David Albahari: Kontrollpunkt

Warten auf die Barbaren

Von Judith Leister
 - 16:50

Kafkaesk ist gar kein Ausdruck für das, was in diesem Roman vor sich geht: Ein namenloser Trupp von Rekruten soll auf einer Anhöhe einen Kontrollpunkt bewachen. Doch die Soldaten wissen nicht, was sie dort sollen: Welche Grenze wird bewacht? Wer ist der Feind? Ist überhaupt noch Krieg? Man hat keinen Kontakt mehr zur Zentrale; niemand kommt, den man überprüfen könnte. Dennoch besteht der Kommandant darauf, den Posten zu halten. Die absurde Ausgangssituation, die der 1994 aus Belgrad nach Kanada ausgewanderte Erzähler David Albahari in „Kontrollpunkt“ schildert, führt auf knapp 180 Seiten in immer wilderer Ausschweifung vor Augen, wie Krieg entsteht, wenn man nur mit ihm rechnet und sich dafür gerüstet hält.

Auf ihrer Anhöhe wird die demoralisierte Truppe vom ebenso rat- wie ahnungslosen Kommandanten zunächst mit sinnlosen Reglements und der Organisation der Kloake auf Trab gehalten. Dann setzt plötzlich eine Spirale der Gewalt ein: Ein Soldat nach dem anderen wird umgebracht, ein ausgesandter Späher findet in einem Bauernhaus verstümmelte Zivilisten. Wer sind die Täter? Waren es die Soldaten selbst? Die Situation eskaliert, als ein Flüchtlingstreck eintrifft.

Das große Grauen

Nichts ist hier gewiss: Weder ist das Terrain zutreffend kartographiert, noch ist man sich über die Zeitebene im Klaren. Wo Bauernhäuser stehen, sollte angeblich seit Jahrzehnten ein Staudamm sein. Es wird geraunt, Eingeborene trieben mit Pfeil und Bogen ihr Unwesen. Realitäten überlagern sich; jeder will etwas anderes wahrgenommen haben, und jeder geht augenzwinkernd nonchalant mit den eigenen Untaten um. Zwischen der kollektiven Erzählstimme der Rekruten, einem unbestimmten „Wir“, und der phantastisch überdrehenden Erzählperspektive des Kommandanten löst sich jegliche Verantwortung in Luft auf.

Parallel dazu wird die Realität des Romans immer brüchiger. Die einzige Figur, die einen Eigennamen trägt, stirbt und feiert Wiederauferstehung. Journalisten und Kindersoldaten tauchen plötzlich auf. Die Schlusspointe kommt dennoch überraschend.

Albahari bietet einiges an Mitteln auf, um der Obszönität des Krieges künstlerisch habhaft zu werden. In den atemlosen verschachtelten Sätzen des Romans verschmelzen Traum und Trauma, Parodie und Paradoxie, Gewalt und Groteske in einer Weise, die an Kafka, Musil, Benn oder Beckett erinnert. Chaplins „Großer Diktator“ mag für die Figur des Kommandanten Pate gestanden haben, eines Mannes, der unter anderem bei den UN-Blauhelmen war und von seinen Untergebenen für einen Soldaten alter Schule gehalten wird. Den Rekruten gegenüber unnachgiebig, erweist er sich als wehleidig und paranoid, geriert sich als Schöngeist und Künstler. Mit wohligem Schauer denkt er an pädophile Erlebnisse in den Bordellen der Krisengebiete zurück.

Jugoslawien ist bald überall

Albahari ist ein grandioser Erzähler: scharfsinnig und hochironisch. Dennoch überzeugt sein Roman nicht ganz. Aus der nicht enden wollenden Eskalation, die er anzettelt, findet der Text nicht mehr heraus. Die angehäuften Grässlichkeiten erscheinen im Einzelnen beliebig. Merkwürdig anachronistisch wirkt dieser Antikriegsroman. Ob es an der parabelhaften Form liegt?

Die eigentliche Provokation von „Kontrollpunkt“ könnte jedoch darin liegen, dass das Buch über den rein jugoslawischen Kontext hinausgeht, den die Herkunft des Autors nahelegt. Denn sein Kommandant macht ein auseinanderbrechendes Europa als künftiges Kriegsgebiet aus: „Wenn es zum Zerfall des vereinten Europa und in einigen Staaten zu Auseinandersetzungen und folglich zu Aufspaltungen in proeuropäische und antieuropäische Kräfte gekommen war, dann durfte man annehmen, dass es Dutzende von möglichen und tatsächlichen Gegnern gab.“

David Albahari: „Kontrollpunkt“. Roman. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt 2013. 184 S., geb., 18,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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