Neue Biographie über Bachmann

Die dunklen Seiten der heiligen Ingeborg

Von Julia Encke und Andreas Kilb
 - 08:01
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Frau Hartwig, Ihr Buch über Ingeborg Bachmann sollte längst erschienen sein. Dann kam die Nachricht vom Verlag, dass sich die Veröffentlichung verzögert. Wenn man so etwas hört, fürchtet man bei diesem Thema gleich das Schlimmste. Was war los?

Es gibt ein Kapitel in meinem Buch, in dem es um die Zeitzeugen von Ingeborg Bachmann geht, mit denen ich Gespräche geführt habe. Der Abstimmungsprozess war in einigen wenigen Fällen mühsamer als gedacht.

Was genau war daran so heikel?

Ich glaube, es vollzieht sich gerade ein Generationenwechsel. Für uns, die wir liberal aufgewachsen sind, bedeuten Krankheit, Drogen, Sex, Homosexualität, Experimente kein Skandalon. Für diejenigen, die ich gesprochen habe, weil sie sie gekannt haben und die einer älteren Generation angehören, ist das in manchen Fällen aber anders. Ingeborg Bachmann hatte mit diesen Dingen etwas zu tun. Und offenbar gibt es für einige da eine Schmerzgrenze, die sie nicht überschritten sehen wollen. Das muss man respektieren.

Berührten die Veränderungen die Substanz Ihres Buches?

Zum Glück nicht. Die Zeitzeugengespräche habe ich über mehrere Jahre geführt. Es waren viele tolle Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Menschen, die sehr unterschiedliche Gefühle in Bezug auf Ingeborg Bachmann offenlegten. Es war mir schnell klar, dass ich diese Gespräche nicht als Beweismaterial verwenden konnte. Es geht mir in dem Kapitel um die subjektive Färbung von Erinnerung und darum, das Gefühl derer zu fassen, die sie gekannt haben. Näher kann man ihr kaum kommen. Deshalb habe ich auch kleine Erzählungen aus diesen Begegnungen gemacht. Das Kapitel steht für sich, die Argumentation des Buches bleibt davon unberührt.

Sie nennen Ihr Buch eine „Biographie in Bruchstücken“. Warum?

Eine chronologisch geordnete Biographie hätte mich nicht interessiert. Aber es musste am Ende auch so sein, weil ein entscheidendes Kapitel, das mit Max Frisch, ungeschrieben geblieben ist. Es ist mir leider nicht gelungen, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch einzusehen. Wir warten ja alle sehnsüchtig darauf, dass er publiziert wird. Also kann man zu dieser großen Geschichte nur bedingt etwas sagen. Ich habe mich dann irgendwann von den Bedenken befreit und mir gesagt, ich schreibe einfach um das leere Zentrum herum – bis ich gemerkt habe, dass das Zentrum gar nicht leer bleibt.

Man hat beim Lesen den Eindruck, dass die Figur des Vaters bei Ihnen an die Stelle dieses leeren Zentrums tritt. Kann man Ingeborg Bachmanns späteres Leben aus dieser Vaterbeziehung erklären?

Dazu weiß man zu wenig. Aber sie hat die Beziehung zum Vater in größter Ambivalenz aufrechterhalten, bis zum Schluss. Es gibt zwei Vaterbilder bei ihr: einen bösen und einen guten Vater. Ich glaube, sie hat diese konträren Bilder nicht zur Deckung bringen können.

Die Ambivalenz dem Vater gegenüber findet sich ja auch in ihrem Werk.

Ja. Zum Beispiel, wenn Sie sich das Traumkapitel aus ihrem Roman „Malina“ anschauen, mit dem überhöhten bösen Vater, der als KZ-Schlächter auftritt, als Vergewaltiger. Dann wieder finden Sie, insbesondere in „Drei Wege zum See“, das liebevoll gezeichnete Porträt eines Vaters, mit dem die Erzählerin auch das Sprachbewusstsein teilt, das vom untergegangenen k. u. k. Reich herrührt. Und man ahnt, dass Bachmann ihren Vater sehr geliebt haben muss, während sie sich zugleich herausgenommen hat, gegen ihn anzuschreiben. Das „Traumkapitel“ war ein rebellischer Akt. Er lebte ja noch, als „Malina“ erschien.

Wissen Sie, wie der Vater auf „Malina“ reagiert hat?

Nein. Wie so viele andere Familien hat auch die Bachmann-Familie über den Nationalsozialismus offenbar nicht gesprochen. Die NSDAP-Mitgliedschaft des Vaters seit 1932 ist erst Ende der neunziger Jahre von Hans Höller herausgefunden worden.

Aber die Tochter wusste immer von dieser NSDAP-Mitgliedschaft?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es nicht wusste.

Viele feministische Bachmann-Biographen sehen in der Schriftstellerin ein klassisches Opfer des Patriarchats. Dem scheinen Sie in Ihrem Buch vehement zu widersprechen.

Die ganze Opferproblematik ist nicht mein Ansatz – auch wenn sie hier und da zum Opfer geworden sein mag. Insgesamt halte ich Ingeborg Bachmann für eine sehr kalkulierte und strategische Person, die in entscheidenden Phasen ihres Leben genau wusste, was sie wollte, und sehr viel gewagt hat. Sie hat eine zupackende, man könnte fast sagen: männliche Art gehabt, nicht nur in der Karriereplanung, sondern zum Teil auch in ihrem Verhältnis zu Männern.

Die heilige Ingeborg wäre damit ein Mythos von gestern.

Die heilige Ingeborg meint das Opfer, das sich mit anderen Opfern identifiziert. Wohingegen ich so weit gehen würde, zu sagen, dass ihre Identifikation mit Paul Celan fast an Anmaßung grenzte. Man kann nicht als Tochter eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten und NSDAP-Mitglieds mit dem eigenen Vater nicht über diese Vergangenheit sprechen – und dieses Nicht-Sprechen dadurch kompensieren, dass man sich in einen staatenlosen Juden aus Czernowitz einfühlt, der beide Eltern im Holocaust verloren hat und selbst in einem rumänischen Arbeitslager war. Aber das entsprach damals dem Zeitgeist, so wurde vieles kompensiert. Viele Kinder von Nazis haben die familiäre Auseinandersetzung nicht unbedingt gesucht. Insofern kommt die Opferidentifizierung an dieser Stelle einer Selbstüberschätzung gleich.

Sie beginnen Ihr Buch mit dem Tod von Ingeborg Bachmann und der Frage, ob sie trotz ihrer Brandverletzungen zu retten gewesen wäre. Warum ist Ihnen diese Frage so wichtig?

Ich hatte früher immer das Bild eines brennenden Zimmers vor Augen. Ich dachte, dass Ingeborg Bachmann bei dem Unfall, der durch eine glühende Zigarette ausgelöst wurde, tatsächlich verbrannt sei. Aber es gab gar keine Brandspuren in dem Zimmer. Mich hat interessiert, wie es wirklich war.

Schon 1980 gab es eine andere Vermutung für die Todesursache: ihre Tablettenabhängigkeit. Sie haben Ärzte befragt, wie sie die Todesumstände einschätzen.

Ja, und auch die waren unterschiedlicher Meinung. Der eine Mediziner meinte, sie wäre nicht zu retten gewesen, weil sie schon ins Koma gefallen war. Ein anderer Mediziner meinte, man hätte es mit ausschwemmenden Mitteln versuchen können. Ich bin da also zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen, aber allein das fand ich aufschlussreich. Ein dritter Arzt hat mir versichert, dass ihre Brandverletzungen so erheblich waren, dass sie gar nicht hätte überleben können.

Der letzte Satz des Romans „Malina“ lautet: „Es war Mord.“

Dieser Satz bleibt natürlich ein ganz schreckliches Rätsel. Sie nimmt in „Malina“ die Verbrennungsmetaphorik vorweg. Wie kann das sein? Man darf nicht vergessen, dass sie sich selbst mythisiert hat und in „Malina“ eben auch ihren eigenen Tod, was ihr von der Literaturkritik vorgeworfen wurde. Marcel Reich-Ranicki etwa hat das nicht ertragen und sich geweigert, das Buch überhaupt zu besprechen. Sie hat also auch mit der eigenen Destruktivität gespielt, ihren Todestrieb stilisiert und daraus Literatur gemacht. Man muss das nicht mögen.

Sie erzählen in einem sehr unsentimentalen Ton von Ingeborg Bachmann. Das betrifft ihre Drogensucht, aber auch ihre Liebe zum „Untergrund“, wie Sie das nennen.

Man weiß seit längerem, dass sie drogenabhängig war. Aber was man nicht so genau wusste, ist, dass viele ihrer Freunde es damals nicht so genau wissen wollten. Am Ende hängt ihr wahnsinnig früher Ruhm mit ihrer Gefährdung, ihrer Drogensucht und ihrer Neigung zu Grenzerfahrungen wohl zusammen.

Es gibt eine Sehnsucht nach Ich-Verlust, der sich durch alle autobiographischen Texte Bachmanns zieht. Demgegenüber steht die vielen Schriftstellern gemeinsame Anstrengung, über die Beherrschung der Sprache auch Herrin des eigenen Leidens zu sein.

Diese zwei Seiten sind charakteristisch für Ingeborg Bachmann. Zum einen der Wunsch nach Kontrollverlust, Selbstaufgabe, Unterwerfung. Zum anderen diese unglaubliche Kraft und Zähigkeit, Dinge benennen zu wollen. Das berührt auch ihren poetischen Konflikt: dass sie einerseits das Vage als Erfahrung und Ideal zum Ausdruck bringen wollte und andererseits, etwa in ihren politischen Texten, eine aufklärerische Sprache wählte. Sie war getrieben von dem Wunsch, die Dinge auszusprechen. Aber im Leben war sie damit allein. Meine Vermutung ist, dass sie nur mit ihren homosexuellen Freunden diese Grenzerfahrung ein Stück weit teilen konnte.

Warum mit denen?

Was den Komponisten Hans Werner Henze betraf, waren sie gleichaltrig, hatten einen ähnlichen biographischen Hintergrund, waren beide von ihrem Genie überzeugt, hatten den gleichen Humor...

War Ingeborg Bachmann lustig?

Ich glaube, sie war sehr lustig. Und mit Henze war sie ganz besonders heiter in der glücklichen Zeit, bevor sie selbst abgestürzt ist. Sie hatte mit verschiedenen homosexuellen Männern Kontakt, ich glaube, das hat sie einfach entspannt. Die fünfziger Jahre waren prüde und konservativ, und sie war nie prüde. Sie war radikal. Sie hat sich nie angepasst.

Gleichzeitig ist sie etwa in der Gruppe 47 damenhaft aufgetreten. Das war eine Männerwelt, in der sie sich geschickt zu bewegen verstand: Alle lagen ihr zu Füßen.

Man könnte sogar sagen, sie hat ihre Radikalität verschleiert mittels dieser Show, die sie veranstaltet hat, indem sie etwa ständig irgendwelche Sachen fallen ließ. Okay, sie war auch sehr kurzsichtig, aber das allein kann es nicht gewesen sein.

Wieso wirkte sie so stark auf Männer?

Sie muss ein unglaubliches Charisma gehabt haben und eine enorme Kraft. Und sie hat wirklich viel geleistet, wenn man bedenkt, dass sie nur 47 Jahre alt geworden ist. Was sie literarisch alles probiert hat in dieser Zeit, wie viele Briefwechsel sie geführt hat, das ist ja noch gar nicht alles publiziert! Sie hat hart gearbeitet und getrunken und in den letzten Jahren Tabletten in rauhen Mengen genommen – und in diesem Zustand weitergeschrieben! Aber sie hat wahrscheinlich eingesehen, dass eben dies eine Überforderung für die Männer ihrer Generation bedeutete. Außer vielleicht für Celan und Henze. Sie hat das realistisch eingeschätzt und dann diese Doppelstrategie entwickelt: Nebel zu erzeugen und zugleich äußerste Entschiedenheit zu zeigen.

Der Briefwechsel zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann soll in der neuen Bachmann-Werkausgabe bei Suhrkamp erst in vier Jahren erscheinen. Aber im ersten Band der Ausgabe zitiert der Herausgeber Hans Höller aus diesem Briefwechsel in den Fußnoten. Hat Sie das nicht geärgert, dass Ihnen der Einblick in Dokumente verweigert wird, aus denen andere zitieren?

Generell finde ich es nicht sinnvoll, dass der Briefwechsel von Max Frisch und Ingeborg Bachmann nicht endlich veröffentlicht wird. Noch ist das öffentliche Interesse vorhanden. Mir ist auch nicht ganz klar, wovor man dabei Angst hat.

Die Verzögerung könnte damit zusammenhängen, dass man eine bestimmte Facette Ingeborg Bachmanns nicht zeigen möchte. Kann dabei denn irgendetwas herauskommen, was nicht schon in den Texten steht?

Solange der Briefwechsel nicht bekannt ist, wird Max Frisch weiter als der große Bösewicht gelten.

Was heißt das?

Es bedeutet, dass er ihr Leben zerstört habe. Und dass man der Eigendynamik ihrer Autodestruktivität nicht ins Auge sieht.

Ina Hartwig: „Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken“. S. Fischer, 320Seiten, 19,99 Euro (erscheint am 23. November)

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, JuliaAndreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Julia Encke
Andreas Kilb
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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