BKA stellt klar

Anne Franks Tagebuch ist authentisch

Von Felix Johannes Krömer
 - 15:10

Die Hüter des Erbes von Anne Frank sind erleichtert: Das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden hat sich in einer aktuellen Presseerklärung von dem Vorwurf distanziert, die weltberühmten Tagebücher der 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordeten Jüdin seien gefälscht. Hintergrund für diesen ungewöhnlichen Schritt ist die öffentliche Verbrennung einer Ausgabe der Diarien durch vermutlich Rechtsextreme in der Gemeine Pretzien in Sachsen-Anhalt.

Ein Sympathisant hatte im Gästebuch der Internetseite von Pretzien die Echtheit der Tagebücher bezweifelt - unter Berufung auf ein BKA-Gutachten von 1980. Nach eigenen Angaben stellte das Anne Frank Zentrum in Berlin gegen ihn Strafanzeige und bat die Behörde in Wiesbaden um eine Klarstellung. Diese liegt nun vor: „Das BKA betont: Das Gutachten des Kriminaltechnischen Instituts von 1980 kann nicht dafür in Anspruch genommen werden, die Authentizität der Tagebücher der Anne Frank in Zweifel zu ziehen. Das BKA distanziert sich entschieden von allen in eine solche Richtung zielenden Spekulationen.“

Propaganda der Holocaust-Leugner

Die Legende, daß die später veröffentlichten Tagebücher, in denen die jugendliche Anne Frank schildert, wie sie und ihre Familie sich in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den Nationalsozialisten verstecken, eine Fälschung sei, gehört seit lagem zur Propaganda der Leugner und Relativierer des Holocausts. Schon in den fünfziger Jahren wurden derartige Vorwürfe erhoben. Annes Vater Otto Frank (1889-1980), der einzige KZ-Überlebende der Familie, ging bis zu seinem Tod mit Verleumdungsklagen gegen die Urheber vor.

Das besagte Gutachten des Kriminaltechnischen Instituts des BKA wurde im Rahmen eines solchen Prozesses vom Landgericht Hamburg angefordert. Wie es in der Pressemitteilung aus Wiesbaden heißt, sollte es allerdings nicht die Autorschaft der Tagebücher klären, sondern lediglich ermitteln, ob das verwendete Schreibmaterial - Papier und Stifte - im Zweiten Weltkrieg gebräuchlich war. Das bejahte der Prüfer. Er stellte lediglich fest, daß Korrekturen „mit einer Kugelschreiberpaste aufgebracht wurden, die erst ab 1951 gebräuchlich war“. Die Authentizität des eigentlichen Textkorpus' wurde somit nicht in Zweifel gezogen. Daß das Gerichtsdokument dennoch zum Kronzeugen politischer Agitatoren avancierte, mag mit einem „Spiegel“-Artikel vom Oktober 1980 zusammenhängen, der das Ergebnis der Studie sehr eigenwillig interpretierte. Der Autor zog unter anderem den Schluß: „Sicher ist gleichwohl, daß das, was die Welt bewegte, nicht durchweg aus Anne Franks Hand stammte.“

Vom Vater und Lektoren gekürzt

Bekannt ist jedoch lediglich , daß Anne Franks Aufzeichnungen von ihrem Vater und von Verlagslektoren für die Veröffentlichung gekürzt wurden. Einer der besten Kenner der Materie ist David Barnouw vom niederländischen Institut für Kriegsdokumentation, wo sich die Originalschriftstücke befinden. Barnouw hat anhand ihres Studiums 1986 die „vollständige, textkritische und kommentierte“ Fassung der Diarien herausgegeben, auf deutsch erschien sie 1988 im S.Fischer Verlag. Barnouw zufolge wurde nur die Paginierung eines Teils der Manuskripte später mit Kugelschreiber ergänzt. Zudem gebe es zwei beschriftete Papierfragmente, die nicht von Anne Franks Hand stammen und später in die Tagbücher eingelegt wurden. Die angeblichen Korrekturen habe der BKA-Gutachter später selbst nicht mehr auffinden können. Doch auch wenn es sie gäbe, stellte dies die Authentizität von Anne Franks Schriftstücken nicht in Frage. „Wenn ich die Magna Charta finde und etwas mit Kugelschreiber darauf schreibe, bleibt es die Magna Charta“, sagte Barnouw gegenüber dieser Zeitung.

Zur Stellungnahme des BKA erklärt Thomas Heppener, Direktor des Anne Frank Zentrums: „Ich bin glücklich, daß die Zweifel an der Echtheit des Tagebuchs endlich öffentlich ausgeräumt wurden.“

Quelle: F.A.Z., 28.07.2006, Nr. 173 / Seite 36
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAnne FrankBerlinSachsen-AnhaltWiesbadenBKAFälschung