Zum Achtzigsten von Christa Wolf

Sprich, Königstochter

Von Ingeborg Harms
 - 07:21

Sie ist die jüngste Mystikerin der deutschen Literatur. Nur wenn man im Titel ihres ersten Romans „Der geteilte Himmel“ Jakob Böhmes esoterische Gedanken über die Spaltung der Ursphäre mithört, ergibt sich das große Thema ihres vielbändigen Werkes, das sie durch alle politischen Wirrnisse hindurch verfolgt. Der geteilte Himmel ist der über den beiden deutschen Staaten, es ist auch der, durch den 1961 das erste bemannte russische Raumschiff zieht und mit seinem Schatten „wie ein Skalpell“ die Erde aufreißt.

Gegen die harte Opposition des Kalten Krieges und einen Zukunftsglauben, der sich als Feind aller Tradition versteht, aktiviert Christa Wolf die Mythen: Urerzählungen, in denen das Denken sich orientieren kann, ohne in Lager zu zerfallen. Zur Vollendung entwickelt sie die literarische Technik, in einer Geschichte zugleich eine andere zu erzählen und so die Zwangsläufigkeit jeder einzelnen aufzuheben. Das beginnt mit dem autobiographischen Roman „Kindheitsmuster“, der von einer Jugend im Nationalsozialismus handelt, aber auf einer zweiten Ebene die Erzählzeit der damaligen DDR-Autorin immer im Blick hat, so dass sich beide Diktaturen wechselseitig kommentieren. Schon hier nennt die Erzählerin ihre schwarzsehende Mutter eine „Kassandra hinterm Ladentisch“: eine einfache Kaufmannsfrau, deren Instinkte alle Parolen des Regimes durchschauen. Ohne Furcht vor seiner Putzigkeit flüchtet Wolf aus dem Herrschaftsdiskurs in den sprachlichen Mutterboden und entdeckt ein verbales Biedermeier, das in der Provinz überlebt: Koseworte wie „Schnäuzchen-Oma“, Landläufiges wie „Muckefuck“, „Pustekuchen“ und „Scheibenkleister“, Kinderreime, Volkslieder und sprichwörtliche Klassikreste.

Das Magma mythologischer Texte

Es ist etwas Aufrührerisches in dieser Vermengung des sprachlichen Unbewussten mit dem Denken in Widersprüchen, wie es die sozialistische Intelligenz pflegte. Zum Befreiungsschlag wird „Kassandra“, ein buchlanger Monolog, in dem die trojanische Königstochter mit dem korrupten Regime ihrer Vaterstadt und zugleich Christa Wolf mit ihren ideologischen Befangenheiten abrechnet. Ein Leben lang hat die Seherin geübt, „Gefühle durch Denken“ zu besiegen; nun setzt sie ihren Scharfsinn zur Rettung der Gefühle ein. Abseits des Machtzentrums stößt sie in den Bergen auf den Mysterienkult einer verdrängten Muttergottheit, auf entfesselt tanzende Frauen und Weisheit, die in Zungen redet. Dieses Orgiastische unterminiert nicht nur den berechnenden Intrigantenstab des Königs Priamus, sondern auch eine DDR-Bürokratie, für die der Zweck die Mittel heiligt. Schon in „Der geteilte Himmel“ wurden Staat und Partei als Usurpatoren des Mütterlichen gedacht, jetzt entdeckte die vom Feminismus beflügelte Autorin den Wahnsinn als basisdemokratische Ausdrucksform. Ein Chor von Stimmen tritt an die Stelle des agonalen Verhörs, das eine lutherisch-gewissenhafte Christa Wolf nicht zuletzt in „Was bleibt“ mit sich selbst anstellte und das zum zentralen Kommunikationsformat des Überwachungsstaats geworden war.

In der Rolle der Seherin entledigte sich ihre Rede der ideologischen Skrupel und las die heiligen Texte der nationalsozialistischen Griechenidolatrie gegen den Strich. Den Heroenkult zersetzen Visionen davon, wie es in Troja wirklich war. Christa Wolf dringt zum Magma der mythologischen Texte vor und sieht die Protagonisten der „Illias“ direkt, wie sie sich nur dem Entrückten zeigen und im Fieberwahn entschlüsselt werden wollen. Das Verfahren ähnelt Freuds Traumdeutung im aufklärerischen Anliegen: Es geht darum, Verdrängtes urbar zu machen, erstarrte Fronten, Moralismen und Denktabus zu unterwandern. Der Weg, den Christa Wolf einschlägt, führt über den Schmerz und durch die Todesangst. Kassandra sieht der Wahrheit ins Gesicht; vom „Schwächling“ Agamemnon verschleppt und von einer hasserfüllten Klytämnestra empfangen, macht sie sich über ihr Schicksal keine Illusionen. Es ist nicht die Ekstase, die ihr die Augen öffnet, wie es der Mythos will, sondern die Klarsicht, die sie in Ekstase versetzt. Es gelte, so Christa Wolf in ihrem wohl erstaunlichsten Buch „Leibhaftig“, die Spur des Schmerzes dorthin zurückzuverfolgen, wo eine Hoffnung gestorben ist. Dieses Protokoll eines Krankenhausaufenthalts und einer Blinddarmentzündung, die das Leben der Protagonistin auf des Messers Schneide hält, gehört einer Visionärin, die der Kassandramaske nicht mehr bedarf.

In jeder Kaufmannstocher steckt eine Königstocher

Es geht in deutsche Keller, in die Höllenräume der Kriege, aus denen sie mit verblüffenden Einsichten wiederauftaucht. „Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass der Tod das sicherste Versteck sein kann?“, fragt die Schwerkranke ihren Mann. Und mit diesem Gedanken zieht Christa Wolf ihr ganzes Werk wie in einem Netz zusammen. Die einzige deutschsprachige Autorin, die es an psychosomatischer Empfindlichkeit mit Ingeborg Bachmann aufnehmen kann, erkennt die Krankheit ihres Alter Ego als Hölle der Kränkungen. Das macht sie fähig, in den Schmerz hineinzugehen und das Ungedachte aus dem Zwischenreich von Seele und Körper am Faden der Sprache ans Licht zu führen. Aus Kassandra, der Figur des sehenden Untergangs, verwandelt sich die Autorin in die Figur der blinden Hoffnung, einen weiblichen Orpheus, dessen Gesang das Totgesagte aus dem Grauen befreit.

Christa Wolf hat sich von ihren zahlreichen Kritikern kränken, aber nicht entwaffnen lassen. Getreu der Märchenlogik, nach der in jeder Kaufmannstochter eine Königstochter steckt, hat sie ihre Gabe trotzig angenommen und geschliffen. Vielleicht liegt hierin ihre Antwort auf die deutsche Geschichte. Ihre Familie hatte „Glück“, heißt es in „Kindheitsmuster“, keine „jüdische oder kommunistische Verwandt- oder Freundschaft“, keine Auslandsbeziehungen, keine Fremdsprachen, „überhaupt keinen Hang zu zersetzenden Gedanken“. Festgelegt „durch das, was sie nicht waren, wurde ihnen nur abverlangt, nichts zu bleiben“. Mit dieser Tradition hat Christa Wolf gebrochen und keinen strategischen Fehler gescheut, um auf der politischen Bühne nicht übersehen zu werden. Auf der literarischen geht sie traumwandlerisch ihren Weg, und ihr Schatten ist leibhaftig groß. Am Mittwoch feiert sie ihren achtzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
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