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F.A.Z.-Weihnachtsempfehlungen: Sachbücher

Seid allzeit widerborstig und vorzeigbar

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Christine Eichel durchkämmt das deutsche Pfarrhaus, Florian Illies hat gesammelt, was 1913 gesagt und gedacht wurde, und Philip Norman erzählt alles über Mick Jagger. Dies und mehr in den F.A.Z.-Weihnachtsempfehlungen.

In einem Gespräch im Herbst 1977 mit den Regisseuren Alexander Kluge und Volker Schlöndorff erinnert sich Ilse Ensslin, sie habe ihre Tochter, als diese erst einige Wochen alt und noch nicht getauft war, entgegen der Weisung ihres Mannes der Sonne ausgesetzt. Das ungetaufte Bad in der Sonne aber, erklärt die Pastorengattin weiter, bedeute nach protestantischer Auffassung, die sich nicht mit der ihren decke, die Gefahr, dass das Kind vom Satan ergriffen werde. Ihre Tochter, führendes Mitglied der terroristischen Rote Armee Fraktion, war am Tag vor dem Gespräch beerdigt worden.

Die Reaktion der Mutter, schreibt Christine Eichel in ihrem Buch „Das deutsche Pfarrhaus“, symbolisiere „das erbarmungslose Entweder-oder des evangelisch-pietistischen Pfarrhauses“. Das ist der dunkelste Abgrund, in den hier für einen Augenblick geblickt wird, und einer der wenigen in diesem Buch, in dem vom Teufel oder von Glaubensfragen die Rede ist. Porträtiert werden vielmehr die Lebensumstände in jener institutionellen Bodenstation, die seit bald fünfhundert Jahren den Abwehrkampf gegen das Böse führt.

Aufrechte Fassade

Es gibt kein Vertun, die Liste der Pfarrer und Pfarrerinnen, ihrer Sprösslinge und Pflegekinder liest sich wie ein „Who’s Who“ der deutschen Geistesgeschichte. Um nur eine winzige Auswahl zu nennen seien angeführt: Gryphius, Gottsched, Lessing, Wieland, Matthias Claudius, Lichtenberg, Jean Paul, die Brüder Schlegel, Friedrich Schleiermacher, Schinkel, Nietzsche, C. G. Jung, Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Alfred Wegener, Theodor Mommsen, Heinrich Schliemann, Gottfried Benn, Hermann Hesse, Johannes Rau, Gudrun Ensslin, F. C. Delius, Meinhard von Gerkan, Hans W. Geißendörfer, Christoph Dieckmann, Elisabeth Niejahr, Franz Dinda und Katharina Saalfrank. Letztere hatten für die Autorin den Vorzug, noch ansprechbar zu sein.

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Als Luther durch Heirat die Lebensform Priester mit Ehefrau und Kindern verwirklicht, habe ihn dunkelste Verzweiflung über die verderbten Sitten der Geistlichen zu diesem Schritt getrieben, schreibt Eichel. Nietzsche kommt schon 1882 zu anderen Schlussfolgerungen; die Reformation sei „die Entrüstung der Einfalt gegen etwas ,Vielfältiges’“ gewesen. Luther habe „gerade das selber innerhalb der kirchlichen Gesellschaftsordnung“ gemacht, „was er in Hinsicht auf die bürgerliche Ordnung so unduldsam bekämpfte - einen ,Bauernaufstand’“. Immerhin: Luther war in der Ehe mit Katharina von Bora - er nannte sie nicht von ungefähr gelegentlich „Herr Käthe“ - das vergönnt, was seine Nachfolgerin Margot Käßmann „gelingendes Leben“ nennt.

Christine Eichel stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus in Niedersachsen. Ihre „inneren Bilder“, räumt sie ein, hätten den „Sepiaton der Nostalgie“. Und so folgt sie der Chronologie seit Luther und geht zunächst dem über Jahrhunderte recht starren familiären Binnenschema nach - der Vater und Pfarrherr als geistiges Zentrum, die Mutter als Hüterin des Hauses. Zusammen mit den Kindern lautet deren oberstes Gebot, „vorzeigbar“ zu sein. Immer aber steht der Vater im Vordergrund, der sich als „Liturg, Redner und Lehrer, Sozialarbeiter, Gemeindeverwalter und Bauherr, Jugendwart und Altenpfleger“ in Personalunion betätigt. Für die Frau bedeutet die aufrechtzuerhaltende Fassade auch, „nicht, wie unter Frauen üblich, intime Einblicke in ihr Ehe- und Familienleben“ zu geben.

Die Gehäuse von einst

Den Stempel, den das Pfarrhaus im Zeitalter der Aufklärung diesem Land aufgedrückt hat, die Rolle die es im Musikleben gespielt hat, die Köpfe, die es den Wissenschaften zugeführt hat, das alles wird ordnungsgemäß hier erzählt. Allerdings bleibt das Haus selbst mit Ausnahme einiger poetischer Reminiszenzen etwa von Gottfried Benn als physisches Objekt seltsam unbeleuchtet. Die Residenzpflicht der Pfarrer mag heute aufgeweicht sein, Jahrhunderte war diese Verpflichtung Anlass für klaustrophobische Anfälle, eben weil mit der Politik der stets offenen Tür Privatleben weitgehend ausgeschlossen blieb.

Die „professionstypische Durchmischung von Berufs- und Amtsleben“, so eine aktuelle Stellenbeschreibung der Evangelischen Kirche in Deutschland, ist nach Auffassung der Autorin eine Zumutung, wie sie nur noch „bestimmten Berufssoldaten“ vorgeschrieben werde. Auch kann sich das Pfarrhaus nicht der demographischen Entwicklung entziehen. Es gibt immer weniger Kinder, neuerdings auch Single-Pfarrhaushalte, die Gehäuse von einst sind vielfach zu groß. Mag Joachim Gauck einer vom alten Schlag sein, Margot Käßmann wird als Repräsentantin der neuen Zeit präsentiert. Selbst wenn sich ihr Mann, als sie ihre erste Pfarrstelle antrat, weigerte, im Gattenprogramm die Kirche zu putzen.

Abgeschobenes Pfarrhaus

Für die Kinder ist dieses Milieu häufig lehrreich, nicht selten aber auch belastend. Wie in einer Sozialstation spült das Leben Gottes Tierpark zu jeder Tages- und Nachtzeit an die Schwelle des Pfarrhauses. Um den Glauben oder Seelsorge geht es offenbar nur gelegentlich, meistens sind Nächstenliebe, Nahrung, Unterkunft gefragt. Das Sichlossagen von einem solchen Elternhaus, das Alleingängen kaum Raum gibt, hat bei vielen Pfarrerskindern große Energien verschlissen. Delegationsangst - übergroße Selbstansprüche der Eltern und daraus resultierender Zwang - suchte auch im Pfarrhaus den Ausweg in der Prügelstrafe.

“Dem gleichsam entkörperlichten Geisteswesen katholischer Prägung stand der evangelische Pfarrer gegenüber, der sich im Alltag von Haushalt, Kindererziehung und Ehe bestens auskannte.“ - Je weiter Christine Eichels Erzählung ausgreift, desto deutlicher wird, dass sie mit dem Buchtitel Lesertäuschung betreibt. „Das deutsche Pfarrhaus“ besteht nicht nur aus einem protestantischen, sondern auch aus einem katholischen Zweig. Das Ausklammern dieses Gegenübers lässt nicht nur den Titel pompös erscheinen; dem Buch fehlt inhaltlich eine Hälfte.

Heinz Schlaffer hat in „Die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ (2002) die herausragende Rolle der protestantischen Autoren in der Zeit von Klassik und Romantik herausgearbeitet, er hat aber auch darauf hingewiesen, dass dieser Hochzeit im zwanzigsten Jahrhundert die Dominanz von jüdischen und katholischen Autoren folgte, als - überspitzt formuliert - die Habsburger Monarchie das Pfarrhaus aufs Nebengleis schob. Protestanten sollen Zeitströmungen offener gegenüberstehen als Katholiken: Auf dem Weg in den Nationalsozialismus sind jedenfalls mehr Protestanten als Katholiken diesem Strom gefolgt. Dieses Versagen arbeitet das Buch nüchtern heraus.

Ein neuer Politikertyp?

Christine Eichel, Jahrgang 1959, oszilliert als Autorin zwischen E und U; zwischen Adorno, dem sie bei Herbert Schnädelbach ihre Doktorarbeit widmete, journalistischen Arbeiten fürs Fernsehen und dem Starfriseur Gerhard Meir, mit dem sie drei Romane schrieb. Als Koautorin hat sie ihre Freundin Eva Hermann unterstützt, die sich mit ihrem Plädoyer für Mutterschaft als Lebensprogramm so unbeliebt machte, dass sie ihren Posten bei der „Tagesschau“ aufgeben musste. Zuletzt war Eichel Redakteurin bei den Magazinen „Cicero“ und „Focus“.

Dementsprechend häufig zitiert sie aus Gesprächen mit Bewohnern der Fernseh- und Medienwelt. Als Fachkräfte für Protestantismus dienen wechselweise Arnulf Baring, Klaus Harpprecht, der Schauspieler Peter Lohmeyer und der Publizist Benjamin von Stuckrad-Barre. Innere Freiheit und Widerborstigkeit sind gewiss Qualitäten, die auch im Medienzirkus hilfreich sind. Dass die Autorin aber Elke Heidenreich als Widerstandskämpferin gegen die ZDF-Intendanz feiert, weil sie die Sendung „Lesen!“ nicht kommentarlos aufgeben wollte, wirkt doch überinterpretiert.

Wie steht es also heute mit dem Pfarrhaus, ist es noch der „Hort von Geist und Macht“, wie es der Untertitel vollmundig intoniert? Eichels These lautet: Das Pfarrhaus scheut die Macht nicht länger. Als Belegexemplare dienen vorwiegend ostdeutsche Politiker, allen voran Angela Merkel und Joachim Gauck, dann Reinhard Höppner, Katrin Göring-Eckardt, Christine Lieberknecht, Rainer Eppelmann, Richard Schröder, Markus Meckel. Ein neuer Politikertyp sei im Osten entstanden „dessen Ethos niemand in Frage stellen wird“, prophezeit Eichel. Die Kanzlerin agiere „wie ein Pfarrer, der nicht geliebt werden will, sondern respektiert“. Pfarrerstochter Merkel, Pastor Gauck: Im Kielwasser der Staatsspitzen ziehe eine „protestantische Kultur“ herauf.

Sprachliche Ausweichmanöver

Diese neue Kultur lädt in ein offenes Haus, das sich durch Debattierfreude, Pflichtgefühl, Luxusverzicht und Selbstdisziplin auszeichnet. Hinter der Fassade drohten aber auch Strenge, Selbstgerechtigkeit, Sinnenfeindlichkeit und ein Mangel an Eleganz. Eichel hat - anders als Peter Sloterdijk - Sympathien für den Predigerton des Bundespräsidenten; bezaubert ist sie von der Nüchternheit der Kanzlerin. Die Heilserwartung, die sie dem Protestantismus aufbürdet, ist stattlich. Dabei hat das Pfarrhaus existentielle Probleme, wenn es seinen Fortbestand sichern will.

“Bis heute ist Sprachsensibilität auch im säkularen Kontext ein wichtiges Instrument der Identitätsvergewisserung“, heißt es im Kapitel über das Pfarrhaus als „Sprachtempel und Wissensspeicher“. Mangelnde Entschiedenheit in der Sache sucht hier gern das sprachliche Ausweichmanöver. Allzu oft wird gemeint und vermutet, „vielleicht“, „wohl“ und „scheint es“ verwendet.

Als Quelle dient oft ein anonym bleibender „ein Pfarrer“ - weshalb diese Zurückhaltung, die sie auch gegenüber Zahlen und Fakten übt? Man würde in einem Sachbuch gern erfahren, von wie vielen solchen Häusern eigentlich (noch) die Rede ist, wie sich die finanzielle und spirituelle Situation der Pfarrer und ihrer Gemeinden darstellt. So hinterlässt die Lektüre das Gefühl, der Volksmund kenne die Zusammenfassung der dreihundertfünfzig Seiten längst: „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh, geraten selten oder nie. Wenn dann doch mal eins gerät, ist’s von erlesener Qualität.“

Hannes Hintermeier

Christine Eichel: „Das deutsche Pfarrhaus“. Hort des Geistes und der Macht. Quadriga Verlag, Köln 2012. 320 S., geb., 22,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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