Wolf Wondratschek ist siebzig

Es schweift der Geist und wird Gestalt

Von Jochen Hieber
 - 10:46

Wolf Wondratschek war stets mehr als ein Schriftsteller, Dichter und Essayist. Er war von allem Anfang an immer auch eine Erscheinung mit einer über die nun gut viereinhalb Jahrzehnte seines Autorenlebens hinweg zwar heftig schillernden, aber letztlich durch nichts zu zerstörenden Aura.

Als diese Zeitung, deren freier Mitarbeiter er von 1965 an war, im März 1969 unter dem Titel „Der Debütant des Frühjahrs“ erstmals über ihn berichtete, ging es sofort auch um seine Extravaganz - er „erschien im roten Hemd, einer samtbraunen Hose mit breitem Ledergürtel und in einer grauen Jacke“ -, um seine Attitüde - er pflegte „mit seinem Fuß gegen das Tischchen“ zu treten - und um seine Wirkung: „In die Gesichter der mit modischem Raffinement gekleideten Mädchen stahl sich gelegentlich eine Art Entrücktheit.“

Debütiert hatte er gerade mit einem schmalen Prosaband, dessen Inhalt längst vergessen ist, dessen Titel aber rasch legendär wurde (und blieb): „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“. Gleich diese Western-Anmutung also, die Anspielung auf Gewalt, einsame Macho-Männer, der Hauch des Verruchten.

Der James Dean der deutschen Poesie

Die drei Gedichtbände aus den siebziger Jahren, die ihn dann berühmt machten - „Chuck’s Zimmer“, „Das leise Lachen am Ohr eines andern“, „Männer und Frauen“ -, begründeten und festigten den Ruf als Dichterrebell, zumal er sie im Selbstverlag publizierte und vom Medienversand Zweitausendeins vertreiben ließ. Wolf Wondratschek, der James Dean der deutschen Poesie: „Wir waren ruhig / hockten in den alten Autos, / drehten am Radio / und suchten die Straße nach Süden“.

Das Bohème-Leben, das er nun in München führte, die bisher als trivial oder degoutant geltenden Themen, über die er in Zeitungen und Magazinen schrieb (Boxen etwa, Prostitution, Drogen, Popmusik), absichtsvoll arrogante und provokante Auftritte in Talkshows: All dies machte ihn auch für den Boulevard interessant, Interviews mit ihm und Storys über ihn waren nicht minder gefragt als neue Gedichte und neue Prosa.

Er war in vielem ein Vorläufer und Vorreiter, deshalb auch eine Figur für allerlei Projektionen und Identifikationen - und er wurde darüber in der Tat zu einer Marke für sich. Ziemlich übelgenommen hat ihm der Literaturbetrieb den Roman „Einer von der Straße“ aus dem Jahr 1992, in dem er die Geschichte des Unter- und Halbweltkönigs Gustav Berger erzählt, der im wahren Leben Walter Staudinger heißt - und von dem es, letztlich unüberprüfbar, hieß, er habe sich den Autor Wondratschek einiges kosten lassen.

Unter der Missachtung des Werks gelitten

Auszeichnungen standen ganz am Anfang seines Wegs, 1968 der Leonce-und-Lena-Preis für die frühe Lyrik, 1969 der Hörspielpreis der Kriegsblinden. Dann blieben sie mehr als vier Jahrzehnte lang aus, ehe er 2012 den nicht übermäßig bekannten Literaturpreis der Hirschmann-Stiftung erhielt. Ganz sicher hat er unter dieser Missachtung seines Werks gelitten - weit geringere Talente wurden weit üppiger dekoriert -, sie hat seiner Aura aber auch (und keineswegs zu Unrecht) etwas Heroisches hinzugefügt, eine Unabhängigkeit, die ihresgleichen sucht.

1998 erschienen die „Kelly-Briefe“, emphatische Prosaetüden über die unbedingte Liebe. Mit ihnen beginnt eine bis heute offene Erzählreihe, die Wondratschek bisher über „Mozarts Friseur“ (2002), eine Hommage an Wien, und „Mara“ (2003), eine Hommage an das Cello, bis zur Vater-und-Sohn-Geschichte „Das Geschenk“ (2011) führte, die ob ihrer gelassenen und subtilen Prägnanz gewiss ein Höhepunkt seines Schreibens ist.

Heute wird Wolf Wondratschek siebzig Jahre alt. Und dass heute Mittwoch ist, erklärt den Titel des gerade erschienenen neuen Romans damit auch zur Genüge: „Mittwoch“ ist ein mit leichter Hand und viel Fabulierlust geschriebenes Geschenk des Dichters an sich selbst, an dem er uns, seine Leser, teilhaben lässt. Obwohl es sich „Roman“ nennt, hat das Buch keine Hauptfigur, keine durchgehende Handlung, keinen identifizierbaren Erzähler. Noch nicht einmal einen Klappentext hat der Autor erlaubt.

So manches Leitmotiv taucht wieder auf

An dessen Stelle findet sich der Auszug aus einem Wondratschek-Brief an den Verleger, in dem es um einen Satz aus den Harvard-Vorlesungen des argentinischen Dichters Jorge Luis Borges in den Jahren 1967 und 1968 geht. „Er ließ“, so lautet der Satz, „seinen Geist schweifen, und er gab diesem Geist die Gestalt vieler Personen.“ Dies, so wiederum Wondratschek, beschreibe genau das, was er in „Mittwoch“ versuche.

Der Reihe nach begegnen wir also zunächst einem „Mann“, der als „ruhig“ und „kultiviert“ vorgestellt wird, dann einem Mechaniker, den dieser Mann aufsucht, danach dem „nichtsnutzigen, aber schlauen“ Sohn eines Gastwirts, mit dem der Mechaniker eine Wette eingeht, und dem Gastwirt selbst, der offenbar im Stillen Selbstgespräche führt.

Der Geist, den der Autor dabei schweifen lässt, fördert aufs Neue so manches Leitmotiv des Wondratschek-Werks ans Licht: den Kosmos der Kneipe, das Drama des Boxens und der Boxer, die Geschichte einer großen, aber im Elend endenden Liebe. Haben die Leitmotive ihren Dienst getan, verschwinden mit ihnen auch die Personen, an denen sie sich gerade noch zeigten.

Neben Borges ließen sich deshalb auch Robert Altmans „Short Cuts“ als Vorbild nennen. Lose zusammengehalten werden die einzelnen Episoden in Altmans Film durch einen Hubschrauberflug über Los Angeles am Anfang und ein Erdbeben am Ende des Films. Bei Wondratschek ist es ein Hundert-Euro-Schein, der von Hand zu Hand, von Besitzer zu Besitzer wandert. Auch das geschieht ganz nebenbei.

Journalismus geht nur mit Kettenrauchen

Und gerade dieses Beiläufige geht eine ganze Zeit lang sehr gut. Mit der Dirne Cora geht es in den Urlaub nach Malta, mit dem Friseur, ihrem einstigen Chef, in die heutigen russischen Weiten, aber auch zurück ins Sowjetreich von Überwachung und Unterdrückung. Ziemlich genau zur Hälfte des Buchs ist der Friseur dann wieder in seinem Geschäft, gibt den Geldschein einer Angestellten, damit sie seine Schulden im Tabakladen bezahle.

Zunächst ist auch von dort noch Wundersames zu berichten - etwa über das Verhältnis zwischen Journalismus und Kettenrauchen -, aber das Ganze gerät nun ziemlich ins Stocken, gleitet ab ins nur noch Schrullige und Schwankhafte. Wären Wondratscheks „Short Cuts“ tatsächlich kürzer geblieben, nichts hätte das Lesevergnügen getrübt. Aber zum Siebzigsten ein Themen-Potpourri aus viereinhalb Jahrzehnten eines heroischen Dichterlebens: Das ist ja auch nicht schlecht.

Wolf Wondratschek: „Mittwoch“. Roman.Jung und Jung Verlag, Salzburg/ Wien 2013. 243 S., geb., 22,- Euro

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hieber, Jochen (hie.)
Jochen Hieber
Redakteur im Feuilleton.
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