Susan Sontag und Thomas Mann

Vielleicht war da auch gar kein Hund

Von Kai Sina
 - 06:48

Nachmittags Interview mit drei Chicagoer Studenten über den ,Magic Mountain‘“: Nein, Thomas Mann ahnte nicht, wem er an diesem 28. Dezember 1949 begegnet war, wer sich unter den drei Studenten aus Chicago befand. Mehr noch, das pflichtmäßige Interview ging im Alltagsgeschäft vollkommen unter: „Viel Post, Bücher, Manuskripte“, so berichtet das Tagebuch im Anschluss an die Erwähnung des studentischen Besuches. Was der Thomas-Mann-Forscher Hans Rudolf Vaget eine der „überraschendsten und reizendsten Episoden im großen Kapitel Thomas Mann und Amerika“ genannt hat – der weltbekannte Autor selbst scheint davon nicht viel mitbekommen zu haben.

Aber wie sollte er auch? Von der schillernden Gestalt Sontags, die einmal das intellektuelle Leben nicht nur in Amerika so bereichern sollte, war zu dieser Zeit noch nichts zu erahnen: Sie war gerade sechzehn Jahre alt, als sie Thomas Mann begegnete, und so vollkommen eingeschüchtert von der leibhaftigen Gegenwart ihres literarischen Idols, dass es sie in der Rückschau mit Scham erfüllte: „Alles im Umkreis meiner Begegnung mit ihm hat die Farbe der Scham“, so lautet der erste Satz ihres in der Zeitschrift „The New Yorker“ veröffentlichten Essays „Pilgrimage“ von 1987.

Sontags Besuch bei Thomas Mann wurde bislang eher beiläufig als Kuriosität der Literaturgeschichte abgehandelt. Dabei ist die Tatsache, dass sich die Amerikanerin eingehend und lang anhaltend mit dessen Werk beschäftigt hat, kaum in den Blick geraten. Zwischen ihrer Erstlektüre des „Zauberberg“ im Jahr 1947, die sich in einer intensiv durchgearbeiteten Ausgabe des Romans in der Nachlassbibliothek dokumentiert, und ihrer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 2003, in der sie den „Zauberberg“ als das wichtigste Buch ihres Lebens bezeichnet, liegen immerhin mehr als fünfzig Jahre. Angesichts dieser Dauer scheint die erste überlieferte Äußerung zu Thomas Manns Werk also nicht übertrieben: „,Der ,Zauberberg‘ ist ein Buch fürs ganze Leben“, schreibt die Schülerin in ihr Tagebuch, und der Nachsatz liest sich aus heutiger Sicht fast wie eine Ankündigung: „Das weiß ich!“

Vom „literarischen meet and greet

Anders als in diesen ganz frühen, noch eher unbedarften Tagebuchaufzeichnungen, anders aber auch als in dem von ironischer Selbstdistanz geprägten Essay „Pilgrimage“ äußert sich Sontag in ihrem undatierten Text „At Thomas Mann’s“, der vermutlich nur kurze Zeit nach dem Besuch im San Remo Drive 1949 entstanden und als neunseitiges, maschinenschriftliches Typoskript im Nachlass erhalten ist. Der bisher unveröffentlichte Text ist in der Forschung gänzlich unbeachtet geblieben - und verdient eingehende Aufmerksamkeit: Um Sontags Bild moderner Autorschaft, ihre Idee von Literatur wie auch ihre komplexe Beziehung zur deutschen Kultur zu verstehen, ist diese Quelle von herausragender Bedeutung.

Der Text beginnt als Campus-Geschichte. Die Erzählerin, die an einer Stelle als „Miss Sontag“ angesprochen wird, studiert am renommierten College der University of Chicago. Gemeinsam mit ihrem ehemaligen Kinderfreund und heutigen Kommilitonen Harry besucht sie einen fünfwöchigen Literaturkurs über den „Zauberberg“ - ein Buch, das die beiden im Vorfeld geradezu verschlungen haben: „Wir haben auf dem Zauberberg tatsächlich gelebt.“ Am Ende des Seminars, das sie mit offensiv-skeptischer Zurückhaltung aus der letzten Reihe verfolgen, stellen sie ihrem Dozenten ihre eigene, als ebenso brisant wie neuartig erachtete Romaninterpretation vor. Auf dessen unerwartet verhaltene Antwort reagieren die beiden Studenten zunächst ihrerseits mit Zweifel („vielleicht waren wir zu dumm“) und stellen sich daraufhin die naheliegende Frage: „Warum nicht Thomas Mann selbst fragen?“ Die Adresse ist schnell herausgefunden, der Kontakt überraschend einfach hergestellt.

Von der wortreich angekündigten Interpretation des „Zauberberg“ erfährt der Leser bis zum Ende allerdings nichts. Nach der recht verkrampften Unterhaltung mit dem Schriftsteller stellt die Erzählerin sogar fest: „Ich erinnere mich nicht an meine großartige Neuinterpretation des ,Zauberberg‘. Ich erinnere mich, dass Thomas Mann sie sehr still zur Kenntnis genommen hat.“ Stattdessen kommt nun ein ganz anderer Aspekt ins Spiel, nämlich die Frage nach der angemessenen Rekapitulation des literarischen meet and greet. Wie lässt sich davon berichten - vom Zusammensein mit einer Person, deren Gestalt einem bislang nur durch Bilder in Büchern und Zeitungen bekannt gewesen ist?

Nur„drei Chicagoer Studenten“

„Thomas Mann saß auf dem Rand des Sofas, sehr aufrecht, Fersen zusammen und Knie auseinander, das rechte Bein etwas nach vorn. Es war die weithin bekannte Pose, die genaue Entsprechung seines Fotos auf den Schutzumschlägen all seiner Bücher. Er trug einen grauen Gabardine-Anzug, glaube ich, und weiße Schuhe. Sicher bin ich mir bei den weißen Schuhen, weil er die auf den Fotos auch trägt. Eine Hand ruhte zwanglos auf seinem rechten Knie, und neben ihm hockte ein großer Hund, ebenfalls wie auf den Bildern. Aber jetzt, wo ich darüber nachdenke, scheint mir die Sache mit dem Hund so unglaublich passend, vielleicht war da auch gar kein Hund. Doch, ich bin mir sicher, da war einer. Das war die erste wirklich eindrucksvolle Sache. Thomas Mann sah genauso aus wie auf den Bildern.“

Also, wie war das noch mal - weiße Schuhe, ein Hund? Sontags Ausführungen sind insofern bemerkenswert, als sie die Überblendung der Medienfigur und des realen Menschen als Erinnerungskonflikt inszenieren. Dies hat Auswirkungen auf die Form des Essays. So weist der Text zum einen zahlreiche erzählerische Elemente auf: von der gezielten Verwendung bestimmter Leitmotive über eine perspektivisch geschickte Dialogführung und eine plastisch-ironische Figurenzeichnung bis zu dem schönen, aber klischeehaften Schlusssatz: „Wir gingen die Ausfahrt hinab, stiegen ins Auto und fuhren in die dunkle, grüne kalifornische Nacht.“

Darüber hinaus weicht Sontag in einigen markanten Punkten von den tatsächlichen Begebenheiten des 28. Dezember 1949 ab: Ein Freund namens „Harry“ etwa, von dem als einzigem Begleiter Susans die Rede ist, taucht weder in den persönlichen Tagebuchnotizen noch in „Pilgrimage“ auf – und Thomas Mann spricht im Tagebuch ausdrücklich von „drei Chicagoer Studenten“, die ihn besucht hätten.

Vom „Jungen von gegenüber“ zum Intellektuellen

Es geht Susan Sontag offenbar weniger um eine nüchterne Dokumentation der Geschehnisse im Hause Thomas Mann. Vielmehr ist „At Thomas Mann’s“ wohl ein hintergründiges Plädoyer für das wirklichkeitsstiftende Potential des Erzählens. Sontag eröffnet sich durch den Besuch bei Thomas Mann zudem ein grundlegender Aspekt moderner Autorschaft: nämlich, wie bedeutend technisch erzeugte Bilder des Autors für das innere Bild des Lesers von diesem sind. Und kaum eine andere intellektuelle Figur des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich derart offensiv für die Kameras in Szene gesetzt wie eben Susan Sontag.

Ihr damit verbundenes kritisches Nachdenken über das Medium der Fotografie, das sie Jahrzehnte später theoretisch ausbuchstabieren wird, zeichnet sich bereits an dieser Stelle ab: „Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen sich anhand von Fotos erinnern, sondern dass sie sich nur an die Fotos erinnern“ - auf diesen Satz aus dem Jahr 2003 lässt sich das Problem zurückführen, das Sontag in ihrem frühen Essay umreißt.

Aber die Erzählung geht in literaturbezogenen Fragen allein nicht auf. So berichtet die Erzählerin, dass ihr Freund Harry, „der Junge von gegenüber“, seinerzeit erst mühsam an die Lektüre des „Zauberberg“ und an das intellektuelle Gespräch herangeführt werden musste: „Einen Intellektuellen aus Harry zu machen, darin bestand in der High School mein sadistisches Hauptvorhaben.“

Der Chemiekasten

Das Problem besteht in der ungleichen Persönlichkeitsentwicklung der beiden Freunde: Anstatt sich nämlich dem gelehrten Gespräch und der hohen Literatur zu widmen, „wollte Harry immer noch Gestapo spielen und mit meinem Chemiekasten ein supertödliches Ameisenvernichtungsmittel entwickeln“. Indem Sontag die nationalsozialistische Geheimpolizei mit dem Motiv des Chemiebaukastens und dem „super-tödlichen Ameisenvernichtungsmittel“ engführt, entwirft sie ein doppelbödiges Bild - und damit eine recht deutliche Anspielung auf den Holocaust.

Eine weitere Erwähnung des Chemiekastens findet sich am Schluss des Textes. Die Zigarette, die Thomas Mann seiner Besucherin anbot, hat diese, halb abgebrannt, als ein Andenken bewahrt, und sie fügt hinzu: „Sie muss immer noch zwischen meinen Tagebüchern, Muscheln und Chemiekästen in Mutters Garage in Los Angeles liegen.“

Genau jenes Motiv, das im Zusammenhang mit der Gestapo-Erwähnung als Holocaust-Anspielung fungiert, taucht also im Kontext der Begegnung mit Thomas Mann, inmitten der ungeordneten Artefakte einer Kindheit, noch einmal auf. Ohne dass der Begriff ausdrücklich genannt wird, ist die Erzählung „At Thomas Mann’s“ also auch eine über Deutschland. Die deutsche Kultur, das ist schon für die junge Susan Sontag offenkundig eine Kultur der Extreme, die auf ungeklärte Weise Faschismus, Völkermord und Hochliteratur in sich vereint.

Damit erweist sich die zunächst sehr persönliche Reflexion über eine außergewöhnliche Begegnung als tief verankert im zeithistorischen Kontext und gewinnt an allgemeiner und überliterarischer Bedeutung. Wie Susan Sontag einmal Thomas Mann besuchte - das war weit mehr als eine überraschende Anekdote für die Biographen, nämlich der Brennpunkt einer vielschichtigen Konstellation der transatlantischen Literatur- und Ideengeschichte.

Die Zitate aus Susan Sontags Erzählung wurden vom Verfasser aus dem Englischen übersetzt. Im kommenden Frühjahr erscheint im Wallstein Verlag eine Studie von Kai Sina zur lebenslangen Auseinandersetzung Sontags mit Thomas Mann.

Quelle: F.A.Z.
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