Ketil Bjørnstad: „Die Unsterblichen“

Gleichgewicht des Familienterrors

Von Klaus Birnstiel
 - 16:00

Wenn die Alten nicht sterben wollen und die Jungen nicht leben, wohin dann die, die dazwischenstehen und mit den Armen rudern? Thomas Brenner ist Arzt am Holmenkollen, jener besseren Gegend Oslos, in der die arrivierte obere Mittelschicht Norwegens ihre schmucken Häuser stehen hat. Auf die sechzig geht er zu, ein Mann in den sogenannten besten Jahren also, und in etwa so alt wie sein Autor, der norwegische Pianist und Schriftsteller Ketil Bjørnstad, der in diesen Tagen sechzig Jahre alt wird. In seinem Roman „Die Unsterblichen“ macht Bjørnstad seine eigene Alterskohorte zum Thema. Eingeklemmt zwischen der Fürsorge für die unsterblichen Alten und die immer zu jungen Kinder, die nicht erwachsen werden, geht dieser Sandwich-Generation Stück für Stück das eigene Leben verloren. Bjørnstads „Unsterbliche“ sind das eindringliche literarische Protokoll der Implosion einer Lebenswelt.

Thomas Brenner, Arzt wie gesagt, Familienvater, Sohn, Schwiegersohn und Ehemann, ist glücklich verheiratet mit seiner Jugendliebe Elisabeth, die, nach anfänglichen Gehversuchen als Schriftstellerin, sich dem Familienzusammenhalt verschrieben hat, ihre Berufstätigkeit aufgibt und sich der Pflege ihrer Eltern, des früheren Immobilienmaklers Kaare, und Tulla, einer ehemaligen, weltläufigen SAS-Stewardess, widmet. Familie Brenner wohnt im Haus von Thomas’ Schwiegereltern, die Alten oben, die Jüngeren unten.

Kaum Zeit für Eigenes zwischen Arztpraxis und Mehr-Generationen-Haus

Zwei Töchter hat das Ehepaar, Line und Annika, beide in den zwanzigern, und beide weigern sich hartnäckig, flügge zu werden: Während Line auf Kosten der Eltern das mittelspannende Leben des modernen Großstadtsingles lebt, versteckt sich Annika, die Jüngere, in ihrem Kinderzimmer, kultiviert ihre Weltflucht und ihren Kummerspeck. Als Silberschmiedin versucht sie sich, doch außer einigen plumpen Ohrringen bringt sie kaum etwas zustande. So etwas wie ein bürgerlicher Beruf oder gar ein Mann zeichnet sich für die Schwestern nicht ab. Lines Leidenschaft ist das Tanzen, und der Vater, welcher das spätadoleszente Leben nolens volens finanziert, hat erkennbar Schwierigkeiten damit, Begeisterung aufzubringen für das „Tanzinstitut“, das Line besucht und hinter dessen Namen sich in Wirklichkeit die Trostlosigkeit der Existenz in die Jahre gekommener Selbstverwirklicher verbirgt.

Projektemacher, Künstler wollen sie sein, die Menschen, welche die überschaubare Off-Szene Oslos bevölkern, doch in den Augen Thomas Brenners sind sie lediglich gealterte Hippies und verzweifelte Hausfrauen im matten Spätsommer, welche die ebenso matte Jugend mit kindischen Träumen vom großen Erfolg an sich binden - Kulturschaffende des zweiten Bildungswegs mit dem Kopf voller unausgegorener Ideen und ohne eine müde Krone in der Tasche: „In der Regel hatten sie bisher mit ganz anderen Dingen zu tun gehabt, aber dann diese Halle gefunden, dieses Fischerdorf, dieses Gehöft und erkannt, dass hier der perfekte Ort war für ein Institut, ein Museum, einen Kontemplationstempel, eine Buchhandlung oder eine Akademie, und von diesem Moment an waren sie Enthusiasten, die sich in der einheimischen Bevölkerung für unentbehrlich hielten. Ihre Augen leuchteten, und sie redeten wie ein Wasserfall.“

Doch nicht nur die Kinder brauchen Aufmerksamkeit, sondern auch und vor allem die eigenen, unsterblichen Eltern, Tulla und Kaare auf Elisabeths Seite, Gordon und Bergljot bei Thomas. Eigentlich hat man sich gut eingerichtet im „Gleichgewicht des Terrors“, wenn die Fürsorge für die Eltern auch zunehmend den Lebensrhythmus der Familie bestimmt: „Montagvormittag putzte Elisabeth das Haus in Dagaliveien, während Thomas sich darum kümmerte, daß Gordon in seinen Bridgeclub kam. Dienstagnachmittag kaufte Thomas für seine Eltern ein und fuhr kreuz und quer durch die Stadt, um die gewünschten Produkte zu besorgen. Mittwoch fuhr Elisabeth ihre Mutter zur Physiotherapie, während Thomas sich darum kümmerte, daß sein Vater den obligatorischen Spaziergang hinauf zur Sprungschanze und zurück machen konnte.“ Und so geht es weiter, dann soll Wochenende sein, doch für Eigenes bleibt kaum Zeit zwischen Arztpraxis und Mehr-Generationen-Haus.

Ein nachdenkliches, trauriges, tragisches Buch

Thomas Brenner aber wird inzwischen selbst alt. Anzeichen einer schweren Herzerkrankung ignoriert er, solange er kann. Stattdessen kümmert er sich um die Vorbereitungen für Elisabeths Sechzigsten, bugsiert die duldsame Mutter ins Pflegeheim, in dem es nach aufgewärmtem Essen und Urin riecht, und ringt mit dem störrischen Vater, der stur ins Telefon brüllt. Eine Reise nach Chicago wird geplant und angetreten, ein Geschenk zu Elisabeths Geburtstag, eine Spurensuche auf den Wegen des amerikanischen Jahrhundertschriftstellers Saul Bellow, ihrem lebenslangen Vorbild. Nicht erst am Lake Michigan aber gerät Thomas ins Schlingern, der eben noch als engagierter Hausarzt mit dem königlichen Verdienstorden ausgezeichnet werden sollte und sich auf einmal durch die Boulevardpresse gezogen sieht. Eine junge Mutter, die Schlafmittel für ihr Kleinkind verlangte, hat er der Praxis verwiesen und ihr dabei noch einige unangenehme Wahrheiten über sexuelle Selbstbestimmung und familiäre Verantwortung um die Ohren geschlagen. Nun ist von Sexismus und Ähnlichem die Rede, und die lange geplante Reise steht unter mehrfach ungutem Stern. Zu Hause stolpern die Alten von einer Gesundheitskrise in die nächste, und im unbedingten Willen, der eigenen Familie ein paar Augenblicke gemeinsamen Glücks zu sichern, verliert Thomas Brenners Herz zunehmend die Kraft.

Mit „Die Unsterblichen“ ist Ketil Bjørnstad ein erst unscheinbares, dann großes Buch gelungen. Mittelschichtsprobleme? Die Sache liegt tiefer. Dass die Alten nicht abtreten wollen und die Jungen Angst haben vor der eigenen Courage, dieser Konstellation begegnet man in diesem großen Stück realistischer Literatur nicht zum ersten Mal. Wie sehr aber das methusalemische Altern der eigenen Eltern und die Aussicht auf verfrühten Verfall und beklemmende Agonie die mittleren Generationen der westlichen Gesellschaften beschäftigt und noch beschäftigen wird, davon zeugen die eindringlichen Physiognomien von Bjørnstads Figurenensemble. Das Zaudern der Jungen, zwischen dem Anspruch auf Sorglosigkeit und der Furcht vor dem Absturz ins Prekariat, das macht es nicht einfacher für die bemühten Väter in der Mitte, deren eigenes Leben sich als buchstäblich in der Klemme steckend erweist. Ketil Bjørnstad aber beobachtet und beschreibt genau, sprachlich präzise und klar im Gedanken, und so gelingt ihm ein nachdenkliches, trauriges, tragisches Buch - ein Buch, das nachhallt.

Ketil Bjørnstad: „Die Unsterblichen“. Roman. Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 303 S., geb., 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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