Bachmann-Wettbewerb 2015

Männer zu Affen, Frauen zu Preisen

Von Jan Wiele, Klagenfurt
 - 09:23
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Wenn Sie morgens um zehn den Fernseher einschalten, und dort wird in der Halbtotalen ein Mann mit roten Hosenträgern und dicken Brillengläsern gezeigt, der in zeitlupenhaftem Schweizerisch von Ängsten im Bett, Nervenzellen und Kontinentalplattenverschiebungen erzählt; wenn Sie umschalten und drei Minuten später beim Zappen wieder auf den Kanal kommen, und der Mann mit den Hosenträgern sitzt noch immer in der Halbtotalen und sagt den Satz „Vielleicht ist uns die Entwicklung des Computers über den Kopf gewachsen“; wenn Sie dann dranbleiben und denken: Das ist ja kurios!, und wenn schließlich noch ein anderer Mann mit T-Shirt unter dem Sakko auftritt, der dem Mann mit den Hosenträgern in österreichischem Schmäh vorwirft, er wirke wie der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler nach zwei Schlaftabletten – dann sind Sie bei der Fernsehübertragung des wichtigsten deutschsprachigen Literaturwettbewerbs gelandet.

Wo sonst auf der Welt gibt es das noch, dass ein Fernsehsender drei Tage lang Lesungen und Interpretationen von literarischen Texten ausstrahlt? In Klagenfurt gibt es das nun seit fast vierzig Jahren. Und nach dem Beinahe-Aus im vergangenen Jahr sprachen bei der diesjährigen Eröffnung die Verantwortlichen der Gemeinschaftsproduktion von ORF und 3sat sowie die Klagenfurter Oberbürgermeisterin trotz notwendiger Einsparungen bei den Festlichkeiten den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ eine Bestandsgarantie aus.

Ein Grab für die Patchworkfamilie

Die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises, deren Vorsitz nach Burkhard Spinnen der Kritiker Hubert Winkels übernommen hat, bilden neben den bisherigen Mitgliedern Meike Feßmann, Hildegard Keller und Juri Steiner nun der Österreicher Klaus Kastberger, der Schweizer Stefan Gmünder und Sandra Kegel, Literaturredakteurin dieser Zeitung. Winkels sagte angesichts legendärer Krawallmomente in der Geschichte der Veranstaltung, man wolle sich verstärkt philologisch und reflektiert mit den Texten auseinandersetzen.

Auch auf Autorenseite war der Provokationsfaktor eher gering, wenn man von den herausfordernden Blicken zur Jury im Vortrag des aus Kärnten stammenden Peter Truschner absieht. Als hätte er es geahnt, fiel sein derb-plumper Text „RTL-Reptil“ über einen aggressiven Macho, der in einem nachgeahmten Bukowski-Ton verfasst ist, dann auch wirklich bei der Jury durch.

Die vier Männer unter den Wettbewerbern hatten insgesamt keine Fortune. Von den zehn Frauen im Bewerb hingegen versetzten mehrere das Publikum im Sendesaal wie auch zum Teil die Jury in Verzückung, die besonders bei der Diskussion von Monique Schwitters Text „Esche“ zur Hochform auflief – einer Geschichte aus Buxtehude, in der eine vernachlässigte Ehefrau mit einem geheimnisvollen Mann namens Nathanael, der ihren Kindern Sand in die Augen streut, durch den Wald stapft, um dort schon mal ein Grab für die Patchworkfamilie zu suchen: eine seltsame Mischung aus schwerem Motivgepäck und einem Tonfall, der ein bisschen nach Frauenzeitschrift klang. Klaus Kastberger fand dafür die Formulierung des „Bonsai-Barock“, Hubert Winkels fühlte sich an Händel-Opern erinnert.

Ende der postmodernen Unentschiedenheit

Mehr denn je spielte in diesem Jahr die Performance eine Rolle, was gleich am ersten Tag bei dem theatralischen Vortrag der von Sandra Kegel eingeladenen Nora Gomringer zum Ausdruck kam: Ihr Text „Recherche“ ist eigentlich ein Hörspiel und ein Stück raffinierter Meta-Schlüsselliteratur: Protagonistin ist eine Figur namens Nora Bossong, im wirklichen Leben eine Schriftstellerkollegin Gomringers, die hier in einem Mehrfamilienhaus nach den Hintergründen eines Todes sucht. Ein dreizehnjähriger Junge ist aus dem Fenster gestürzt. In einer Montage aus Stimmen und Medientexten, die an Alfred Döblin erinnert, kreist der Text um die Schuldfrage nicht nur der Mitbewohner, sondern letztlich auch der Rezipienten des Textes, der sich auf immer neuen Beobachterebenen selbst reflektiert, verschiedene Stillagen integriert und zwischen Witz und tiefem Ernst changiert.

Teresa Präauers anspielungsreicher Text „Oh, Schimmi“, in dem ein Mann sich wortwörtlich zum Affen macht, hatte performativen, fast musischen Charakter. Und auch der Auftritt, über den schon vor der Veranstaltung viel geredet wurde, weil die dreiundzwanzig Jahre alte „Welt“-Journalistin Ronja von Rönne vor kurzem mit ihrem Artikel „Warum mich der Feminismus anekelt“ einen Netzkrawall auslöste, lebte von einer Inszenierung: Die jugendliche Rotzigkeit der Ich-Erzählerin in ihrem Text mit dem nicht ganz originellen Titel „Welt am Sonntag“, die einen Hass auf alles Studentische hat und sich um jeden Preis das Ende der postmodernen Unentschiedenheit wünscht, konnte die Autorin durch ihre Lesung sehr plausibel machen. Die Jury erkannte darin den Ennui einer verloren Jugend aus frühen Salinger-Texten wie auch die „Tristesse Royale“ der deutschen Popliteratur wieder, hätte aber vielleicht noch etwas schärfer auf einige Ungenauigkeiten zu sprechen kommen können. Was zum Beispiel „Frauen in Filmen“ immer tun, kann man sich nicht allzu konkret vorstellen.

Überhaupt gab es, trotz des Gesamteindrucks eines an Themen und literarischen Genres vielseitigen Jahrgangs, auf der Mikro-Ebene der Texte immer wieder amüsante, bisweilen auch eklatante Stilblüten und schräge Sätze. So hörte man bei Peter Truschner: „Er hat mit ihr gefickt, bevor er zum Pokern ging“, bei Jürg Halter: „Völkermorde sind immer Zeichen des Untergangs“ und in Valerie Fritschs Text über einen amputierten Mann: „Nicht nur hatte er ein Bein verloren, aber auch stark an Gewicht.“

Die Anwesenheit Ingeborg Bachmanns

Trotzdem wurde die Geschichte „Das Bein“ der 1989 in Graz geborenen Fritsch am Ende sogar doppelt ausgezeichnet: Mit dem Kelag-Preis durch die Jury sowie dem BKS-Publikumspreis, über den man im Internet abstimmen konnte. In dem mit monotoner Stimme vorgetragenen Text, der den Begriff „Phantomschmerz“ zwischen dem amputierten Vater und seinem Sohn literarisch ausbuchstabiert, sah die Jury ein „Memento mori in ästhetisch gedehnter Zeit“, und Klaus Kastberger spürte in seiner Laudatio gar die Anwesenheit Ingeborg Bachmanns in Raum.

Während Teresa Präauer trotz Favoritenposition in der ersten Wahl am Ende ganz ohne Preis nach Hause ging, konnte sich die in 1979 in Bukarest geborene und heute in Zürich lebende Dana Grigorcea für den 3sat-Preis durchsetzen. Ihr Text „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ schildert eine Kindheitserinnerung aus Rumänien vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, in der Michael Jacksons falsche Begrüßung des Bukarester Konzertpublikums als eines Budapesters den traurig-komischen Höhepunkt bildet. Hildegard Keller würdigte den Beitrag in ihrer Laudatio als Burleske mit großem epischen Atem, der eine neue Perspektive in der Tradition der Heimkehrerliteratur biete.

Dass der Ingeborg-Bachmann-Preis schließlich an die fünfunddreißig Jahre alte Nora Gomringer und ihre „Recherche“ ging, lag zwar an einem längeren Abstimmungsringen, ist aber vor allem aus einem Grund erfreulich: Diese Art der Meta-Literatur, die nicht nur spielt, sondern zugleich von der Welt und sich selbst handelt, gelingt äußerst selten und führt in der allgemeinen Literaturwahrnehmung noch immer ein Schattendasein.

Momente der Selbstreflexion gab es auch in der Jury. Wie ausschlaggebend ist der Vortrag? Soll man die vor dem Lesen eingespielten Filmporträts der Autoren als Teil des Werks betrachten? Aber die kleinen Fehden zwischen den Jurymitgliedern Kastberger und Steiner, bei denen der eine dem anderen vorwarf, zu viel in die Texte hineinzutragen, was gar nicht drinstehe, schienen am Ende beigelegt. Steiner habe Kastberger auf die Glatze geküsst, erzählte Hubert Winkels in seinem Schlusswort. Diese Szene wurde leider nicht im Fernsehen übertragen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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