Krimi „Alles so hell da vorn“

Von woher komme ich und wenn ja, warum?

Von Rose-Maria Gropp
 - 23:06

In der „Sexy Bar“, dem auf den ersten Blick bloß miesen Bordell einer Frankfurter Vorstadt, wird ein Kunde erschossen. Er pflegte dort in seiner Dienstuniform aufzutauchen, seine Dienstpistole ist die Tatwaffe, die Täterin ist eine Zwangsprostituierte, beinah noch ein Kind, die sich „Manga“ nennt. Sie nimmt die Polizeipistole mit, tötet dann noch einen Luden, nimmt dessen Mobiltelefon und Autoschlüssel und flieht in seinem Wagen. Doch vorher alarmiert das grelle Mädchen die Polizei.

Weil es sich bei dem Stammkunden um einen Kriminalkommissar aus Ludwigshafen handelt, wird auch Bettina Boll, Kommissarin in Ludwigshafen, mitten in der Nacht an den Tatort im benachbarten Bundesland Hessen gerufen. Der Tote ist ihr Kollege Ackermann. Mit ihm hatte Boll eine Freundschaft verbunden, was nichts einfacher macht für sie.

Während der Roman die anlaufenden Ermittlungen schildert, sind immer wieder Passagen aus der Perspektive der flüchtigen Manga eingefügt. Die hat den Kia des Zuhälters inzwischen stehen gelassen und trampt mit einem übergriffigen Trucker weiter bis zum Rastplatz Höhbrücken. Im – fiktiven – Kaff Höhbrücken im Landkreis Pirmasens in der Südwestpfalz schlägt sich Manga, noch immer in ihrem Kindhuren-Outfit, durch bis zur Dorfschule. Dort erschießt sie in der Turnhalle, wo Lehrer, Kinder und Eltern gerade einer Vorführung der Polizeipuppenbühne des Polizeipräsidiums Westpfalz zuschauen, den Direktor, der Gutvatter heißt. Und lässt sich danach widerstandslos festnehmen. Was für eine Packung ist das denn?

Sie ist ein Superbulle

Inzwischen weiß der alarmierte Leser auch mehr über die Kommissarin. Bettina Boll arbeitet eigentlich halbtags – welche Frau, die halbtags arbeitet, arbeitet aber nur halbtags? –, sie lebt mit „ihren Kindern“ Sammy und Enno – die sie zu sich genommen hat, weil deren Mutter, Bolls Schwester, tot ist. Sie läuft in Motto-T-Shirts, Jeans und Cowboystiefeln herum, und sie fährt einen Ford Taunus TC aus den Siebzigern. Kurz, Monika Geiers Serienheldin ist nicht die klassische Polizistin. Sie ist ein Superbulle, weibliche Variante. Emotional, also voller Gefühle und Mitgefühl; eigensinnig, also zur Insubordination neigend; nur bedingt teamfähig, also enorm effizient, wenn sie eine Fährte aufgenommen hat.

Mit „Alles so hell da vorn“ liefert Geier jetzt ein ziemlich meisterliches Stück über die unberechenbare Kommissarin ab. Der Roman hat prompt den Spitzenplatz der Krimibestenliste erobert. Boll agiert in einem von Männern dominierten dienstlichen Umfeld, das sich als korrupt erweist, getrieben von kriminellen Neigungen. Der Leser folgt Boll auf Schritt und Tritt, selbst wenn sie ihre Grenzen überschreitet. „Bulle Tina“ – wie sie Olga nennt, eine der anderen Zwangsprostituierten, die in der „Sexy Bar“ auf widerliche Art als Verfügungsmasse gehalten werden – ist als Charakter durchgearbeitet.

Unter der Behäbigkeit lauert das Böse

Und diesen Sumpf von Kollaboration und Vertuschung, der Mitglieder der Polizei mit den Verbrechern verbindet und von dem Boll selbst anfangs nichts ahnt, beschreibt Monika Geier nahezu liebevoll – nämlich mit gelegentlich bis zum Sarkasmus zugespitzter Ironie. Was die Fallhöhe des Romans nur verstärkt, der in die Abgründe von Kindeshandel und Kinderprostitution führt – für die die Provinz eher ein Nährboden sein kann, als dass sie davor schützen würde. Denn nicht nur Mangas Morde sind aufzuklären, sondern es wird eine Soko gebildet, die außerdem das spurlose Verschwinden des kleinen Mädchens Peggie vor zehn Jahren in Höhbrücken wieder aufrollen soll.

Was die Autorin richtig gut kann, ist, eine Atmosphäre oberflächlich scheinbarer Behäbigkeit zu schildern, unter der das Böse lauert. Dieses Böse entpuppt sich nur langsam. Da sind die Zustände im Ludwigshafener Kommissariat mit seinem todkranken Chef, dem sich Boll verpflichtet fühlt. Da sind die Bewohner von Höhbrücken, deren Erinnerungsvermögen stark getrübt ist. Und da ist die, offenbar routinemäßig, schale Betriebstemperatur der Kollegen in Pirmasens, die Bettina Boll zur Weißglut treibt. Monika Geier – 1970 in Ludwigshafen geboren und heute in Kaiserslautern lebend – nimmt sich heraus, diesen Kontrast zu verschärfen, indem sie Bolls feindselige Kollegen im pfälzischen Dialekt sprechen lässt. Das hat zwar eine gewisse Komik, ist aber nicht ohne Risiko, ein leiser Hauch von Herablassung bleibt.

Seelische Qualen von verkauften Mädchen

Die Handlungsstränge verschränken sich zunehmend, dennoch bringt die Auflösung mehr als nur eine überraschende Wendung. Eine Menge des Geschehens im Hintergrund, damals wie heute, muss sich der Leser zusammenreimen. Es geht um die üble Erfahrung, dass Verbrechen mit Kinderprostituierten nicht an den Rändern, sondern in der Mitte unserer Gesellschaft geschehen. „Alles so hell da vorn“ führt in die seelischen Qualen von verkauften Mädchen, die nicht wissen, wie sie einmal geheißen haben, von wo sie gekommen sind, wer sie verschleppt hat. „Die ,Sexy Bar‘ war gar kein dreckiges Bordell“, heißt es an einer Stelle: „Das war nur die Tarnung. In Wahrheit war sie eine dreckige Endstation. Sie war der Ort, an den Mädchen wie Nini, Olga und Manga kamen, wenn sie nicht mehr klein und niedlich waren.“

Was freilich nicht plausibel wird auf mehr als vierhundert Seiten, ist der Titel des Romans. Er lässt sich immerhin symbolisch lesen, als ein Bild dafür, dass auch die dunkelste Reise einmal aus dem Tunnel herausführen kann. Es bleiben einige Handlungsfäden liegen, dahinter steht gewiss System. Wer Bettina Boll mag, wird auf ihren nächsten Auftritt warten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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