Theodor Storm

Es schaut dich fremd und furchtbar an

Von Tilman Spreckelsen
 - 20:44

Der kleine Simon Woldsen war ein niedliches Kind und zugleich der Schrecken Husums: Noch viele Jahre später erzählte man sich, wie der Junge auf einem kleinen Wagen, gezogen von zwei schneeweißen Ziegenböcken, durch die Straßen sauste und den Töpfern die Ware zerbrach, so dass sein Vater für den Schaden aufkommen musste. Simon starb früh, ebenso wie seine vier Brüder, und wurde in die Familiengruft gelegt.

„Nach einem Begräbnisse in der Familie“, erinnerte sich Simons Neffe Theodor Storm, „war ich allein mit meiner fast achtzigjährigen Großmutter hier hinabgestiegen; ich suchte zwischen all den Särgen den kleinen einer früh verstorbenen, geliebten Schwester, da hörte ich hinter mir ein auffallendes Geräusch, und als ich mich wandte, sah ich, wie die Großmutter einen kleinen Schädel aus einem zertrümmerten Sarge hob und ihn weinend an die Lippen drückte. ,Das war mein kleiner Simon‘, sagte sie zitternd, während sie sacht den Schädel wieder in die halbvergangene Kiste legte.“

Die Frage nach Tod und Endlichkeit

Als sich dann wiederum der alte Theodor Storm an dieses Erlebnis aus seiner Kinderzeit erinnerte, war fast ein Jahrhundert seit Simons Tod vergangen. Die Gruft war seitdem immer wieder geöffnet und verschlossen worden, um neue Leichen aus dem Familienkreis aufzunehmen, darunter eine Reihe von Geschwistern des Dichters und seine erste Frau Constanze, und wer wie Storm in die enge Kammer hinunterstieg, in deren Wände Eisenstangen eingelassen sind, um die Särge zu tragen, der lief ständig Gefahr, auf kleine weiße Knochen zu treten, die durch die Löcher in den verfaulten Brettern auf den Boden der Gruft gefallen waren.

Theodor Storm, geboren an diesem Donnerstag vor zweihundert Jahren, wich der Frage nach Tod und Endlichkeit nicht aus, er stellte sie in vielen seiner Gedichte und in den Novellen, die seinen Ruhm bis heute bewahrt haben. Der Tod eines Sechzehnjährigen etwa ist ihm Anlass für das Gedicht „Geh nicht hinein“, das die Leiche so beschreibt: „Dort, wo er gelegen, / Dort hinterm Wandschirm, stumm und einsam liegt / Jetzt etwas – bleib! Geh nicht hinein! Es schaut / Dich fremd und furchtbar an; für viele Tage / Kannst du nicht leben, wenn du es erblickst.“

Erzählen und Zusammenrücken

Was von uns bleibt, ist jedenfalls nicht das tote „etwas“, das an die Stelle des lebendigen „er“ getreten ist. Aber es hat genügend Kraft, allein durch seine Gegenwart hinter dem gnädig dort aufgestellten Wandschirm Angst und Schrecken unter den Lebendigen zu verbreiten, was Storm, den man im schönsten Paradox einen „realistischen Geisterseher“ genannt hat, zeitlebens faszinierte. An ein Jenseits glaubte er nicht, zugleich aber sammelte er Spukgeschichten und notierte eifrig Berichte über Geistererscheinungen. Einer seiner wirkungsvollsten Texte, „Am Kamin“, bündelt solche Geschichten in einer Rahmenhandlung, die einen älteren Herrn zeigt, der allein durch seine Erzählkunst aufgeklärt-skeptische Zuhörer das Gruseln lehrt, während der Teekessel singt und man behaglich zusammenrückt.

Es fällt nicht schwer, darin – im Erzählen und Zusammenrücken – eine Strategie gegen den namenlosen Schrecken zu sehen, gegen das Etwas hinter dem Wandschirm. Und Storm, der sich in Husum und Umgebung in einer weitverzweigten Familie aufgehoben wusste, der seine eigene Cousine heiratete und mit ihr sieben Kinder bekam, der einen ausgedehnten Briefwechsel pflegte und sich regelmäßig nach dem Wohlergehen noch der entfernteren Zweige der Sippe erkundigte, wusste genau, welchen Halt eine Familie geben kann. Er wusste aber auch, wie man sie gefährden kann, bis an die Grenze zum Zerstören.

Der Vater war ein sozialer Aufsteiger

Storms Vater Johann Casimir, ein sozialer Aufsteiger, der es vom Müllerssohn zum Rechtsanwalt und obersten Strippenzieher von Husum gebracht hatte, schickte seinen ältesten Sohn zum Jurastudium nach Kiel. Storm, der erkennbar mehr zur Literatur als zum Rechtswesen neigte und bereits als Schüler Texte publiziert hatte, lernte dort die Brüder Theodor und Tycho Mommsen kennen, die mit ihm gemeinsam eine Lyriksammlung verfassten, das „Liederbuch dreier Freunde“. Er kehrte als Anwalt ins kleine Husum zurück, wo bereits drei Kollegen wirkten. Er gründete einen Chor, der noch heute besteht, heiratete und betrog seine Frau mit einer jungen Husumerin namens Doris Jensen. Das Dreiecksverhältnis dauerte einige Monate, sehr wahrscheinlich wusste halb Husum darüber Bescheid, und schließlich wurde dem Mädchen nahegelegt, die Stadt zu verlassen.

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Als sich die norddeutschen Herzogtümer, die seit Jahrhunderten vom dänischen König regiert wurden, im Zuge der Revolution von 1848 gegen Kopenhagen auflehnten und unterlagen, weigerte sich Storm, eine Ergebenheitsadresse zu unterzeichnen, und musste ins preußische Exil gehen. Als Autor von Gedichten und der Novelle „Immensee“ war er damals schon bekannt, in Berlin kam er mit Literaten wie Fontane, Heyse und Eichendorff in Kontakt, und während er mit seiner wachsenden Familie im thüringischen Heiligenstadt als Kreisrichter lebte, entstand eine Reihe von weiteren Texten, in denen Storm die verlorene Heimat auf eine Weise schilderte, die das Bild Norddeutschlands bis heute prägt: Niemand hatte vor Storm Meer und Heide, Marsch und Geest so geschildert, den weiten sommerlichen Himmel ebenso wie den Herbststurm vor der Küste.

Storm zeigte sich als Lyriker von Gnaden

Und in Gedichten wie „Abseits“, „Die Stadt“ oder „Meeresstrand“ zeigte sich Storm als Lyriker von Gnaden, der äußerst zugängliche Verse mit Tiefgang und großem Potential für Interpretationen versah, einer der Gründe, warum seine Texte bis heute bei Lesern ebenso beliebt sind wie bei Literaturwissenschaftlern, die etwa im stimmungsvollen „Meeresstrand“ das langsame Verschwinden der Sinneseindrücke von Strophe zu Strophe registrieren. Nachdem in der Abenddämmerung die Farben grau geworden, die Formen aufgelöst und die Vogelschreie verstummt sind, ist die Landschaft ebenso wie der Leser bereit für die letzte Strophe: „Noch einmal schauert leise / Und schweiget dann der Wind; / Vernehmlich werden die Stimmen, / Die über der Tiefe sind.“

Storm kehrte nach Husum zurück, als die Dänen 1864 besiegt worden waren, er verlor seine Frau bei der Geburt des siebten Kindes und heiratete wenig später jene Doris Jensen, mit der er knapp zwanzig Jahre zuvor Constanze betrogen hatte. Ein weiteres Kind stellte sich ein, Storm kränkelte und litt zugleich unter den Ansprüchen, die seine Kinder an ihn stellten, so wie sie umgekehrt unter ihm litten. Das gilt besonders für Hans, den ältesten Sohn, den der Vater mit großer Liebe und Fürsorge überschüttete, aber auch argwöhnisch beobachtete, weil er in ihm Anzeichen von Geisteskrankheit zu erkennen glaubte. Er ist der reizende „kleine Häwelmann“, aber auch das seltsam fremde Kind, das plötzlich im Garten auftaucht („Garten-Spuk“), er ist der verbummelte Student, der Trinker und Betrüger, der sich, wie es seinem Vater einmal entfährt, als der „Lump“ zeigt, der er immer gewesen sei. Vor allem aber ist er der Adressat eines der ergreifendsten Gedichte, die je ein Vater an seinen Sohn gerichtet hat und das zu Lebzeiten des Vaters unveröffentlicht geblieben ist: „Friedlos bist du, mein armer Sohn, / Und auch friedlos bin ich durch dich; Wären wir, wo deine Mutter ist, / Wir wären geborgen du und ich. / Sie legte wohl um ihr verirrtes Kind / – Wenn die Toten nicht Schatten bloß – / Schützend und sanft ihren Mutterarm / Und nähme dein Haupt in ihren Schoß.“

In den Novellen ringen Väter um ihre Söhne

In dieser Phase schreibt Storm Novellen, in denen immer wieder Väter um ihre Söhne ringen, die sie nicht verstehen, an deren Leichtfertigkeit sie verzweifeln und die dabei alles nur immer schlimmer machen. „Hans und Heinz Kirch“ ist so eine Novelle, vor allem aber „Carsten Curator“, dessen Schlussszene eine Sturmflut über Husum beschreibt und den alten Vater, der meint, durch den Wind die verzweifelten Schreie seines ertrinkenden Sohnes zu hören und dann fest die Ohren verschließt.

Gespenstisch aber ist, dass Storm, als Hans dann tatsächlich zwei Jahre vor ihm stirbt, auch den Konflikt literarisch begräbt: Im „Schimmelreiter“, seinem letzten und größten Werk, ist davon keine Rede mehr – Hans, ein erledigter Fall.

Beiträge zu aktuellen Diskussionen

Als vor hundert Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, das Storm-Jubiläum begangen wurde, schreibt der Herausgeber eines Gedenkbuchs über Storms „Heimatliebe und Heimattreue, in der seine Persönlichkeit wurzelt“, seine „deutsch-nationale Gesinnung, von der seine Dichtung erfüllt ist“ und die „Kräfte tapferer, aufrechter Mannhaftigkeit, die zumal in den späten Schöpfungen den Pulsschlag seines Wesens ausmacht“. Das ist so grundfalsch, dass man sich schon fragt, was man alles ausblenden muss, um zu diesem Urteil zu kommen. Es war Thomas Mann, der dagegen gerade auf die Gebrochenheit vieler Protagonisten in Storms Werk hinwies. Wer es gern eindeutig hat, wird bei Storm nicht fündig, selbst wenn es zunächst so aussieht: „Der eine fragt: was kommt danach? / Der andre fragt nur: ist es recht? / Und also unterscheidet sich / Der Freie von dem Knecht“ – sehr schön, aber wer ist hier nun der Freie und wer der Knecht?

Heutige Leser finden in seinem reichen Werk mühelos Beiträge zu aktuellen Diskussionen wie Sterbehilfe („Ein Bekenntnis“), Mobbing („Im Brauer-Hause“) oder zum Komasaufen bei Jugendlichen („John Riew“), und wer die Novelle „Unter dem Tannebaum“ liest, stößt dort auf eine Passage, in der die Madeleine-Episode der „Recherche“ präfiguriert ist, nur dass hier der Geruch des traditionellen braunen Weihnachtskuchens als Türöffner in die Kindheit fungiert. Vor allem aber finden wir alles, was Familie ausmacht, in diesem Werk festgehalten, alles Glück des Zusammenseins und alles Verzweifeln an den anderen.

Dass alles auf die Gruft zuläuft, ist diesem Werk zwar eingeschrieben. Aber auch, dass sich die Grabplatte hebt, wenn man wie Storm von denen erzählt, die einst mit dem Ziegenbockwagen herumgesaust sind, als gäbe es kein Morgen.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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