Viktor Jerofejew wird 70

Diplomatischer Freidenker

Von Kerstin Holm
 - 16:53

Dieser Autor findet für jeden den richtigen Ton. Den früheren schriftstellernden Vizechef der Administration von Präsident Putin, Wladislaw Surkow, bestätigte er in dessen Überzeugung, dass er eine literarische Größe sei. Dem liberalen Publikum erklärt er, das russische Volk lebe in einem romantisch gewalttätigen Märchenreich und halte die Europäer für seelenlos. Dem russischen Kulturminister Wladimir Medinski machte er in seinem Vorwort zu dessen patriotischem Geschichts-Fantasy-Thriller „Die Mauer“ das Kompliment, bei ihm werde die Vergangenheit zu einem tollen Abenteuer – und widersprach Medinski dann heftig, als dieser vorschlug, russischen Schülern die Lektüre von Tolstois „Anna Karenina“ zu ersparen. Denn Viktor Jerofejew ist der stolze Patriarch der russischen literarischen Kultur, dem hintergründiges Schmeicheln wie Streiten gleichermaßen Vergnügen bereiten.

Dass Jerofejew politische Berührungsängste nicht kennt, verdankt sich nicht zuletzt seiner privilegierten Herkunft als Sohn von Stalins persönlichem Übersetzer und Botschaftsrat, weshalb er prägende Kindheitsjahre in Paris verbrachte. Diese Erfahrungen verarbeitete er 2004 zu seinem vielleicht stärksten, weil erfahrungsgesättigtem Roman, „Der gute Stalin“. Kindliche Bewunderung für seinen stalintreuen Vater und jugendliches Aufbegehren werden darin enggeführt. Und wie Jerofejew die köstlichen Spanferkel, rosa Würstchen und glänzenden Kaviarberge schildert, die zu Hause auf den Tisch kamen, und in Abgrenzung gegen die Eltern zugleich seine Begeisterung für rebellierende Ungarn und Chilenen, das charakterisiert sein eigenes sybaritisches Freidenkertum.

Vom Ausschluss zum Durchbruch

In den siebziger Jahren, in bleierner Breschnew-Zeit, publizierte Jerofejew die erste wegweisende Studie über das Werk des Marquis de Sade in der Sowjetunion. 1979 brachte er zusammen mit Jewgeni Popow den Samisdat-Almanach „Metropol“ heraus, eine Sammlung unzensierter Texte, in denen es auch um Sexualität und Gewalt geht. Das kostete ihn die Mitgliedschaft im Schriftstellerverband, seinen Vater allerdings die Diplomatenkarriere. Trotzdem drängte dieser den Sohn dann nicht, seine „Metropol“-Sünde schriftlich zu bereuen, wie die sowjetischen Behörden es von ihm verlangten. Dadurch sicherte sich Jerofejew senior die Achtung seines Sohnes.

Der Durchbruch war Viktor Jerofejew bereits mit seinem Debütroman „Die Moskauer Schönheit“ gelungen, der, im Perestroika-Jahr 1990 erschienen, ein Weltbestseller wurde. Dessen Heldin, die Provinzlerin Irina, erobert in Moskau mit Hilfe ihres Luxuskörpers und eines eisernen Aufstiegswillens einen erfolgreichen Literaten und Funktionär nach dem anderen und eröffnet ihnen neue Sexualpraktiken, bis ihr wirklicher Favorit in ihren Armen den Liebestod stirbt. Jerofejew, zum Star der postsowjetischen Moderne aufgestiegen, erklärte die Suada seines Textes, der in psychophysischen Entgrenzungen schwelgt, als Versuch, „weiblich“ zu schreiben.

Texte von unerreichter Brisanz

Ein erzählerisches Meisterwerk ist Jerofejews kurz darauf auf Deutsch erschienene Kurzgeschichte „Leben mit einem Idioten“ über einen rabiaten Schwachsinnigen, der beim Schriftsteller einquartiert wird, zuerst dessen Frau, dann ihn selbst sich hörig macht und schließlich beide zugrunde richtet. Das Sujet, das Alfred Schnittke als gleichnamige Oper vertont hat, erscheint als böse Allegorie auf das nachrevolutionäre Russland.

In seinen Romanen setzt Jerofejew auf den ekstatischen, permanenten und daher vorhersehbaren Regelverstoß. So im „Jüngsten Gericht“ über einen literarisch wie sexuell superpotenten Helden, der das Projekt Mensch für gescheitert erklärt. Oder in den „Akimuden“, worin Jerofejews dauerentflammbares Autor-Alter Ego gegen tote Seelen streitet, die Russland besetzt halten. Von unerreichter Brillanz sind dafür seine Essays, in denen dieser intime Kenner der russischen wie der westlichen Seelenlage aus deren gegenseitigem Nichtverstehen erhellende Funken schlägt. Am heutigen Dienstag feiert Viktor Jerofejew seinen siebzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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