Marie von Ebner-Eschenbach

Briefe verbrennt man gleich oder nie

Von Daniela Strigl
 - 15:30

Die längste Zeit war ihr Bild das einer Matrone: gütig, weise, tierlieb und harmlos. Das persönliche Image färbte auch auf ihre Literatur ab. Die Autorin von „Krambambuli“ wurde auf das Zwergenmaß einer rührenden Tiergeschichten-Erzählerin zurechtgestutzt. Erst in den letzten Jahren entdeckt man Marie von Ebner-Eschenbach neu, als eine nicht nur poetische, sondern scharfsichtige Realistin, die mit dem Aufsteiger-Roman „Das Gemeindekind“ (1887) die Exklusionsmechanismen der dörflichen Gemeinschaft in den Blick nahm, mit „Božena“ (1876) das Porträt einer böhmischen Dienstmagd von überragender Statur zeichnete und neben Nietzsche mit ihren Aphorismen die Gattung dominierte.

In diesem Sinne ist die kritische Ausgabe des Briefwechsels zwischen Ebner-Eschenbach (1830 bis 1916) und ihrer langjährigen Freundin Josephine Knorr (1827 bis 1908) von eminenter Bedeutung. Er zeigt: Die Frau Baronin war auch einmal jung. Sie war ehrgeizig und unternehmungslustig, witzig, gesellig, sportlich, war nicht immer nur menschenfreundlich, sondern auch boshaft, sie war gar nicht so katholisch wie ihr Ruf, und sie war, horribile dictu, vielleicht sogar verliebt – und zwar nicht in ihren Gemahl. Gerade die Jugendzeit Ebner-Eschenbachs war bisher aufgrund fehlender Tagebücher unterbelichtet. Überdies vermittelt die mehr als 57 Jahre währende Korrespondenz der beiden Frauen einen anschaulichen Eindruck von weiblicher Autorschaft, literarischem Treiben und adeligem Familienleben in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

Sammelleidenschaft für prominente Salon-Raubtiere

Dass die in Innsbruck lehrende Germanistin Ulrike Tanzer die Briefe Ebner-Eschenbachs im Archiv des Schlosses Stiebar im niederösterreichischen Gresten entdeckt hat, ist deshalb eine kleine Sensation, weil die Schriftstellerin die Spuren ihres Privatesten emsig und effizient zu verwischen beliebte. Sie folgte offenbar dem von ihr geprägten Aphorismus „Briefe von geliebten Menschen verbrennt man gleich oder nie“ – und entschied sich oft genug für „gleich“. Von den Angehörigen jener Freundinnen, die sie überlebte (und sie überlebte eigentlich alle), pflegte Marie von Ebner-Eschenbach ihre Briefe zurückzuverlangen und auch zu bekommen. Mit Josephine von Knorrs Erben hingegen stand sie nicht auf vertrautem Fuße, und so überdauerte dieser Schatz hundert Jahre hinter den Mauern von Schloss Stiebar.

Knapp achthundert der mehr als tausend Briefe, die die beiden Frauen – nach der Rekonstruktion der Herausgeberinnen – im Laufe ihrer Lebensfreundschaft gewechselt haben, sind erhalten. Der erste Brief, ein Brieflein, datiert von 1851; es geht um eine Verabredung zum Theater. Man kennt einander aus Wien, wo die Familien beider Damen den Winter zubringen, im Sommer weilt die verheiratete Baronin Ebner-Eschenbach, vormals Comtesse Dubsky, vorzugsweise auf dem mährischen Familiensitz Zdislawitz, ihrem Geburtsort, während die zeitlebens ledig gebliebene „Sephine“ Freiin von Knorr nach Gresten geht, ein Treffpunkt von Künstlern, Wissenschaftlern und Schauspielerinnen. „Löwenjägerei“ nennen die Freundinnen die Sammelleidenschaft für prominente Salon-Raubtiere.

Vergebliche Warnung vor freigeistiger Lektüre

Für Ebner-Eschenbach wirkt die drei Jahre Ältere zunächst als Vorbild, als formsichere Lyrikerin ebenso wie als für eine Aristokratin außergewöhnlich gebildete junge Frau, die ihr Lektüretipps gibt, Dickens und Byron empfiehlt und durchaus Brisantes wie Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“. Die Dichterinnen schicken einander ihre Werke, bitten um strengste Kritik. Unablässig liest, lernt, studiert Marie Ebner, schreibt einen verlorengegangenen Gesellschaftsroman, „Die große Welt“. Sie beneidet „Sephine“ um ihre Bekanntschaft mit der berühmten Betty Paoli, einer „Dichterin vom Wirbel bis zur Zehe“, mit der sie sich später anfreunden sollte. Die Baronesse von Knorr stellt auch den Kontakt zu Grillparzer her, der Marie Ebners Mentor wird.

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Beide Frauen sind sich einig, was das männliche Vorurteil gegen weibliche Federn angeht, wie den getauften Juden hafte ihnen ein untilgbarer Makel an. Maries Idee, gegen die Herablassung offensiv vorzugehen und einen „Blaustrumpforden“ zu gründen, kann Sephine wenig abgewinnen. Die Sanftmut, „dieses leidende Dulden, die man den Frauen zur Tugend macht“, ist für Marie Ebner überhaupt ein „großes Unrecht“: „Gleichviel welchem Geschlechte der Dichter angehört – sein Lebensberuf“ sei „die Verbreitung der Wahrheit unter den Menschen“. Apropos Juden: Insbesondere Ebner-Eschenbachs für eine katholisch erzogene Hochadelige bemerkenswerte Vorurteilslosigkeit zeichnet sich früh ab, ihre Begeisterung für Heinrich Heine ist in ihrem Milieu dreifach anstößig: politisch, konfessionell und moralisch. Die tiefgläubige Sephine warnt sie vergeblich vor freigeistiger Lektüre, die vom liberalen Ehemann Moriz von Ebner-Eschenbach gefördert wird.

„Nothwendiger als die Luft die ich athme“

Während Marie Ebner den Besuch in Gresten bis 1868 hinausschiebt, beehrt Sephine Knorr das Ehepaar zweimal in Klosterbruck bei Znaim, wo Moriz, als Erfinder von elektrischen Seeminenzündern berühmt, an der sogenannten k. k. Genie-Akademie unterrichtet und sich spaßeshalber Sephines Bekehrungsversuchen aussetzt. In ihrer Privatzeitung „Die Parzen“ nennt Ebner-Eschenbach als Erscheinungsort Haiti: „Ich schwöre Dir ich bin hier vollkommen unter Wilden.“ In der südmährischen Provinz beschäftigt man sich mit Faschingsbällen und Tischrücken. Die junge Baronin hat sich ein Pferd zugelegt und schwärmt von der „poesie des Reitens“.

Als der Börsenkrach 1873 die reiche Erbin Josephine von Knorr um den Großteil ihres Vermögen bringt, will die Freundin helfen, Gatte und Bruder erheben jedoch Einspruch, sie wehrt sich gegen „die Rolle eines unmündigen alten Trottels“, dessen „Versprechen weniger gilt als das eines Kindes“, Sephine verzichtet jedoch. Als Autorin lässt Ebner-Eschenbach sich weder vom Widerstand ihrer Familie noch von Rückschlägen im literarischen Betrieb dauerhaft entmutigen. Anders als Sephine Knorr braucht sie „das Schreiben nothwendiger als die Luft die ich athme“. Ihre Ausdauer ist so erstaunlich wie ihr Selbstbewusstsein. Als ihr Freund Joseph Weil mit dem Stück „Heinrich von der Aue“ reüssiert, während ihr Drama „Maria Stuart in Schottland“ zunächst keine Bühne findet, schreibt sie Sephine: „(ganz aufrichtig) meinem Gefühle nach, ist dieser Heinrich kaum nobel genug, einen Stiefelputzer der Maria Stuart abzugeben, u. ihm öffnen sie angelweit alle Thore, während meine Königin antichambrirt.“ Eine Begegnung mit dem umschwärmten Modedichter Oskar Redwitz in Franzensbad kommentiert sie: „Er wird dicker mit seinen Werken.“

Nicht alles Erklärungsbedürftige wird erklärt

Im Laufe der Jahre scheinen die Rollen vertauscht: Ebner-Eschenbach entwickelt ein (gegen Sephine stets behutsam formuliertes) kritisches Urteil, sie hat mit ihrer Prosa spät, aber doch – mit Mitte vierzig – Erfolg, Knorr bleibt trotz manchen Gedichtbands weitgehend unbekannt. Wiederholt bittet sie die Freundin um Protektion, das Verhältnis ist merklich abgekühlt. Wenn Ebner-Eschenbach im Jahr 1900 aus Rom schreibt: „So schade, so schade! daß uns das Leben, statt zusammen, auseinander geführt hat“, bezieht sich das nur vordergründig auf die räumliche Entfernung.

Neben den Mühen der Transkription ist die gründliche Ausleuchtung eines eindrucksvollen familiären und freundschaftlichen Netzwerkes im Kommentarband zu würdigen, der mit Registern und Stammbäumen bestückt ist. Eine umfangreiche Einleitung des Briefbandes informiert über die beiden Verfasserinnen, ihre Beziehung, ihr Umfeld und die Prinzipien der klug konzipierten Edition. Der aufwendige Sachkommentar bietet viel Hintergrundinformation und entlegene Funde, weist aber auch Lücken, Fehler und Ungereimtheiten auf. Nicht immer wird erklärt, was der Erklärung bedarf.

Mit obstinater Keuschheit

So kann man nachlesen, was ein Jambus ist, ein Eldorado oder „Schillers: Glocke“, aber nicht, was es bedeutet, wenn ein Name die Briefschreiberin „intriguirt“, auch die „Schmauswaberl“ bleibt unerlöst – eine wohlgenährte Frau, deren historisches Vorbild die Speisereste vom Wiener Hof in ihrem Gasthaus feilbot. Man erfährt, dass Ebner-Eschenbach eine gemeinsame Publikation mit François Coppée ablehnte, aber nicht, warum: Dieser hatte sich als Antisemit und Dreyfus-Gegner profiliert. Bisweilen fehlt es an Verständnis für den Sinnzusammenhang. Wenn die frankophile Sephine von Knorr in einer französischen Passage die Abkürzung „c.a.d.“ für „c’est à dire“ verwendet, wird dies mit „currente anno domini“ aufgelöst, obwohl das „laufende Jahr des Herrn“ hier keinen Sinn ergibt. Und wenn sich die Briefpartnerinnen über den geistlichen Judenhetzer Sebastian Brunner einig sind, dessen gemeine Natur, die sich „in den Keilschriften so grauslich ausbreitet“ (Ebner-Eschenbach), dann ist „Keilschriften“ leicht als der Titel seines Gedichtbandes zu identifizieren, wogegen der Kommentar vermerkt: „vermutlich Streitschriften“.

In einer Streitfrage der Interpretation ist die Rezensentin, die den noch unveröffentlichten Briefteil für ihre Ebner-Eschenbach-Biographie einsehen konnte, zugegeben Partei: Am 2. Juni 1860 schreibt die neunundzwanzigjährige Marie Ebner: „Diese Tage haben Stürme mitgebracht die meine ganze Zukunft, alle meine Verhältnisse bedrohten, u aus denen ich, zu völliger Ruhe noch nicht gelangt ... Was sich noch aus diesem Chaos entwickelt ahne ich nicht – meine Gesundheit hat gründlich unter den Gemütserschütterungen gelitten ... Dießmal traf der Schlag u. brennt die Wunde. Ich hab’ nichts dagegen wenn sie tödtlich ist; u das eine glaub ich bis an’s Ende von mir sagen zu dürfen, daß wenn ich den Schmerz wie ein Weib gefühlt, ich ihn doch getragen habe wie ein Mann.“

Es gehört einige Phantasie dazu, hier nicht an eine außereheliche Affektation zu denken, zumal Ebner-Eschenbach die Freundin um deren Freiheit beneidet, zu der sie „ohne gebrochnen Schwur“ gelangt sei, und sie bittet, in ihrer Antwort nicht auf diese Eröffnung einzugehen. Mit obstinater Keuschheit vermuten die Germanistinnen als Grund für diesen Gefühlsausbruch aber „familiäre Zerwürfnisse wegen MvEEs schriftstellerischen Ambitionen“. Es scheint, als hätte in den Herausgeberinnen, die sich auch über Sephine Knorrs Liebe zu einem russischen Diplomaten in nobles Schweigen hüllen, das Bild der Matrone noch nachgewirkt.

Marie von Ebner-Eschenbach, Josephine von Knorr: „Briefwechsel 1851–1908“. Kritische und kommentierte Ausgabe. Hrsg. von Ulrike Tanzer u.a. De Gruyter Verlag, Berlin 2016. 2 Bände, zus. 1362 S., geb., 299,– €.

Quelle: F.A.Z.
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