Hörbuch

Was träumt der Kopfsalat im Mondenschein?

Von Wolfgang Schneider
 - 22:39

Als W.G. Sebalds letztes und umfangreichstes Werk „Austerlitz“ im Jahr 2001 erschien, sorgte gerade die Popliteratur für einigen Wirbel. „Austerlitz“ wirkte dagegen in Form und Inhalt wie aus der Zeit gefallen – und gerade deshalb auch international faszinierend.

Denn was die Welt von deutschsprachigen Autoren damals erwartete (und bis heute hat sich wenig daran geändert), ist keine popkulturelle Leichtigkeit. Ernst und düster soll die deutsche Prosa sein, mit der Historie dräuend. Für viele Leser in England und vor allem den Vereinigten Staaten ist der kurz nach dem Erscheinen von „Austerlitz“ bei einem Autounfall verstorbene Sebald der bedeutendste deutschsprachige Autor nach Günter Grass und Thomas Bernhard. 1944 geboren, ist er in seinen Werken fixiert auf die von den Deutschen angerichtete Katastrophe, die er aber nicht als rein deutsche Angelegenheit betrachtet: Sie hat sich aus der europäischen Geschichte heraus entwickelt und wieder in die europäische Geschichte „hineingefressen“ – ein riesiges „Netzwerk des Schmerzes“.

Schicksalsspur eines Überlebenden

„Austerlitz“ handelt von einem Überlebenden. Im Bahnhof von Antwerpen trifft der Ich-Erzähler 1967 auf einen Mann, der die grandiose Architektur der Halle studiert und mit dem er bald ins Gespräch kommt: Jacques Austerlitz, ein Gelehrter mit der gewissen Wittgenstein-Ähnlichkeit. Der Erzähler gerät in den Bann dieses Fremden, den er in den folgenden Jahren und Jahrzehnten wie zufällig wiedertrifft an verschiedenen Orten Europas. Bei jeder dieser Begegnungen enthüllt Austerlitz mehr von seinem Denken und Leben, dessen Anfänge ihm selbst entglitten sind. Geboren als Kind jüdischer Eltern in Prag, wurde er im Alter von vier Jahren, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, mit einem „Kindertransport“ nach England geschickt, wo er im Haus eines walisischen Predigers aufwuchs, ohne Erinnerung an seine wahren Eltern, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

Austerlitz ist ein Geretteter, aber doch zeitlebens gezeichnet von Depression, Einsamkeit und psychischen Zusammenbrüchen. Sein merkwürdiges Fasziniertsein von Monumentalarchitektur – Festungsanlagen, Justizpaläste und die großen Bahnhofshallen, die er seit je als „Glücks- und Unglücksorte“ empfindet – hat einen autobiographischen Hintergrund, dem er allmählich auf die Spur kommt. Es ist diese Schicksalsspur, die der dokumentarisch-essayistische Roman verfolgt bis in das nationalsozialistische Lager von Theresienstadt, wohin die Mutter von Austerlitz deportiert wurde.

Zweifellos ist Sebald einer der herausragenden Stilisten der jüngeren deutschsprachigen Literatur. Seine elegante Prosa mit ihren weit ausschwingenden, musikalisch rhythmisierten Satzbögen ist nicht nur ein Lese-, sondern auch ein Hörgenuss. Leider gibt es bisher nur wenige Sebald-Hörbücher. Wenn nun von Michael Krüger – als Hanser-Chef war er lange der Verleger des Autors – eine ungekürzte „Austerlitz“-Lesung erscheint, ist das mehr als ein Freundschaftsdienst. Krüger, der bedeutende Hörbuch-Editionen wie die „Lyrikstimmen“ herausgegeben hat, ist dem Medium eng verbunden und selbst ein außergewöhnlicher Vorleser, der die Hörer mit warmem Timbre und feinem Sinn für die Satzmelodien der Sebald-Prosa in den Bann zieht. Sein Vortrag hat nichts von schauspielernder Routine, vielmehr gewinnt er seine Ausdruckskraft und die Treffsicherheit der Pausen und Betonungen aus der innigen Vertrautheit mit dem Text, seinen Hintergründen und Zusammenhängen.

Stifter und Thomas Bernhard

Sebald inszeniert in „Austerlitz“ allerdings kein romanhaftes Geschehen; vor allem verzichtet er auf herkömmliche Dialoge, schon deshalb, weil er, der seit 1966 in England lebte und lehrte, sich in seinem „Exil“ vom aktuell gesprochenen Deutsch zunehmend entfernte. Stattdessen bevorzugte er die Form des Berichts, in einer kunstvollen Sprache, die sich an Vorbildern aus dem neunzehnten Jahrhundert wie Adalbert Stifter orientiert, aber auch einige Manierismen Thomas Bernhards übernimmt, vor allem den „periskopischen“ Stil, also die Relativierung und Brechung des Erzählten durch die Einschaltung oft mehrerer hintereinander gestaffelter Erzählerfiguren („sagte Vera, sagte Austerlitz“). So löst sich die Narration in ein Hörensagen auf; zugleich lässt sich durch dieses Stilmittel dem Bericht aber auch eine starke subjektive Leidenschaft beigeben, jene notorische „Erregung“, die viele Bernhard-Figuren kennzeichnet.

Dieses Pathos verstärkt sich noch, wenn eine zentrale Passage in „Austerlitz“, die Darstellung des trügerischen Alltags und der grotesk wuchernden Bürokratie in Theresienstadt, in einen zehnseitigen Satz mündet, dessen Darbietung Michael Krüger eine Höchstleistung an akustischer Strukturierung abverlangt. Dennoch schleicht sich in das Pathos hier ein falscher Ton ein, was jedoch nicht an Krüger liegt. Austerlitz hat im Zuge seiner Familien- und Herkunftsforschung ja erst spät im Leben damit begonnen, sich mit Theresienstadt zu beschäftigen. Er hat zu diesem Zweck H.G. Adlers bahnbrechendes Standardwerk über das Getto („Theresienstadt – Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“) akribisch studiert.

Hingerissen hört man dem Vorleser zu

Um jedoch wiederzugeben, was Austerlitz in einem wichtigen Buch der Holocaust-Forschung gelesen hat, wirken der erzählerische Relativierungs- und Pathos-Apparat und die atemlose Suada (der Zehn-Seiten-Satz!) ein wenig überinstrumentiert. Auch die bei Austerlitz wirksame Psychodynamik von Kindheitsverdrängung und den in Schlüsselmomenten aufblitzenden Erinnerungs-Flashbacks scheint einer etwas klischeehaften Idee von Traumabewältigung geschuldet – wie es sich der psychoanalytisch vorgebildete Laie eben so vorstellt. Das nimmt dem Roman aus dem zeitlichen Abstand doch ein wenig von seiner Meisterwerks-Aura.

Sebalds feinnervige Prosa aber ist überzeugender als seine Geschichtspädagogik. Hingerissen hört man zu, wenn Michael Krüger die Passagen über die Motten liest, diese Parias unter den Kleinschmetterlingen, für die Austerlitz ebenfalls eine Obsession entwickelt. Geradezu andächtig erzählt er von dem Falter, der sich in sein Haus verflogen hat und nun reglos auf der Wand sitzen bleibt, bis er stirbt. Die Leiden der Geschichte sind bei Sebald – und das ist vielleicht das Faszinierendste an seinen Werken – eingerahmt von der Naturgeschichte. Das Kreatürliche führt diesen Erzähler immer wieder über den Menschen hinaus: „Wer weiß“, sagt Austerlitz an einer Stelle, „vielleicht träumen auch die Motten und der Kopfsalat im Garten, wenn er zum Mond hinaufblickt in der Nacht.“

W.G. Sebald: „Austerlitz“. Ungekürzte Lesung von Michael  Krüger. 9 CDs, 680 Min. Hörverlag, München 2017. 20,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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