Raymond Carver: „Beginners“

Sein Lektor machte ihn zum Markenartikel

Von Paul Ingendaay
 - 12:30

Der amerikanische Erzähler Raymond Carver genoss seinen Ruhm sieben Jahre lang. Ausgelöst wurde die Begeisterung 1981 durch den Storyband „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“. Carver avancierte zur Kultfigur eines neuen lakonischen Stils, er war der Porträtist des armen weißen Amerika, dessen Helden sprachlos gegen Scheidungen, Suff, Verzweiflung und unbezahlte Rechnungen ankämpfen. Es war die Welt, der Carver selbst entstammte und der er nur durch Schreiben entfliehen konnte. 1988 starb der Autor, fünfzigjährig, an Krebs.

Zehn Jahre später machte der Journalist D.T. Max im „New York Times Magazine“ öffentlich, wie weit die Beteiligung des Lektors Gordon Lish an dem Band „Wovon wir reden...“ tatsächlich ging. Seitdem ist der Fall einer höchst komplexen Autorschaft zum Gegenstand von philologischen Untersuchungen geworden. Lish behauptete zu Recht, er habe am Erfolg des Buchs entscheidenden Anteil gehabt. Wie es dem Original ohne seine Bearbeitung auf dem Markt ergangen wäre, darüber lässt sich nur spekulieren.

Der Autor ließ ihn gewähren

Jetzt ist in literarisch sehr versierter Übersetzung der Band „Beginners“ erschienen, der die siebzehn Erzählungen aus „Wovon wir reden...“ erstmals vollständig in Carvers ursprünglicher Version präsentiert. Die lektorierte Fassung von 1981 wird deshalb aber nicht zurückgezogen. Vielmehr existieren die beiden Bücher nebeneinander, und auch die kanonische Klassikerreihe der Library of America (2009) bringt beide Fassungen. Ein singulärer Fall und eine blühende Spielwiese nicht nur für Literaturseminare, sondern für alle, die sich für den Schreibprozess interessieren. Welchen Anteil also hat Lish an der unverwechselbaren Stimme eines bedeutenden Erzählers? Und was haben wir vom Original-Carver ohne Lish-Bearbeitung zu halten? Um es sofort zu sagen, es geht nicht um Kinkerlitzchen, sondern um zwei grundverschiedene Bücher.

Die frühe Version ist gut doppelt so lang wie die veröffentlichte Lektoratsfassung. Bei manchen Geschichten strich Lish vierzig Prozent, in zwei Fällen sogar fast vier Fünftel des Originals. Er änderte den Plot, vereinfachte das Vokabular, verknappte die Dialoge, eliminierte Reflexionen, Abschweifungen und Binnengeschichten; drei Viertel aller Stories erhielten unter seinen Händen einen neuen Schluss. Seine Homogenisierungsarbeit ist ein Meisterwerk. Lish wollte auch nicht, dass in den Stories zu viel geweint wird, gebetet schon gar nicht, obwohl manche von Carvers Figuren das nun einmal tun: sie weinen und beten. Weg damit! In der Erzählung „Wo stecken sie alle?“ reflektiert der Ich-Erzähler über eine Stelle bei Italo Svevo. Der Lektor warf sie hinaus. Der Arbeiterschriftsteller Carver sollte keine literarische Bildung demonstrieren. Gordon Lish, soviel ist klar, verstand sich als Toningenieur und Produzent des Carver-Sounds.

Durfte er das tun? Selbstverständlich. Der Autor ließ ihn ja gewähren, ob aus Trägheit, Harmoniebedürfnis oder Vertrauen, ist unerheblich. Der Schriftsteller und sein Lektor, sie brauchten einander, und mehr als zehn Jahre hindurch war ihre Arbeitsbeziehung erfolgreich. „Du, mein Freund, bist für mich der ideale Leser“, schrieb Carver an Lish im September 1977, „Du warst es immer und wirst es immer sein.“ Da lag die Erzählsammlung „Will You Please Be Quiet, Please?“, mit der Carvers steile Karriere begonnen hatte, ein Jahr zurück, und natürlich wusste der Autor genau, was er sagte. Schon der Buchtitel war eine geniale Erfindung seines Lektors. Fast alle coolen, manchmal schrägen und sonderbar leuchtenden Titelzeilen sind das Werk von Gordon Lish.

Weniger lakonisch und diskreter

„Sag den Frauen, wir gehen“ heißt eine frühe Erzählung, die ich seinerzeit - in der Lish-Version - unangenehm und auf perfide Weise ideologisch fand. Zwei junge Männer hauen ab vom Grillnachmittag mit ihren Frauen und Kindern und suchen nach dem Abenteuer, das das viel zu früh eingerastete Leben ihnen verwehrt. Erst saufen sie und spielen Billard. Später sehen sie vom Auto aus zwei Mädchen auf dem Fahrrad, denen sie in eine Felsenlandschaft hinein nachstellen. Die Mädchen wollen nichts von den beiden. Doch der eine, Jerry, dreht durch und erschlägt sie.

Lish kürzte Carvers Geschichte um 55Prozent. Das Ende, geschildert aus Bills Sicht, schrieb er vollständig neu. „Er verstand nicht, was Jerry wollte“, heißt es da in der Übersetzung von Helmut Frielinghaus, die im Jahr 2000 im Berlin Verlag erschien. „Aber es begann und endete mit einem Stein. Jerry nahm denselben Stein bei beiden Mädchen, zuerst bei dem Mädchen, das Sharon hieß, und dann bei der, die Bills sein sollte.“ Was für ein Schocker! Gut gemacht, keine Frage. Gordon Lish war nicht nur Lektor, sondern auch Schriftsteller. Aber dieses Ende hat nichts mit Carvers Absicht zu tun. Der hatte seiner Erzählung den Titel „Freundschaft“ gegeben und beschreibt auf der letzten Seite, wie Bill seinen Freund Jerry (der nicht zwei, sondern ein Mädchen erschlagen hat) hilflos umarmt. Worin bestünde jetzt die Freundschaft? Alle Fragen, die zu stellen wären, liegen außerhalb der Erzählung. Carvers Original mag weniger lakonisch sein, aber diskreter und in meinen Augen die bessere Story.

Der Werkstattgeruch des Kunstwerks

Natürlich ist es schwer, über eine weltweit erfolgreiche Erzählsammlung zu Gericht zu sitzen, als könnten wir uns aus der Rezeptionsgeschichte herausstehlen. Und nicht immer geht der ästhetische Vergleich zu Carvers Gunsten aus. Manche Erzählung ist in der Urversion zu verplaudert (was wir vor allem deshalb denken, weil wir die sehnige, absolut fettfreie Lish-Version kennen). Hier und da malt Carver sich eine kleine Abendröte in seine dunklen Farben, weil er die Welt eben so sah: Es war nicht alles schlecht, der Mensch kann nicht ohne Hoffnung sein.

Lish, der Sentimentalität nicht ertrug, strich den weichen Carver systematisch heraus. Der Lektor opferte einige schöne Einfälle und trieb seinem Autor jede Anwandlung von epischem Erzählen aus. Carver so gegen den Strich zu bürsten hatte zweifellos etwas Dreistes. Lish schuf damit einen literarischen Markenartikel: einen distanzierten, knappen, manchmal furchterregend düsteren Autor, der als „Minimalist“ zu Weltruhm kam, es aber eigentlich viel lieber hörte, der „amerikanische Tschechow“ genannt zu werden. „Anfänger“ etwa, wie die Geschichte mit dem grandiosen Lish-Titel „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ ursprünglich überschrieben war, ist jetzt genau doppelt so lang wie vorher. Beide Versionen sind interessant und lesenswert. Vielleicht liegt der eigentliche Effekt des frühen Carver-Bandes ja darin, uns den Werkstattgeruch des Kunstwerks vorzuführen.

Spätes Glück in kreativer Zweisamkeit

Kurz vor Erscheinen des Buches legt der Autor Protest ein. Sein Brief vom 8.Juli 1980, geschrieben morgens nach einer schlaflosen Nacht, ist ein erstaunliches Zeugnis. Carver hat zum erstenmal die Druckfahnen seines zweiten Buches gelesen und begriffen, was sein Lektor getan hat. Auf acht Seiten schüttet er dem „liebsten Gordon“ sein Herz aus, nennt die Einwände gegen dessen Lektorat, mischt in jeden halben Vorwurf weitschweifige Beteuerungen seiner Dankbarkeit und bittet darum, sofort die Druckmaschinen zu stoppen. Der Band „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ dürfe auf keinen Fall in dieser Form erscheinen. Er, Carver, könne seinen Freunden sonst nicht mehr in die Augen sehen. Die Freunde, Richard Ford und Tobias Wolff, kennen die Geschichten im Original.

Hier spricht kein selbstbewusster Schriftsteller, sondern ein zweifelnder, anlehnungsbedürftiger Künstler, der sowohl sein Werk schützen als auch geliebt werden will. Doch der Protest kommt zu spät. Es gelingt Lish, Carver zum Stillhalten zu überreden. Die Erzählungen erscheinen 1981 in der von Lish lektorierten Form und ernten begeisterte Rezensionen. Wie sich Carver damit fühlt, für ein Buch gelobt zu werden, das so rabiat vereinnahmt wurde und gar nicht mehr seins war, kann man sich ausmalen.

Doch er beklagt sich nicht öffentlich. Er fängt nur an, sich zu wehren. Dass ihm jemand seine Stories zerhackt, und wenn es eine Autorität wie Lish ist, soll nicht mehr vorkommen. Carver ist mit der Dichterin Tess Gallagher zusammengezogen, hat mit dem Trinken aufgehört und seinen Lebensstil dem Schreiben untergeordnet. Tess Gallagher übt einen starken Einfluss auf seine Arbeit aus. Carver wird in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem Autor, der seine Privathölle verlassen und in der kreativen Zweisamkeit ein spätes Glück gefunden hat. Nicht lange darauf ist die Zusammenarbeit mit Lish zu Ende. Carvers Spätwerk - der Band „Cathedral“ ebenso wie der Auswahlband „Where I’m Calling From“ - nimmt einzelne frühe Geschichten in ungekürzter Fassung auf.

Gleichnishaft und an der Grenze zur Rührseligkeit

„Ein kleiner Segen“ handelt von dem Ehepaar Ann und Howard, das im Krankenhaus um das Leben seines kleinen Sohns bangt. Der Junge ist von einem Auto angefahren worden, später fällt er ins Koma. Gleich am Anfang erfahren wir, dass Ann für Scotty beim Bäcker eine Geburtstagstorte mit seinem Namen bestellt hat. Die Bemühungen um den verletzten Jungen und die zunehmend aggressiveren Anrufe des Bäckers, der vergeblich auf Abholung der Torte wartet, laufen parallel. Darin liegt die komische Grausamkeit dieser Geschichte. Die Welt der Gesunden (Torte, Geburtstagsfeier) hat in der Welt der Kranken (Koma, Krankenhausbett) keinen Platz; und doch existieren sie nebeneinander. Der harmlose Bäcker, den Ann längst vergessen hat, steigert sich bis zum Telefonterror. Mit einem seiner Anrufe lässt Lish die Erzählung, der er den Titel „Das Bad“ gibt, nach zehn Seiten abrupt enden. Offen bleibt nicht nur, ob Scotty leben oder sterben wird; die Figuren erkennen auch nicht ihr Missverständnis. Die Erzählung lässt sie im Ungewissen zurück.

In der viermal so langen Urfassung (auf die auch Robert Altman für seinen Film „Short Cuts“ zurückgriff) erzählt Carver das alles gleichnishaft und an der Grenze zur Rührseligkeit zu Ende. Scotty stirbt; die Eltern begreifen, wer der anonyme Anrufer ist, und stellen den Bäcker nachts in seiner Backstube zur Rede; irgendwann kommen alle zur Ruhe und essen zusammen frisch gebackene Zimtschnecken. Carver liebte solche symbolischen Wiedergutmachungen und Epiphanien, den unerwarteten Trost durch die kleinen Dinge. Er war viel weniger hart, als die funkelnde, kratzfeste Oberfläche seiner berühmtesten Erzählsammlung suggeriert. Und auch wenn man nicht jede frühe Version für besser hält als die Lish-Bearbeitung: Dies ist die Form, in der Carver geschrieben, gefühlt, gedacht hat.

Raymond Carver: „Beginners“. Uncut. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié und Antje Rávic Strubel. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012. 361S., geb., 21,99 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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