Globale Wirtschaftselite

Nesthocker mit kosmopolitischem Anstrich

Von Thomas Thiel
 - 14:18

Aus den Ruinen des Kommunismus ist nach einer gängigen Erzählweise eine globale Wirtschaftselite erstanden, die, in Jakarta oder Philadelphia geboren, in Harvard und Oxford geschult und in aller Welt zu Hause, um den Globus jettet und ihre Dienste heute hier, morgen da anbietet. Seit dem „Ende der Geschichte“ (Fukuyama), heißt es weiter, werde ihr Aktionsradius auch nicht mehr von unterschiedlichen politischen Systemen beschränkt, und jeder Nationalstaat, der sich ihr in den Weg stellt, werde seine Ohnmacht erfahren.

Diese These kam vielen zupass: Banker rechtfertigten ihre Gehälter mit dem Druck weltweiter Konkurrenz; Politiker begründeten alternativlose Entscheidungen mit der Ohnmacht gegenüber der globalen Finanzwirtschaft; die linke Intelligenz kapitulierte vor einer verschworenen Plutokratie des Kapitals, und der Soziologe Ulrich Beck schuf mit großem Pinselstrich das Zeitgemälde einer nomadischen Businesselite, die uns heute schon zeigt, wie wir morgen leben werden. Als dann noch der indischstämmige Anshu Jain und danach der Brite John Cryan das Ruder der Deutschen Bank übernahmen, fand sich diese These aufs schönste bestätigt; die Herkunft von Dieter Zetsche oder Joe Kaeser geriet in Vergessenheit.

Gegen den Sog dieser abstrakten Klasse hat sich weltweit Widerstand formiert. Die britische Premierministerin Theresa May brachte ihn auf die griffige Formel: „Weltbürgertum ist Bürgertum im Nirgendwo.“ Womit sie recht hatte, denn Bürger zu sein heißt, sich auf eine institutionelle Ordnung und eine Öffentlichkeit zu beziehen, die sich im Weltmaßstab erst schemenhaft abzeichnen. Der globale Jetset lebt oft genug in einem Kokon: Die Vielfalt der Weltkulturen bildet sich in Flughafen-Wartesälen und Hotel-Lobbys zumindest nur sehr abstrakt ab. Das kosmopolitische Leitbild ist in der Praxis aber auch nicht die Sache derer, die es vertreten.

Ausländeranteil bei den CEOs der größten Unternehmen gering

Denn dieses Weltbürgertum gibt es nicht, zumindest nicht in den Führungsetagen der weltweit größten Unternehmen. Nach einem neuen Buch des Soziologen Michael Hartmann („Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende“. Campus Verlag 2017) haben uns die Vertreter der Elite-These in die Irre geführt, indem sie ihre Belege einseitig aus der Zahl der ausländischen Aufsichtsratsmitglieder von Weltunternehmen schöpften, deren Anteil tatsächlich stark gestiegen ist.

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Gefragt wurde aber nie, welchen Einfluss diese Personen auf die Unternehmen haben. Unterscheidet man dagegen wie Hartmann zwischen executive members, die in das operative Geschäft vor Ort eingebunden sind, und einfachen Mitgliedern, die nur wenige Male pro Jahr zu Sitzungen einfliegen, vor Ort Fremde bleiben und auf das Tagesgeschäft keinen Einfluss nehmen, dann ist das Ergebnis frappierend: Nur knapp ein Zehntel der CEOs der tausend weltgrößten Unternehmen sind Ausländer.

Überraschenderweise gilt das in gleichem Maße für die Finanzwirtschaft, das vermeintlich ortlose Söldnerheer. Bei den Aufsichtsratsvorsitzenden, der zweiten entscheidenden Machtposition in der Wirtschaft, ist der Ausländeranteil sogar noch geringer. Und von den tausend reichsten Menschen der Welt hat nur jeder zwölfte seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt. Milliardäre zieht es meistens erst nach dem geschäftlichen Rückzug aus steuerlichen Gründen in die Ferne. Während ihrer aktiven Zeit schätzen sie die Nähe zur Macht, die Kontakte zu Staat und Verwaltung, die ihnen lukrative Aufträge einbringen. Das beste Beispiel ist Russland, wo die Vergabe von Staatseigentum den Grundstein für den Aufstieg einer Oligarchenschicht legte. Nach dem Fall des Kommunismus wurde ihr Exodus vorausgesagt. Tatsächlich leben heute fast alle russischen Milliardäre in Moskau. Und selbst ein Steuersatz von 47 Prozent hat in der Milliardärsmetropole New York keine breite Kapitalflucht bewirkt.

Das Bild ist freilich heterogen: Die Schweiz liegt mit 72 Prozent ausländischen CEOs einsam an der Spitze, Deutschland mit fünfzehn Prozent noch auf einem achtbaren Rang. Länder wie Italien, Spanien und Russland haben gar keine Ausländer an der Spitze ihrer führenden Unternehmen, ebenso Japan und China, das in der Statistik in jeder Hinsicht ganz hinten liegt. Man wird nach der Lektüre von Hartmanns Buch auch nur noch mit Abstrichen an die Existenz einer kosmopolitischen Mentalität in diesen Kreisen glauben.

Meiste Unternehmensführer kommen aus der eigenen Kaderschmiede

Die Auslandserfahrung (mehr als sechs Monate) heimischer CEOs und Aufsichtsräte liegt gerade einmal bei 22 Prozent, Tendenz sinkend. Die meisten Unternehmensführer durchliefen Hauskarrieren, und wenn sie längere Zeit im Ausland verbrachten, war das nur in den wenigsten Fällen mit einem Wechsel des Unternehmens verbunden, was nur konsequent ist, wenn man sich ihre Bildungsviten ansieht. Die großen internationalen Business Schools sind, wie Hartmann nachweist, nicht die Kadettenanstalten einer globalen Wirtschaftselite, für die sie oft ausgegeben werden. Die Wirtschaftselite bildet sich nur zu einem geringen Teil an den berühmten Business Schools in Harvard oder Paris und studiert in der Mehrheit lieber zu Hause. Nur jeder dreiundzwanzigste unter den tausend mächtigsten CEOs hat überhaupt im Ausland studiert. Und wenn es deutsche Vorstandsmitglieder zum Studium in die Ferne zog – der Anteil liegt hier bei 3,5 Prozent –, dann kamen sie kaum über die Schweiz hinaus.

Man verzichtet anscheinend nur ungern auf das Gewohnte; und die weiterhin große Bedeutung der totgesagten nationalen Sprache, und Kulturen zeigt sich auch darin, dass ausländische Unternehmensführer hauptsächlich aus dem eigenen Sprach- und Kulturkreis rekrutiert werden. Die ausländischen Spitzen-CEOs in Deutschland kommen beispielsweise aus Österreich, Dänemark und den Niederlanden. Auch Großfusionen ändern nichts an diesem Bild: Bei dem Pharmakonzern Pfizer, der 2002 den schwedischen Konkurrenten Pharmacia schluckte, sind neunzig Prozent der Aufsichtsratsmitglieder Amerikaner.

Man könnte nun einwenden, dass der Aufstieg an die Unternehmensspitze eben seine Zeit brauche und sich die Globalisierung erst mit der nachrückenden Generation in der Statistik niederschlage. Mit Blick auf die vergangenen zwanzig Jahre ist die Tendenz aber sogar rückläufig. Und aus der Statistik lässt nicht ablesen, dass internationalisierte Volkswirtschaften erfolgreicher sind. Hartmann sieht mit Blick auf die Internationalisierungsbilanz der Dax-Unternehmen eine Sättigung erreicht.

Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der populistischen Proteste gegen einen kosmopolitischen Liberalismus, der, wie Caspar Hirschi in der „Neuen Zürcher Zeitung“ schrieb, „Wettbewerb kultiviert und Abschließung praktiziert, Diversität predigt und Dissidenz bestraft, Demokratie sagt und Technokratie meint“, der sich in der Finanzkrise von dem vielgeschmähten Nationalstaat aus dem Sumpf ziehen ließ und sich hinterher erfolgreich der Verantwortung entzog, während Politik und Medien zur Zielscheibe des Elitenprotests wurden. Die Folgen der unaufgearbeiteten Finanzkrise für die politischen Krisen der Gegenwart sind, wie Hirschi schreibt, tatsächlich kaum zu überschätzen und geben dem Protest gegen das Establishment ein nicht zu entkräftendes Argument an die Hand.

Politik kann Kapitalflucht eindämmen

Hartmann verbrüdert sich aber nicht mit dem generalisierten Elitenprotest, sondern schließt, dass man einer Klasse, die es nicht gibt, keinen vorauseilenden Gehorsam leisten sollte. Zum Beleg, dass ein starker politischer Wille gegen das mobile Kapital sehr wohl etwas ausrichten kann, führt er eine Reihe erfolgreicher Maßnahmen zur Eindämmung von Kapitalflucht an: das Austrocknen von Steueroasen, die Aufhebung des Steuergeheimnisses in der Schweiz und die aktuellen Anstrengungen, Unternehmen wie Google und Facebook in Europa steuerlich zur Verantwortung zu ziehen. Das geht über die Reichweite seiner Untersuchung aber schon hinaus. Kapitalbewegungen hängen schließlich nicht davon ab, ob man sie vom Zürichsee oder von Oklahoma aus tätigt und Kontakte zum dortigen Jetset pflegt. Das ist aber nur ein kleiner Einwand gegen Hartmanns These.

Man wird nicht mehr daran zweifeln, dass kulturelle Beharrungskräfte gerade dort sehr ausgeprägt sind, wo sie totgesagt werden, und wirtschaftliche Entscheidungen weiter eine Ortsbasis haben. Wenn Politik und Medien nicht wollen, dass der Protest gegen das kosmopolitische Establishment auf sie zurückfällt, dann haben sie jetzt genug Material, um mit der Münchhausen-Geschichte vom globalen Manager, der immer schon auf dem Sprung zum nächsten lukrativen Jobangebot im Ausland ist, aufzuräumen und die Wirtschaft in die Verantwortung zu nehmen. Dem nächsten Unternehmensführer, der den unaufhaltsamen Aufstieg des globalen Nomadentums beschwört, kann man gelassen die Frage nach seinem Wohnort stellen.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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