Ahmadou Kourouma: Monnè. Schmach und Ärger

Der afrikanische Voltaire

Von Niklas Bender
 - 16:41

Die wenigen Romane des vor elf Jahren verstorbenen Schriftstellers und Intellektuellen Ahmadou Kourouma (1927 bis 2003) sind mit Zeitgeschichte gesättigt: Sie erzählen von der Kolonialisierung und ihren Folgen, kommunistischen oder diktatorischen Regime, Hungersnöten, Bürgerkriegen. Doch der zeitliche Abstand - seit dem Erstling „Der schwarze Fürst“ (1968) sind mehrere Jahrzehnte verstrichen - erlaubt eine umfassendere Bilanz: Kouroumas Werke altern erstaunlich gut, sie sind nicht auf ihren Kontext zu reduzieren, sondern avancieren gerade zu Klassikern nicht nur der afrikanischen Literatur. In diese Richtung deuten diverse Weihen: Kouroumas Wohnhaus in Lyon wurde 2010 in ein Kulturzentrum zu Ehren des Autors verwandelt, und die Genfer Buchmesse vergibt einen nach ihm benannten Preis. Umso bedauerlicher ist es, dass noch nicht alle Werke Kouroumas ins Deutsche übersetzt sind - und umso erfreulicher, dass der Diaphanes Verlag nun eine gelungene Übertragung des zweiten Romans „Monnè: Schmach und Ärger“ (1990) vorlegt.

Kourouma, als Sohn muslimischer Kaufleute im Malinke-Volk der Elfenbeinküste geboren, hat ein abenteuerliches Leben gemeistert. Als junger Mann diente er der französischen Kolonialmacht in Indochina und studierte anschließend Versicherungsmathematik in Lyon, wo er seine Frau traf; in der Finanzwirtschaft fand er gutdotierte Stellen. Seine Stellungnahmen zu Beginn der Unabhängigkeit brachten ihm jedoch Gefängnis und Exil ein; er lebte lange Jahre in Algerien, Kamerun und Togo. Zwar durfte Kourouma heimkehren, aber als er zu Beginn des Jahrtausends die Spaltung des Landes und das rassistische „Ivoirité“-Konzept kritisierte, geriet er aufs Neue in Konflikt mit führenden Politikern. Kourouma zog sich zurück und starb in Frankreich.

Politisch engagiertes Werk

Politik und Literatur sind beim „afrikanischen Voltaire“ untrennbar: Die Feder ergriff Kourouma mit dem Ziel, Missstände unter Félix Houphouët-Boigny zu kritisieren und rassistische Klischees zu entkräften. Der scharfe Blick macht Kouroumas Bedeutung aus: Er bricht mit den Idealisierungen der „Négritude“ und begründet die frankophone Literatur der postkolonialen Ära. Seine Romane sind von Kritik durchzogen, ja, anfangs war diese Ballast; der kanadische Verleger von „Der schwarze Fürst“ brachte dem Mathematiker erst bei, auf journalistische Passagen zu verzichten. Tatsächlich weicht in den Folgewerken die Polemik dem Vertrauen in das Dargestellte; dafür hat „Der schwarze Fürst“ eine sinnliche und existentielle Präsenz, die manche spätere Texte vermissen lassen.

„Monnè“ ist episch breit angelegt. Der Roman berichtet vom Leben des Djigui Keita, König von Soba, einem weitgehend fiktiven Königreich im Norden der Elfenbeinküste. Djigui erlebt die Zeit vor der Kolonialisierung, die Eroberung durch französische Truppen, die Jahre der Knechtschaft und jene der Unabhängigkeit - die Epoche der „monnè“, der Schmach und Schande. Die Kolonialisierung wird facettenreich dargestellt und in aller Deutlichkeit kritisiert, Militärregime und Zivilregierung sind „der After und das Maul der aasfressenden Hyäne“: „Sie glichen sich, dünsteten beide den gleichen ekelerregenden Gestank aus.“ Frankreich zeichnet Kourouma in satirischer Zuspitzung, etwa indem er die - für die Kolonisierten - graduellen, teils absurden Unterschiede zwischen Dritter Republik und Pétainregime vorführt.

Fusion afrikanischer und französischer Erzähltraditionen

Der alternde Monarch, sein Pferd, der Griot Djéliba (eine Art Hofdichter), die freitäglichen rituellen Ritte zum Kolonialherrn stehen aber auch für die Blindheit der Unterworfenen: Sie pflegen die Fassade einer überkommenen Welt der Rituale, die längst zersetzt wird durch äußere und innere Konflikte - die Rückkehr in die Tradition ist keine Option. Generell kritisiert Kourouma Missstände Afrikas, in anderen Romanen die Beschneidung von Frauen, hier allgemein die „Gesellschaft im Stillstand“, eine soziale Ordnung „mit Kasten und Sklaven“. Der Roman ist janusköpfig: Einerseits führt Kourouma Verblendung, Eitelkeit, Zynismus und Aberglauben vor. Andererseits beschwört er den Zauber der alten Welt, die Machtlosigkeit gegenüber der neuen und die Würde im Untergang: Djigui (auf Malinke: „das einsame Männchen“) gewinnt allen Fehlern zum Trotz eine gewisse Größe.

Was sich politisch und gesellschaftlich bekämpft, findet poetisch zusammen: Traditionen der Geschichtenerzähler und der Griots kombiniert Kourouma mit modernen Darstellungstechniken. Vorbild der Verschmelzung von (französischer) Schriftsprache und (Malinke-)Oralität war Louis-Ferdinand Célines Roman „Reise ans Ende der Nacht“ (1932), der dem Argot hochliterarische Weihen verliehen hat. Zudem wechselt Kourouma je nach Situation die Erzählstimme und lässt Erläuterungen einfließen, die deutlich machen, dass er bewusst eine Mittlerposition zwischen den Welten einnimmt.

Lohnende Lektüre

Für den Leser stellen seine Romane dennoch eine Herausforderung dar: Die „Malinkisierung“ führt zu einer komplexen Mischsprache, die ein getreuer Spiegel der beschriebenen Welt ist. „Monnè“ selbst spricht Verständigungsprobleme fortwährend an: Die Ereignisse und Handlungen der Figuren haben für Kolonisatoren und Kolonisierte nicht dieselbe Bedeutung; der Zugbau etwa ist für den König ein Prestigeprojekt, daher will er den Bahnhof direkt am Palast haben, um „selbst im Schlaf noch den Zug heraufkommen und hinunterfahren, dampfen und pfeifen, hören und sehen“ zu können. Verständnis, Verstehenwollen oder Verweigern sind politische Kategorien: „Einen Übersetzer zwischen sich und dem Weißen zu belassen hieß, eine gewisse Distanz einzuhalten, gewisse Freiheiten, Zeit zum Nachdenken, Möglichkeiten des Zögerns und des Kommentierens zu bewahren; ein gewisses Unverständnis zu pflegen.“ Man wundert sich nicht, dass Kouroumas Rechner randvoll mit Wörterbüchern war. Und man ist dankbar, dass die Übersetzung ein Glossar hat, das auch französischen Ausgaben gut stünde.

Die Herausforderung hat der Aufnahme keinen Abbruch getan: Kouroumas Romane haben Preise gewonnen, darunter den Prix du Livre Inter und den Prix Renaudot; der Verkaufserfolg in Frankreich war und ist beachtlich. „Monnè“ ist dieser Erfolg in Deutschland ebenfalls zu wünschen - vielleicht nimmt sich Diaphanes dann einer Kourouma-Ausgabe an.

Ahmadou Kourouma: „Monnè. Schmach und Ärger“. Roman. Aus dem Französischen von Vera Gärttling. Diaphanes Verlag, Zürich, Berlin 2013. 332 S., geb., 22,95 €

Quelle: F.A.Z.
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