Janet Frame: „Wenn Eulen schrein“

Gesicht aus Maschendraht

Von Sabine Doering
 - 16:50

Sie träumen von Märchenprinzen und Aschenputtels goldenem Schuh, doch ihre Schätze finden sie auf der stinkenden Müllhalde: halbverbrannte Bücher, kaputte Fahrräder, alte Autoreifen. Die vier Kinder der Familie Withers sind arm; zusammen mit ihren Eltern, dem Eisenbahner Bob und seiner Frau Amy, sehnen sie sich nach einem besseren Leben. Ihre Heimat ist die kleine aufstrebende neuseeländische Stadt Waimaru, wo in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg - man ist im Land der allgegenwärtigen Schafzucht - die Wollspinnerei, die großen Schlachthöfe und die Gefrierhäuser florieren.

In der Schule aber bringt man den Kindern die alten europäischen Werte bei: französische Grammatik, mittelalterliche Geschichte und Shakespeare-Verse, so, als erfordere das Leben dort, in der Mitte zwischen Äquator und Südpol, dieselben Kenntnisse wie im traditionsreichen Europa. Francie, die Älteste der Withers-Kinder, darf bei der Schulaufführung als Johanna von Orléans auftreten, muss aber im Alter von zwölf Jahren mit dem Lernen aufhören und als Hausmädchen in der Nachbarschaft arbeiten, um endlich eigenes Geld zu verdienen. Zusammen mit ihren Geschwistern zitiert sie noch immer die anheimelnden Verse aus Shakespeares „Sturm“, denen der Roman seinen Titel verdankt: „Wie die Bien’, saug ich mich ein, / Bette mich in Maiglöcklein, / Lausche da, wenn Eulen schrein.“

Karrikatur einer Hausfrau

Geborgenheit vor dem bedrohlichen Schrei der Eule und anderen Gefahren gibt es aber, so lautet die traurige, paradoxe Gewissheit dieses Romans, nur in der Literatur. Denn kaum hat Francie ihren ersten Arbeitslohn ausgegeben, verunglückt sie tödlich, ausgerechnet auf jener Müllhalde, die den Kindern doch Glück bringen sollte. Auch ihre Geschwister warten vergeblich auf den Erfolg, von dem sie einst geträumt haben.

Toby, der einzige Sohn der Familie, behält sein Leben lang das Stigma, ein Epileptiker zu sein. Als Schrotthändler kommt er zwar zu Geld, findet aber keine Frau, denn er verschreckt die Mädchen mit seinem unbeholfenen Auftreten und ungepflegten Äußeren. Die sensible Daphne wird von den Ärzten als geisteskrank erklärt und muss jahrelang in einer psychiatrischen Klinik leben, bis man sie einer Hirnoperation unterzieht, die ihre gesamte Persönlichkeit verändern wird. Chicks, die Jüngste der Withers-Familie, der man früher immer die Steine aus den Schuhen schütteln musste, scheint durch eine passende Ehe immerhin den sozialen Aufstieg geschafft zu haben. Der Preis dafür ist freilich hoch, denn sie entwickelt sich mehr und mehr zur Karikatur einer seelenlosen modernen Hausfrau.

Literatur als Lebensrettung

Es ist ein düsteres Familiengemälde, das Janet Frame in ihrem ersten Roman entwarf, der 1957 entstand und nun - in behutsamer Überarbeitung der ersten, längst vergriffenen deutschen Übersetzung - hiesigen Lesern endlich wieder zugänglich geworden ist. Die Autorin, die 1924 im neuseeländischen Dunedin geboren wurde und dort 2004 starb, hat in die Geschichte der vier Withers-Kinder viel von ihren eigenen Erfahrungen einfließen lassen. Auch Janet Frame wuchs in einer armen Eisenbahnerfamilie auf, ihr Bruder litt an schweren epileptischen Anfällen, ihre beiden Schwestern ertranken bei einem Badeausflug. Davon erzählt Janet Frame in ihrer grandiosen dreiteiligen Autobiographie „Ein Engel an meiner Tafel“ (eine deutsche Neuausgabe erscheint in diesem Herbst), vor allem aber von ihrem eigenen Schicksal, das dem ihrer empfindsamen Romanfigur Daphne gleicht.

Als junge Frau musste Janet Frame acht Jahre in Nervenheilanstalten verbringen, weil man bei ihr zu Unrecht eine Schizophrenie diagnostiziert hatte. Die Behandlung mit zahlreichen Elektroschocks war die Folge. Vor einer Lobotomie, jener neurochirurgischen Operation, die in den fünfziger Jahren als wahres Wundermittel der Psychiatrie galt und die im Roman aus der phantasievollen Daphne eine angepasste Fabrikarbeiterin werden lässt, bewahrte Janet Frame allein der Umstand, dass ihr unerwartet ein Preis für eine ihrer Kurzgeschichten zugesprochen wurde - was ihre Ärzte glücklicherweise von dem bereits fest geplanten Eingriff in ihr Gehirn zurückschrecken ließ. So musste Janet Frame die Literatur tatsächlich als lebensrettendes Medium erfahren. Als Autorin von Gedichten, Kurzgeschichten und einem Dutzend Romanen wurde sie später weit über Neuseeland hinaus bekannt und galt vor ihrem Tod sogar als aussichtsreiche Anwärterin für den Literaturnobelpreis.

Anteilnahme am Schicksal der Figuren

Ihren literarischen Ruhm erlangte Janet Frame vor allem durch den poetischen Ton ihrer Prosa, der bereits diesen ersten Roman bestimmte. Die realistischen Schilderungen aus dem neuseeländischen Kleinstadtleben werden immer wieder durch lyrische Passagen unterbrochen; vielfache Perspektivwechsel illustrieren, wie sehr alles Geschehen vom subjektiven Erleben abhängt. Besonders anschaulich wird dies, wenn es um Daphnes Erfahrungen in der psychiatrischen Klinik geht. Dort bemüht man sich zwar um moderne Behandlungsmethoden, veranstaltet für die Patientinnen Tanztees und Ausflüge, doch aus der Sicht der Erzählerin sind das alles groteske Unternehmungen: „Zuerst ließ das Picknick sich sehr gut an. Die auserwählten Patienten saßen, geschniegelt und geputzt, wie tote, angezogene Weihnachtspuppen in einem Schaufenster der Welt und warteten darauf, dass jemand sie auswählte und nahm und aufzog, damit sie gingen und sprachen und tanzten und lebendig wurden.“ Die Oberin der Anstalt wird in Daphnes Wahrnehmung geradezu zu einem expressionistischen Gemälde: „eine Frau mit grauem Haar und einem Gesicht wie aufgewickelter Maschendraht und Augen aus Sandstein“.

Solch plastische Schilderungen werden bei Janet Frame nie zum artistischen Selbstzweck, sie sind vielmehr Ausdruck ihres großen Einfühlungsvermögens. Die Geschichte von den vier unglücklichen Withers-Geschwistern, die von der Müllhalde aus und mit Shakespeare im Ohr ihr Glück suchen, ohne es je zu finden, beeindruckt auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung, durch die Anteilnahme, die die Autorin am Schicksal ihrer Figuren nimmt, ohne je in sentimentale Klischees zu verfallen.

Janet Frame: „Wenn Eulen schrein“. Roman. Aus dem Englischen von Ruth Malchow, überarbeitet von Karen Nölle. C.H. Beck Verlag, München 2012. 288 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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