Joanna Bator: Wolkenfern

Napoleons Nachttopf

Von Marta Kijowska
 - 15:33

Ohne diesen Ort würde es ihre Bücher gar nicht geben. In ihrer Jugend hatte sie ihn gehasst und fluchtartig verlassen, doch als sie Jahre später in Japan lebte, erschien er ihr aus dieser weiten, so völlig fremden Perspektive plötzlich ganz anders: nicht mehr als die trostlose schlesische Industriestadt, die einst Waldenburg hieß und deren deutsche Vergangenheit abwechselnd abschreckte und als Plattform für gewagte Träume diente, sondern als ein dunkler Zauberort, dessen Geheimnisse nur darauf warteten, entdeckt und erzählt zu werden. Als sie zurückkam, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Magie dieses Ortes in Worte fassen konnte und sich in eine Erzählerin verwandelte.

So in etwa muss man sich die schriftstellerischen Anfänge von Joanna Bator und die Vorgeschichte ihres Erstlings „Der Sandberg“ vorstellen, eines Romans, der bei seinem Erscheinen in Polen und bald darauf auch im Ausland für Aufsehen sorgte. Vieles war darin erfunden, doch den titelgebenden Handlungsort, diesen Hügel am Rande von Walbrzych, wie die Stadt heute heißt, gibt es wirklich. Wer in kommunistischen Zeiten in die hier entstandene Plattensiedlung ziehen und sich damit den Luxus einer Wohnung mit Zentralheizung und eigenem Bad leisten konnte, galt als Gewinner und genoss allgemeinen Neid. Eine Steigerung war dennoch jederzeit möglich. Es genügte, dass ein Nachbar Besuch aus Westdeutschland bekam und aus dem Opel oder Audi, mit dem dieser vorfuhr, Taschen voller fremder Konsumgüter ausgeladen wurden, und schon waren neue Träume und Sehnsuchtsbilder da. Joanna Bator, 1968 in Walbrzych geboren und jahrelang auf dem Sandberg zu Hause, kann sich an diese Hierarchien im kommunistischen Alltag noch deutlich erinnern. Aber auch an das Gefühl der Enge und Perspektivlosigkeit und an den Fluchtreflex, den die Provinzialität des Ortes und die erstickende Fürsorglichkeit der Mutter gleichermaßen auslösten.

Wiedersehen mit Dominika

All dies floss in das Debütwerk ein, vor allem in die Geschichte der Hauptfigur, der minderjährigen Dominika, die ein typisches Kind dieser Zeit und gleichzeitig ihre strenge Kritikerin ist. Eine Außenseiterin und Rebellin, der nichts zu entgehen scheint. Sie sieht die Hässlichkeit der Siedlung, die Engstirnigkeit ihrer Bewohner, die sie umgebende Fremdenfeindlichkeit, den offenen Antisemitismus und diesen besonderen Katholizismus konservativer Prägung, der die Weltsicht der Sandberg-Gemeinde bestimmt. Dass sie aus diese Umgebung bald ausreißen wird, ist mehr als sicher. Bators sprachliches Feingefühl, das auch ins Esther Kinskys Übersetzung zur Geltung kommt, und ihre raffinierte Erzählperspektive, in der sich Beobachtungsgabe mit Distanz, Empathie mit Ironie vermischen, lässt jeden Schritt ihrer Hauptfigur plausibel und nachvollziehbar wirken.

Johanna Bator, eine promovierte Kulturwissenschaftlerin, die früher an der Polnischen Akademie der Wissenschaft arbeitete und heute nebenbei an der Polnisch-Japanischen Hochschule für Computertechnik unterrichtet, war bis dahin vor allem durch ihren Essayband „Der japanische Fächer“ aufgefallen. Er ist nach einem zweijährigen Japan-Aufenthalt entstanden. Nun avancierte sie mit ihrem Romandebüt zu einer der ausdrucksstärksten Stimmen der neuen polnischen Literatur. Allzu lange begnügte sie sich mit diesem ersten schnellen Erfolg allerdings nicht: Schon ein Jahr später hatte sie ihren Roman „Wolkenfern“ fertig, die Fortsetzung der Geschichte Dominikas, die dem Sandberg den Rücken kehrt und, wie einst die Autorin selbst, zu einer Nomadin wird.

Fast eine neue Heimat

Sie wandert nach Deutschland aus, wo sie einen schweren Autounfall erlebt und nach dem Erwachen aus dem Koma endgültig das Reisen zu ihrer Lebensform macht. Die erzählerische Folge ist eine rasante, phantasie- und humorvolle Odyssee durch mehrere Orte, von einem bayerischen Dorf über London und New York bis zu der griechischen Insel Karpathos, wobei Dominika unzählige weitere Figuren begegnen, deren Geschichten sie aufgreift, um sie bald anderswo weiterzuerzählen.

Endlich ist sie keine Außenseiterin mehr, denn sie alle sind wie sie – anders, unkonventionell, unangepasst. Die beiden Teetanten und ihre gemeinsame Ziehtochter Grazyna, die ihre Reize an den deutschen Männern ausprobiert, die schwarze Sara, die das Andenken ihrer Vorfahrin, der sogenannten „Hottentotten-Venus“, in Ehren hält, der Frisör Tadeusz Kruk, der seine sadistischen Neigungen in einem Konzentrationslager ausleben durfte, die jüdische Emigrantin Eulalia Barron, die nur für ihre Erinnerung lebt, und viele andere. Selbst Jadzia, Dominikas Mutter, die in „Sandberg“ das polnische Matriarchat verkörperte, schafft es, sich neu zu erfinden.

In Polen schon Nummer drei

Die Geschichten und Erlebnisse all dieser Figuren greifen ineinander über, oft ohne dass dies den Figuren zu Bewusstsein käme, denn Joanna Bator verknüpft verschiedene Zeitebenen miteinander. So entsteht tatsächlich eine utopische Wolkenreise, eine „Chmurdalia“, wie der Roman im Original heißt, denn chmura ist das polnische Wort für Wolke. Und damit niemand daran zweifele, dass es sich hier um ein literarisches Spiel mit vielen nicht ganz ernst gemeinten historischen und mythologischen Anspielungen handelt, lässt sie einen ebenso kostbaren wie heiklen Gegenstand als Leitmotiv fungieren: Napoleons Nachttopf.

Sie verspüre beim Schreiben ein geradezu sinnliches Vergnügen, hat Joanna Bator einmal über sich gesagt. Dieses Vergnügen teilt sich dem Leser unmittelbar mit. In Polen ist mittlerweile ihr dritter Roman erschienen, der ebenso stilsicher und mit exzellentem Sprachgefühl geschrieben ist wie seine beiden Vorläufer. In diesem Herbst hat Joanna Bator in ihrer Heimat den angesehenen Nike-Preis dafür erhalten.

Joanna Bator: „Wolkenfern“. Roman. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 499 S., geb., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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