Bachmann-Preis 2008

Darauf haben wir gewartet

Von Oliver Jungen, Klagenfurt
 - 16:35

Seit einigen Jahren schon hat es in Klagenfurt auf Teilnehmer- wie Juryseite immer wieder erfrischende, aber noch nicht recht einzuordnende Abweichungen von der Betulichkeit des alten Bachmann-Statuts gegeben. Doch erst in diesem Jahr geschah der Durchbruch. Dafür verantwortlich ist - neben einer Verkürzung der Veranstaltung - zu großen Teilen ein Text, auf den man gewartet hat: der brillante, absolut stilsichere, zum Bersten komische und zugleich hochliterarische Romanauszug über einen renitent-überlegenen, nun freilich irgendwie toten Großvater, den der bescheiden auftretende Tilman Rammstedt in einer kongenialen Turbolesung zum Besten gab. Damit erhielt er völlig zu Recht den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis und - was viel sagt - den mit 6000 Euro dotierten Kelag-Publikumspreis gleich dazu.

Rammstedt hatte in seiner Lesung sofort das Publikum mitgerissen, ein Laurence-Sterne-Lachen verschaffte sich Raum, das plötzlich allen deutlich werden ließ: Dieser Autor braucht weniger den Bachmann-Preis als umgekehrt der Preis ihn.

Vita contemplativa in Kärnten

Viele gute und mehrere sehr gute Texte gingen in diesem Jahr an den Start. Wirklich peinlich waren auch die schwächsten Beiträge nicht. An den großen politischen Wurf indes wagte sich niemand. Auch ins Absurde oder Experimentelle schlug die Prosa in keinem Fall um. Bei allen aus mehreren hundert Bewerbern ausgewählten Teilnehmern, vierzehn an der Zahl, spielte die Handlung im Privaten: hauptsächlich Paar-, Familien- und Einsamkeitsgeschichten, Vita contemplativa in Kärnten, das ist nicht neu.

Den mit zehntausend Euro dotierten Telekom Austria Preis vergab die Jury an Markus Orths, der ein Talent für das kluge Verschränken ungewöhnlicher Motive und Symbole hat. Sein Romanauszug „Zimmermädchen“ handelt von der sympathischen, putzneurotischen Lynn, die sich immer näher an das Leben von Fremden heranwienert, einmal die Woche etwa unter fremden Hotelbetten nächtigt. Viel Lob gab es auch für Patrick Findeis, der ebenfalls ein Romankapitel vorstellte: „Kein schöner Land“, eine perfekt komponierte, im schönsten elegischen Ton gehaltene Betrachtung über einen Bauern, der unter seinem Starrsinn leidet. Findeis wurde der dritte Preis zuerkannt, der mit 7500 Euro dotierte 3Sat-Preis.

Der Ernst-Willner-Preis der Verlage, dotiert mit 7000 Euro, ging an den jungen Mathematiker und Schriftsteller Clemens Setz aus Graz, dessen verstörende Novelle die allmähliche, womöglich monströse Verwandlung eines Geduckten umspielt. Eine plötzlich im Hinterhof aufgetauchte Waage übt ihren magischen Einfluss auf ihn aus. Vorbildlich war es, wie sich Klaus Nüchtern für seine Schützlinge in die Bresche warf, etwa für die unter Kitschverdacht geratene Subadeh Mohafez, die eine so süße wie süßliche, allerdings gut rhythmisierte Erzählung vorlas, in der sich eine aus einem brennenden Haus gerettete Frau in den Feuerwehrmann verliebt.

Mehr über die Leistung der Jury und der Autoren, den vollständigen Klagenfurt-Bericht Oliver Jungens, lesen Sie in der F.A.Z. vom 30. Juni.

Quelle: FAZ.NET
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