25 Jahre Berliner Open Mike

Der Feind im Eigenheim

Von Wolfgang Schneider
 - 23:17

Seit einem Vierteljahrhundert gibt es den Berliner Open Mike. Zum Jubiläum kann der wichtigste deutsche Literaturnachwuchswettbewerb eine beachtliche Bilanz vorlegen: Von insgesamt 75 Preisträgern haben 55 zumindest ein Debüt veröffentlicht, mehr als ein Dutzend konnten sich als Autoren etablieren, eine Handvoll wurde berühmt. Als „Türöffner“ in den Literaturbetrieb bezeichnet, ist der Wettbewerb inzwischen eher eine Art Durchgangshalle für Autoren, die größtenteils bereits vernetzt sind im Betrieb, Schreibschulen besucht haben, als Texter, Übersetzer oder Dozenten arbeiten und auch schon kleinere Literaturpreise gewonnen haben. Nur haben sie noch kein Buch veröffentlicht und erfüllen damit das Kriterium für die Teilnahme am Open Mike. Mögen unter den gut sechshundert Einsendern auch fabulierende Friseure oder dichtende Dachdecker sein – die zwanzig Finalisten, die ein Lektorenteam aus den anonymisierten Manuskripten auswählt, sind fast nur solche Halb- oder Viertelprofis in der Warteschleife zum ersten Buch. Diese wird oft immer länger, weil Verlage nur noch selten Debüts in ihr Programm aufnehmen.

Das Finale findet traditionell am zweiten Novemberwochenende im Neuköllner Heimathafen statt. Wer Jahr für Jahr hingeht, wundert sich über die thematischen Ballungen, bei denen nie ganz auszumachen ist, ob sie dem Zufall geschuldet sind, den kongruierenden Vorlieben der jeweiligen Lektoren oder gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln. Mal häuften sich Großvater-Geschichten, mal Außenseiter-Etüden, mal Familiendramen, mal das metafiktionale Schreiben. Der Jahrgang 2017 war geprägt von Texten, in denen „das Fremde“ hereinbricht. Ganz buchstäblich in der Geschichte von Baba Lussi, in der die Icherzählerin einen riesenhaften Fremden in ihrer Wohnung vorfindet. Schweigend sitzt er im Sessel, unheimlich, aber offenbar nicht bösartig. In einem realistischen Kontext wäre wohl ein Anruf bei der Polizei fällig, aber weil es eine Parabel ist, kommt stattdessen ein Verunsicherungs- und Reflexionsprozess in Gang. Die Flüchtlingskrise erzeugt literarische Echos, auch in der Geschichte von Armin Wühle, die auf einer griechischen Insel spielt, auf der massenhaft tote Migranten angeschwemmt werden. Die Touristen verhalten sich, als wäre es eine Art Quallenplage; die Hotelleitung bietet ersatzweise Ausflüge ins Hinterland an. Das ist, bei aller plakativen Moral, pointiert erzählt und wirkt streckenweise wie eine Kontrafaktur auf den „Tod in Venedig“.

Schweizer Bergwelt und indische Mythen

In Sarah Wipauers Erzählung kommt das Fremde aus dem eigenen Körper. Männer leiden an merkwürdigen Schwellungen auf dem Brustbein, in denen bald ein Herz zu schlagen beginnt: ein wuchernder „Säuglingstumor“, eine mysteriöse neue Krankheit. Es ist eine Horrorstory mit perfidem Schockmoment, weil hier gerade das zum Schaudern Anlass gibt, was sonst Reflexe des Entzückens auslöst. Phantastische Züge hat auch Lukas Diestels groteskkomische Geschichte, in der ein unauffälliger Mensch namens Peter von seiner täglichen Routine abweicht und sich daraufhin unkontrolliert zu vervielfältigen beginnt. Immer neue Kopien seiner selbst tauchen auf, bis er selbst eine „Obergrenze für neue Peter“ fordert.

Gewitzte und ideenreiche, wenn auch nicht immer restlos ausgegorene Erzählungen wurden im Heimathafen dem enthusiastischen jungen Publikum vorgetragen, und man hätte durchaus auch andere auszeichnen können als die, denen die zwei gleichwertigen Hauptpreise zugesprochen wurden. Der Jury – dieses Jahr die Schriftsteller Nico Bleutge, Olga Grjasnowa und Ingo Schulze – gefiel die postsozialistische Tristesse in der Geschichte von Mariusz Hoffmann, der 1986 in Strzelce Opolskie geboren wurde und heute in Hildesheim lebt. „Dorfköter“ handelt von einem Jungen in der polnischen Provinz am Vorabend der Übersiedlung seiner Familie nach Deutschland, damals, Anfang der neunziger Jahre, als die simpelsten Waren des kapitalistischen Westens noch Verheißungen waren. Der Junge nimmt Abschied von seiner Kindheitswelt – und die atmosphärisch erzählte Geschichte, Eingangskapitel eines Romans, läuft auf ein folgenreiches Besäufnis hinaus. Man meint dergleichen allerdings schon gelesen zu haben, was sich über die zweite prämierte Geschichte nicht sagen lässt. Sie stammt von dem Basler Ralph Tharayil, der 1986 als Sohn indischer Einwanderer geboren wurde und „Das Liebchen“ in einem surrealen Raum zwischen den Kulturen spielen lässt: Schweizer Bergwelt und indische Mythen; böse Buben und ein Mädchen, das zwangsverheiratet werden soll; Idylle und Gewalt, Horror und „Heidi“. Kurz: Eine Erzählung, in der sich das Motiv des Befremdenden verdichtet, auch formal von schräger Expressivität, aber ein bisschen zu effektheischend.

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Die Lyrik-Auszeichnung erhielt die bereits mehrfach ausgezeichnete Leipzigerin Ronya Othmann – fast schon zu viel Versprechen. Ihre Gedichte wirkten wie stark verrätselte Kurzprosa, allerdings sinnlich und bildreich; aus Alltäglichkeiten wie dem Schneeschaufeln im Januar werden poetische Chiffren. „Ein / Flugzeug, das eine Stadt bombardiert, in / der ich einmal war“, heißt es an einer Stelle – Zeilen, die sich womöglich im Blick auf die Biographie der Autorin erschließen: Othmann hat einen syrischen Vater. Nachzulesen sind die Finaltexte im Begleitband zum Wettbewerb (Allitera Verlag, 14,80 Euro).

Quelle: F.A.Z.
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