn glaubt

Übersteigerter Individualismus hat immer etwas Neurotisches. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass publizierende Extremindividualisten automatisch jede Form von Gruppenzwang, Massenidiotie und Ideologie ablehnen. Und so ist jedes Buch dieser literarischen Superego-Epoche mehr als phantastische Prosa. Es ist immer auch eine Totalabrechnung mit einem Ismus, wie man früher gesagt hat, als man noch an Ismen glaubte, mit einem Stück Kollektivwahn oder einfach nur mit ein paar Nervensägen, die dasselbe denken und von jedem anderen verlangen, dass er es auch tut. Wären nicht unsere Eltern und Lehrer im Stechschritt marschierende 68er gewesen, hätten wir vielleicht einen größeren Sinn fürs Kollektiv, für die Hammelherde, fürs Wir.

Und hier ein paar Beispiele für die neue, aufklärerisch unduldsame Literatur der Ichzeit, in der wir zum Glück seit einem Vierteljahrhundert leben und arbeiten dürfen. In „Die Anstalt der besseren Mädchen“, einem der besten und vergessensten Romane dieser Zeit, tritt Julia Zange mit fast schon betäubender, ultramoderner Sprache und einer erregenden pornographischen Radikalität allen Feministinnen in den Schoß, die den Feminismus nur dafür nutzen, nach der Macht in der Familie nun auch noch die Macht in der Gesellschaft zu erobern.

Jakob Arjouni räumt in „Magic Hoffmann“, dem einzigen echten Berlin-Roman, mit dem neuen Wilhelminismus ab, bevor es ihn richtig gab. Dietmar Dath macht in „Für immer in Honig“, dem wenig bekannten, aber ebenbürtigen Zwilling von David Foster Wallace’ „Infinite Jest“, auf einen Schlag mit seiner eigenen und der allgemeinen Kapitalismus- und Feuilletonismus-Trottelei Schluss. Robert Schindel erklärt in seinem genialen, pasternakhaften, Satz für Satz wie gedichteten Nachgeborenenroman „Gebürtig“ jedem, der es nicht weiß und nicht wissen will, dass der Faschismus erst dann besiegt ist, wenn auch heute keiner mehr an ihn glaubt, auch nicht als an das ultimativ böseste Böse ever, schlechthin und überhaupt.

Uwe Tellkamp erledigt auf 1000 berauschend schön geschriebenen Seiten fünfzig Jahre DDR und auch noch fünfzig Jahre innere DDR-Emigration. Christian Kracht löst, mehr oder weniger, die Hedonismusfrage. Rainald Goetz entlarvt den Freudianismus als Therapeutendiktatur. Ralf Rothmann beschreibt in „Junges Licht“ den Materialismus der fünfziger und sechziger Jahre als das wenig wirksame Gegengift der kaputten, kranken, gemeinen Nachkriegsdeutschen gegen den inneren KZ-Aufseher in jedem von ihnen. Und Wolfgang Herrndorf schreibt einen der schönsten, menschlichsten und nur scheinbar konventionellsten deutschen Romane der letzten hundert Jahre - und beendet damit in einem einzigen herrlichen Meta-Vorbeigehen die längst hohle Herrschaft der literarischen Post- und Pseudo-Avantgardisten. Vielen Dank.

Literatur bleibt immer ein Tagtraum aus Buchstaben

Natürlich gibt es noch andere große Romane, von denen ich nicht einmal weiß. Aber alle die, die ich kenne, eint ein mal zart, mal hart formulierter, optimistischer Hass auf das große, gemeine, unterdrückende Ganze. Auf der Rückseite der Taschenbuchausgabe von „Junges Licht“ steht: „Wenn du dich für die Freiheit entschieden hast, kann dir gar nichts passieren. Nie.“ Richtig! Und als in „Stille Zeile Sechs“ Rosalind Polkowski, die gar nicht so gute Kämpferin fürs Gute, mal wieder wütend dem verlogenen, selbstherrlichen SED-Superfunktionär Beerenbaum gegenübersteht, denkt sie: „In dieser Minute begriff ich, dass alles von Beerenbaums Tod abhing, von seinem und dem seiner Generation.“ Keine Freiheit ohne das Ende der alten Herrscher und Herrschaften? Auch richtig! Das ist natürlich sehr radikal. Das ist, vom kollektivistischen Öko-Merkel-Jetzt aus betrachtet, viel entschlossener und politischer als eine PEN-Club-Resolution oder eine Günter-Grass-Rede. Das ist der - vielen immer noch unbekannte - revolutionäre literarische Geist einer neuen, unideologischen Schule. Das ist so viel Ich und Freiheitsdrang und tolle Literatur wie lange nicht mehr.

Die Literatur der Ichzeit ist natürlich nie auf die altmodische Art realistisch. Das darf sie auch nicht sein. Sie ist mal Cut-up, mal ein Hin und Her zwischen Gedicht und Roman, sie ist mal linear, mal irre Montage, und sie ist in dem Sinne post-postmodern, dass keiner ihrer schreibfertigen Autoren so tut, als wäre er ein auktorialer Tyrann; aber gleichzeitig, im Gegensatz zu Calvino und seinen ironischen Schülern, meint er jedes Wort ernst, todernst, denn er und sein blutendes Ich sind der Star, sind der Text, und vielleicht ist es auch genau andersrum. Vor allem diese stilistische Offenheit, diese Methoden- und Perspektivenvielfalt kennzeichnet die neue Ich-Literatur als antiideologisch bis ins hermeneutische Mark.

Literatur ändert sich - und bleibt immer Literatur. Sogar als sie noch im ursprünglichen Sinn realistisch war, war sie nie das Leben. Literatur war und ist und bleibt immer ein Tagtraum aus Buchstaben. Literatur ist die Stimme eines tief fühlenden Menschen, der in wunderbaren Sätzen zu uns darüber spricht, wie es ihm geht, was er sieht, was er fürchtet, was er liebt. Ob er dafür eine gewisse Anna Karenina erfinden muss oder bis zur Kenntlichkeit sein eigenes Ich entblößt, ist egal. Hauptsache, er kann das, was er tut, so gut, dass die Lektüre seines Buchs in uns das gleiche vergängliche mystische Erlebnis erzeugt wie ein Lucian-Freud-Bild, ein Otto-Sander-Monolog oder ein von Barenboim dirigiertes Mahler-Konzert. Wir sind da, spüren wir dann bis in den tiefsten Winkel unserer Seele und unseres Gehirns, und eines Tages werden wir nicht mehr da sein, und mit uns verschwinden leider auch unsere Seele und unser Gehirn, verflucht.

Eine neue literarische Epoche

Als vor zwei Jahren „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann erschien - eines der wichtigsten Bücher der Ichzeit -, hassten es die meisten Kritiker. Das war schon mal sehr gut, denn dieses Buch war seit langem wieder die erste brauchbare Abrechnung mit den alten Linken, Liberalen und früheren 68ern, die ihre Kinder zugleich allein ließen und überforderten, und das Geschrei der Kritiker, die komischerweise bis heute immer noch fast alle links sind, war das Geschrei von Verwundeten. Aber noch besser war es, dass sie Hegemann vorwarfen, sie, die Siebzehnjährige, kenne das Leben nicht, das sie beschreibe, sie könne doch gar nicht mit dem Einsatz ihres eigenen Körpers und Daseins für die literarische Kraft ihres dunklen Nacht-Romans bürgen, denn ins „Berghain“ und seine Darkrooms käme man erst, wenn man volljährig ist. Wirklich witzig.

Über einen solchen Verriss hätte sich Rainald Goetz 1982 in Klagenfurt gefreut. Er musste damals aus dem Hotelfenster springen, damit ihn die vom besorgten Juryvorsitzenden gerufenen Irrenwärter nicht ins Irrenhaus bringen konnten. Kurzum, sogar die Kritiker beginnen langsam zu ahnen, dass Schriftsteller inzwischen etwas anders machen als in den idyllischen, risikolosen Gruppe-47-Tagen und den vielen leeren Sprachspieljahren danach - dass eine neue literarische Epoche angebrochen ist.

Warum ist es wichtig, dass wir die Bewohner einer neuen literarischen Epoche sind? Anders gefragt: Ist es Ihnen wichtig? Mir schon. Denn ich weiß immer gern, wo ich bin und warum ich dort bin - damit ich so bald wie möglich wieder verschwinden kann.

Quelle: F.A.S.
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