Roman aus Sri Lanka

Im allerengsten Erzählraum

Von Verena Lueken
 - 22:42

Krieg pur. Verletzte. Stille zwischen den Menschen, keiner spricht mehr. Manche schreien. Ein Mann, der ein Kind zur Amputation des zerfetzten Arms trägt und sich überlegt, ob es besser gewesen wäre, die Granate hätte den anderen Arm entzweigerissen, denn dem kleinen Jungen fehlt bereits ein Bein auf derselben Seite: „Dass er nur noch den linken Arm und das linke Bein hatte, war für das Gleichgewicht sicher schwierig, aber alles in allem wären ein rechter Arm und ein linkes Bein oder ein linker Arm und ein rechtes Bein vielleicht noch schlimmer gewesen, denn diese Kombinationen waren schlechter ausbalanciert, wenn man darüber nachdachte.“

Der Ort: ein Lager von evakuierten tamilischen Zivilisten im Nordosten Sri Lankas gegen Ende des Bürgerkriegs im Jahr 2009, eine Krankenstation, die gleich schließen wird, ein Brunnen. Die Lage: auf der einen Seite das Meer, auf der anderen der Dschungel, dazwischen eine Lichtung. Die Situation: Bombardements der Regierungstruppen, meistens gegen Morgen. Streifzüge der Rekruteure der „Bewegung“, wie die Tamil Tigers in diesem Buch heißen, meistens nachts. Der Autor Anuk Arudpragasam gibt seiner Geschichte keinen weiteren Kontext. Spricht nicht über Politik. Beschreibt keinen Konflikt, nicht die Gegner. Sein Erzählraum ist minimal. Die Zeit, die er sich gibt, ebenfalls: ein Tag. Sein Roman zeichnet auf poetische Weise nach, was im Bewusstsein eines ganz jungen Mannes geschieht, der weiß, dass er bald sterben wird. Dinesh heißt er, und in seinem Kopf bewegen wir uns. In seinen Gedanken, seinen Assoziationen.

Es gibt keinen Ort der Zuflucht

Das ist poetisch geschrieben in vielen seiner Bilder, ja. Aber dies ist auch und passagenweise vor allem ein gewalttätiger Text. Ein Text, der fast in jedem Satz die Gewalt trägt, der sich seine Szenen verdanken. Eine verletzte Krähe im Unterholz wird mit demselben Blick aufs versehrte Detail beschrieben wie das verletzte Kind in der ersten Szene. Und selbst in der Zärtlichkeit, mit der Dinesh sich neben die Krähe legt, um sie zu beruhigen, während sie vermutlich peinvoll stirbt, liegt etwas Gewalttätiges, etwas, das der Autor seinen Lesern auferlegt in gewisser Weise: dem Tod ins Auge zu sehen, in diesem Fall dem nahen Tod des Tiers.

Die Ehe kommt ins Spiel, weil ein alter Mann Dinesh seine Tochter Ganga zur Frau gibt. Der Priester stirbt, bevor er die Hochzeit vollziehen kann, aber unter den Umständen genügt das Wort des Vaters. Danach verschwindet der Alte, auch er in den Tod vermutlich, denn es gibt keinen Ort der Zuflucht. Ganga weiß das, Dinesh ahnt es, und die beiden verbringen ihren ersten Tag als Ehepaar mit zaghaften Versuchen, Nähe herzustellen, ohne einander zu verletzen, wie dies ein solches Paar auch jenseits der Kampfzonen täte. Mehr geschieht nicht.

Der Reichtum dieses erstaunlichen Debüts liegt in der präzisen Wahrnehmung und Beschreibung von Einzelheiten wie dem Moosbewuchs eines Steins, der Teil der Lagerstatt wird zum Beispiel, zu der Dinesh seine Frau führt, fast wie ein Zuhause: „Es war, als hätte sein Körper in den vielen Stunden dort eine warme, nicht spürbare Substanz an den Boden und den Stein abgegeben, die diesen Platz mit einem Wissen um ihn angereichert hatte, so dass er gewissermaßen ein Teil von ihm geworden war, ein besonderer Ort.“ Dort wird Ganga schlafen, nachdem sie und Dinesh zum ersten Mal miteinander gegessen haben. Und Dinesh schaut ihr beim Schlafen zu, umrundet sie leise, beugt sich über sie, beobachtet, wie „ihre Brust sich hob und senkte, wenn Luft in ihren Körper hinein- und wieder herausströmte wie Wellen, die leise vor- und wieder zurückrollen“, während er vergaß, „dass er einem lebenden Menschen zuhörte und nicht nur irgendeinem, sondern seiner Frau“.

Ein Wesen ohne Persönlichkeit

Die Gegenwart dieser Frau, von der Dinesh nichts weiß, ermöglicht ihm, ein Stück zurückzublenden. Bisher bewegte er sich im Augenblick, doch während Ganga schläft, kommt die Erinnerung an den Tod seiner Mutter über ihn, an die beiden Taschen, die sie auf die Flucht mitgenommen und die er neben ihrer Leiche abgestellt hatte, nachdem sie von Granatfeuer getroffen war. Seitdem besitzt er nichts mehr, liest nur hin und wieder etwas auf, das andere zurückgelassen haben, bis auch er diesen Gegenstand, einen Türknopf etwa, seinerseits liegen lässt. Ganga aber hat eine Tasche mitgebracht, die er leise öffnet. Darin findet er ein Stück Seife, eine Schere, einen Kamm. Und beschließt, sich zu waschen.

Zum Brunnen ist ein Weg zurückzulegen. Über die Lichtung, ein Stück durch den Dschungel bis fast zur Krankenstation. Das ist der Bewegungsradius, in dem Arudpragasam findet, wovon er erzählen will: wie der Krieg, die Gewalt, die Flucht, die Verluste aus einem Menschen ein Wesen ohne Persönlichkeit machen, ohne Profil jenseits des vorübergehenden Überlebens und des sicheren Todes, und wie dieser Mensch im Kontakt zu einem anderen Menschen etwas von seinem früheren Ich möglicherweise wiederfindet, und zwar in so einfachen Verrichtungen wie dem Schneiden der Finger- und Fußnägel und vor allem in dem Gedanken daran, die eigene Gegenwart für einen anderen Menschen angenehm zu machen. Der Titel des Romans verrät, dass es dennoch keine Zukunft gibt.

Die Wahrnehmung scharfgestellt, die Gefühle tot

Anuk Arudpragasam ist 28 Jahre alt. Er stammt aus Colombo in Sri Lanka, studiert aber im Augenblick in New York. Entstanden ist dieser Text aus Verzweiflung, so erzählte er in einem Interview. Über die letzten Monate des Bürgerkriegs drangen keine Nachrichten nach draußen. Erst später zirkulierten Videos und Fotos, die das entsetzliche Morden in der Gegend von Jaffna zeigten. Dorthin hatten Regierungstruppen die Tiger zurückgedrängt, die sich ihrerseits gemeinsam mit den Zivilisten immer weiter zurückzogen, bis sie schließlich ein Gebiet besetzten, das nicht größer war als der Central Park. 300.000 Menschen waren dort zusammengepfercht, und unter den Bomben der Regierungstruppen starben 40.000. So erzählt es der Autor, der selbst privilegiert aufgewachsen ist und weiß: Er hat Glück gehabt.

Dieses Buch ist ein ganz besonderes Epitaph, geschrieben von einem Hochbegabten, der verstehen will und sich deshalb in den Kopf eines Mannes versetzt, den er erfunden hat, um die Verheerung des Kriegs zu begreifen. Er scheut sich nicht vor den ganz großen Metaphern und haut deshalb manchmal daneben (wenn eine Tote den „Boden küsst“ etwa). Aber das fällt kaum ins Gewicht. Arudpragasam dringt vor an einen Punkt kreatürlicher Existenz, an dem die Wahrnehmung scharfgestellt ist, aber die Gefühle nahezu tot sind. Bis sie für einen kurzen Moment aufleben. Einem Augenblick von Hoffnung, bis er wieder erlischt. Ein erstaunliches Buch, zum Wiederlesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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