Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees

In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort

Von Andreas Platthaus
 - 17:13

Es ist ein reibungsloser Übergang vom Alltag zum Ausnahmezustand, vom Glück zur Trauer, vom Leben zum Tod. In Jan Costin Wagners neuem Roman „Tage des letzten Schnees“ tritt er bereits auf der fünften Seite der Handlung ein. „Lasse Ekholm sah ein Licht, er spürte es mehr, als dass er es sah, es war in seinem Rücken, es kam plötzlich, und es schien ungewöhnlich hell. Er drehte sich wieder zu Anna um, die immer noch lachte, und im letzten Augenblick glaubte er, eine Irritation in ihren Augen wahrzunehmen. Ihr Mund war leicht geöffnet, und vielleicht hatte sie Angst in der letzten Sekunde, aber das konnte er nie mit Sicherheit sagen, obwohl er später oft darüber nachdachte.“ Denn sobald Lasse Ekholm wieder zu sich kommt, ist seine Tochter Anna tot, gestorben bei einem Autounfall auf noch schneeglatter Straße am Abend des 1. Mai.

Das ist ein geradezu klassischer Einstieg in eine Spannungshandlung, die Wagners Verlag bewusst nicht als Kriminalroman ausweist, obwohl das Buch mit den Mustern der Gattung arbeitet. Wagner führt uns wieder, zum fünften Mal bereits seit 2003, an die Seite des melancholischen Kommissars Kimmo Joentaa. Wir haben also eine vertraute wiederkehrende Figur als Ermittler, der durch den frühen Krebstod seiner Frau in eine tiefe Seinskrise geworfen wurde, aus der er sich auch im neuen Buch zu retten versucht.

Eine Geschichte, die nicht erzählt wird

Wir haben eine Tote gleich zu Beginn, die kein Mordopfer, aber durch die Schuld jenes Rasers, der Ekholm im Dunkeln geblendet hat, gestorben ist. Und wir haben ein skandinavisches Setting, wobei die psychologisch ausgefuchsten Geschichten von Wagner mit dem gängigen Klischee vom Schwedenkrimi nicht nur deshalb nichts zu tun haben, weil das Ganze in Finnland spielt.

Um aufzuklären, was am Abend des 1. Mai genau geschehen ist, muss der Leser nicht so lange warten wie Joentaa, der den Fall mit gewohnt durch Trauer sensibilisiertem sozialen Einfühlungsvermögen gemeinsam mit den uns gleichfalls vertrauten Polizeikollegen aus seiner Heimatstadt Turku und dem nahe gelegenen Helsinki erst im August abschließen kann. Der Autor Wagner legt die Karten scheinbar früh auf den Tisch: Wer für Annas Tod verantwortlich ist, weiß man bald, auch warum. Doch was die Kette der Ereignisse ausgelöst hat, die im Tod des Mädchens nicht einmal gegipfelt haben, ist nicht so offensichtlich, wie es scheint - nicht nur, weil einzelne Abschnitte des Buchs mit der Formulierung „In einer Geschichte, die nicht erzählt wird“ überschrieben sind. Ein Paradox und doch wahr, denn Wagner hält wie jeder guter Spannungsautor einige Dinge zurück.

Am Puls der Gegenwart

Ein Reiz der Lektüre entsteht also doch aus dem traditionellen Prinzip des Whodunnit, wenn auch nicht auf der Suche nach dem, der die erste Untat zu verantworten hat. Und überhaupt: Nach wem suchen wir denn in diesem Roman? Diese Frage stellt sich zum Schluss noch einmal neu, wenn Wagner tatsächlich eine Überraschung gelingt, mit der nicht zu rechnen war.

Aber gleichzeitig stecken für einen Krimi auch sehr viele Erzählebenen im Buch. Es gibt vier Hauptstränge, und zumindest einer davon, derjenige, der sich dem von seinen Mitschülern schikanierten Teenager Unto Beck widmet, der nach dem Vorbild des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik Vergeltung plant, wirkt zunächst arg gezwungen. Da sich aber dieses Element doch noch in jeder Hinsicht zwingend ins Geschehen fügt, kann man Rückschlüsse ziehen auf das Selbstverständnis Wagners, der als Autor noch viel mehr an der Verankerung seines traurigen Helden in der unmittelbaren Gegenwart interessiert ist, als wir bislang vermuteten.

Breiviks Schreckenstat vom Sommer 2011 erfolgte unmittelbar nach Fertigstellung des vorletzten Joentaa-Romans „Das Licht in einem dunklen Haus“. Sie forderte Wagner heraus. Für kein anderes der vier Vorgängerbücher hat er sich so viel Zeit genommen wie für „Tage des letzten Schnees“. Dass nun rechtzeitig zu dessen Erscheinen nicht nur in Deutschland intensiv über Prostitution und Zuwanderung, die hier auch gewichtige Rollen spielen, diskutiert wird, bestätigt Wagners eigenes soziales Einfühlungsvermögen.

Alle sind einsam

Die Perspektiven im Roman wechseln sich ständig ab, es wird aus dem Blickwinkel von einem halben Dutzend Protagonisten erzählt. Als Orientierung dienen zu Beginn eines neuen Zeitabschnitts im Regelfall Monatsnamen, doch zwei Erzähllinien werden absichtlich im Vagen gelassen, die eine durch die Rede von der „Geschichte, die nicht erzählt wird“, die andere durch die Überschrift „In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort“, womit der tödliche Eskapismus treffend bezeichnet ist, von dem darin berichtet wird.

„Tage des letzten Schnees“ verlangt in der Tat eine andere Aufmerksamkeit als ein Kriminalroman. Es ist eine Studie über Einsamkeit, nicht nur die von Kimmo Joentaa, sondern auch die des Elternpaars von Anna, das sein einziges Kind verloren hat und miteinander nun ebenso wenig anzufangen weiß wie die Umwelt mit seinem Leid. Es sind lauter vereinsamte Menschen, die hier durch just dieses Defizit einander begegnen und weh tun, und wenn es denn doch einmal eine Familie gibt, die als heiles Spiegelbild der zerstörten von Lasse Ekholm dienen könnte, trägt sie den Keim ihrer Auflösung - eine eingebildete Einsamkeit aus Überdruss am guten Gewöhnlichen - schon in sich.

Sagen Finnen „Passt schon“?

Doch so geschickt das beobachtet und erzählt wird, kommt denn doch diesmal der finnische Handlungsschauplatz mit seinen Eigenheiten zu kurz. Der einundvierzigjährige Wagner ist mit einer Finnin verheiratet und lebt teilweise in Finnland, doch die Szenerie, die er seiner Handlung gibt, kommt nicht über Versatzstücke einer x-beliebigen urbanen Gesellschaft hinaus, die abgesehen von den Namen der Figuren und der Tatsache, dass eben am 1. Mai noch letzter Schnee fällt (und am 1. September dann schon wieder erster), überall in der nordalpinen Speckschicht Europas liegen könnte. Und spricht die wiederholte Formulierung „Passt schon“ mit ihrem spezifisch süddeutschen Einschlag wirklich in die Dialoge von Finnen? Es fehlt Wagner diesmal verblüffenderweise an lokalem Einfühlungsvermögen.

Das ändert aber nichts an der Bewunderung für die Tatsache, dass hier ein deutscher Schriftsteller eine Krimiserie geschaffen hat, die international ihre Leser findet. Eine Verfilmung gibt es mit „Das Schweigen“ von 2010 auch schon. Eine gute Ausstattung könnte im Falle von „Tage des letzten Schnees“ ja wiedergutmachen, was Jan Costin Wagner versäumt hat.

Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees. Galiani, Berlin 2014. 315 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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