Alan Pauls: „Geschichte der Haare“

Ja doch, du hast die Haare schön

Von Katharina Teutsch
 - 16:40

Waschen, föhnen, legen, schneiden. Das sind die Themen des Haares, das sind die Themen des Lebens, die Themen aller also. Alan Pauls, der vor ein paar Jahren in Deutschland durch die hervorragenden Übersetzungen von Christian Hansen mit „Die Vergangenheit“ und „Geschichte der Tränen“ bekannt wurde, hat jetzt mit „Geschichte der Haare“ den zweiten Teil einer Ding-Trilogie geschrieben, deren Endpunkt dann vom Geld handeln soll.

In der „Geschichte der Haare“ fällt, wie zu erwarten, viel Wolle. Es wird gekämmt, verfilzt, gegelt und abrasiert. Sogar der Cockerspaniel einer im Buch mit „er“ angesprochenen Hauptfigur kommt unters Rasiermesser und ist derart verstört über den kompromittierenden Verlust seines Renommierfells, dass er sein Herrchen in die Hand beißt. Schwarze Blutstropfen quellen. Wenig später ist dann die Ehefrau (den Cocker hat sie mitgenommen) über alle Berge, und „er“ wird sich nun noch tiefer in einen Erinnerungsstrudel hineinziehen lassen, in dem es wieder und wieder um Haare geht, um die Politik der Haare und die Naturgewalt der Haare und die Eitelkeit ihrer Besitzer, die nie zufrieden den Friseur verlassen können, immerzu an sich herumzupfen, während die Zeit vergeht und mit ihr die Moden, Zeiten, Beziehungen.

Radikalsubjektivistische Objekt-Geschichte

Alan Pauls, den Roberto Bolaño für einen der talentiertesten jüngeren Schriftsteller Lateinamerikas hielt, ist Argentinier. Und natürlich handelt dieses nur scheinbar nostalgische Frisurenpanorama auch von Politik, von dem vielbeschriebenen argentinischen Trauma, das hier auf perfide, weil nahezu genetische Weise in den Text gewirkt ist. Pauls lässt seinen Haareszeitlichen zunächst an die siebziger Jahre zurückdenken, als die höheren Töchter und Söhne Argentiniens ihr blondes Privilegiertenhaar künstlich kräuseln, um den aufkommenden Afrolook und die ästhetische Rebellion einer Angela Davis zu imitieren. Blond ist die bürgerliche, die kompromittierende Farbe schlechthin. Ihre mimetische „Afrotisierung“ entspricht einer Desertion aus der Welt der Glatthaarigkeit, wie Pauls schreibt.

Und so geht es weiter: Che Guevaras Skalp, von einem CIA-Mann als Trophäe genommen. Die Frisuren der Delinquenten, der kahlgeschorene Schädel des besten Freundes, der in der Jugendhaftanstalt einsitzt und der später auf dem Totenbett seine krausen Haare durch eine Krebsbehandlung verlieren wird. „Es gibt einen Moment in seinem Leben“, schreibt Pauls, „wo er anfängt, an die Haare zu denken wie andere an den Tod.“

Das ist ganz wörtlich zu verstehen. Pauls schreibt radikalsubjektivistische Objekt-Geschichte, und weil in diesem fiebrig-halluzinatorischen Beschreibungsklima Frisuren mehr sind als Moden, weil Mode nicht nur im Argentinien der siebziger Jahre politisch ist und das Politische eben nicht privat, sondern öffentlich, erschließt sich dem Leser über die „Geschichte der Haare“ eine faszinierende biographisch-politische Typologie der Epoche.

Ein Botenträger des Schmerzes und der Politik

Ein Paraguayer ist es, der schließlich als Einziger das Haar des „Haarverrückten“ zu bändigen weiß: Celso, ein Bodybuilder, „affektiert wie ein zweitklassiger Musicalstar“, schneidet so perfekt, so verjüngend, dass er sich bald schon unentbehrlich macht. Nachdem Celso ausgerechnet wegen der Mitnahme eines „Haarzellenregenerativums“ seinen Job verliert, schneidet er den Helden und seine Frau in deren Wohnung - und lässt dort am Ende Geld und eine alte Perücke mitgehen. Was genau es damit auf sich hat, soll hier beim Namen der ruhmreichen Guerrillera Norma Arrostito, der das gute Stück einst gehörte, nicht verraten werden. Doch die Perücke ist der Endpunkt einer Taxonomie des Haares. Sie ist Prototyp und Ideal zugleich - also unnatürlich vollkommen und deshalb ein Objekt der Begierde.

Eine eher allegorisch zu verstehende Figur namens „der Kriegsveteran“ wird auf den letzten Seiten quasi hinzugeschaltet - der Sohn eines Widerstandskämpfers, der im französischen Exil aufwuchs, der seinem Vater dennoch „alles zu verdanken“ hat, jetzt in Buenos Aires Drogen verkauft und sich ebenfalls von Celso rasieren (und in Sachen Perücke bestehlen) lässt. Diese Figur leidet unter einem Wiedergänger, dem eigenen Vater, dessen Märtyrerhaar noch postum im „Reich der Lebenden weiterwächst“ und der ihm die Devotionalie der Guerrillera vererbt. So ist der Kriegsveteran, der allerorten zu Exilantengesprächen eingeladen wird, selbst ein Wiedergänger, ein Botenträger des Schmerzes und der Politik.

Lauter Einfallstore für Missverständnisse

Die mäandernde Sprache, die manchmal ins Surreale neigenden Rückblenden und der sich selbst befragende Schreibduktus: Das alles ist oft schon mit Proust und Nabokov verglichen worden. Aber es gibt noch eine viel offensichtlichere Referenz. 1988 drehte der Exilant Fernando Solanas den weltberühmten Film „Sur“ über die Spätfolgen der argentinischen Militärdiktatur. Stilistisch lehnt sich Alan Pauls an das im Film so eindringlich inszenierte postapokalyptische Klima der achtziger Jahre an. Magie, Traum, Beklemmung, aber auch Fabulierlust und Gründungspathos: All das steckt in der „Geschichte der Haare“. Ein anderer Schriftsteller hat in den vergangenen Jahren etwas ganz Ähnliches versucht.

Die Erinnerungen des Rumänen Mircea Cartarescu an den lebensweltlichen Wahnsinn der Ceausescu-Diktatur, die er als Junge und Jugendlicher erlebt hat, sind ebenfalls als Trilogie angelegt und erschließen sich noch radikalsubjektivistischer als bei Pauls. „Pointieren, effilieren, graduieren“, jede dieser Fachvokabeln sei ein Einfallstor für Missverständnisse, schreibt Alan Pauls in der „Geschichte der Haare“. Man will sich gern allen aussetzen.

Alan Pauls: „Geschichte der Haare“. Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 223 S., geb., 18,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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