Leonid Dobyčin: Die Erzählungen

Begegnungen mit Liz

Von Nicole Henneberg
 - 16:36

Als der Nobelpreisträger Joseph Brodsky 1987 von Studenten in Harvard gefragt wurde, wen er für den größten russischen Prosaautor nach 1917 halte, antwortete er, ohne zu zögern: Leonid Dobyčin. Diesen Namen hatte im Auditorium noch niemand gehört, und das verwundert nicht, denn auch in Russland wurde Dobyčin erst nach der Wende entdeckt. Seine politisch harschen, sarkastischen und genau beobachtenden Texte verstand die Sowjetmacht damals - völlig zu Recht - als Provokation.

Die zwischen 1924 und 1930 entstandenen Erzählungen zeigen ein verstörtes Land, das überrollt und überfordert ist von den politischen Ereignissen. Die Menschen versuchen weiterzuleben wie bisher, aber der Umerziehungsdruck, unter dem sie stehen, macht das unmöglich. Manch einer schwimmt daraufhin „über die Biegung hinaus“, wie es lapidar in der programmatischen Geschichte „Begegnungen mit Liz“ heißt. Auch der Autor selbst hielt den politischen Angriffen nicht stand und nahm sich, nachdem man ihn wegen seines ersten Romans „Die Stadt N“ zum Volksfeind erklärt hatte, 1936 das Leben.

Schlicht, aber schön

Niemand hatte es vor ihm gewagt, die junge, angeblich so hoffnungsvolle sowjetische Gesellschaft derart schonungslos zu betrachten. Und erst die genaue und sprachmächtige Übersetzung des soeben verstorbenen Übersetzers Peter Urban offenbart die ganze Schärfe und Lakonik dieser Geschichten (die Alfred Frank in der Leipziger Ausgabe 1992 noch geglättet und besänftigt hatte). Scheinbar erzählen sie von nichts: ohne Handlung, „ohne Helden, Farben und Fanfaren“, wie Urban schrieb, stellen sie fotografisch genaue Momentaufnahmen und beiläufige Szenen in knappen, strengen Hauptsätzen nebeneinander.

Aber sie sind so angeordnet und akzentuiert, dass ein überwältigend sinnlicher und genauer Eindruck vom Leben in den beiden Kleinstädten entsteht, in denen die Geschichten spielen (und in denen der Autor fast sein ganzes Leben verbrachte). Nur eine Erzählung, „Die Tante“, spielt in Leningrad, wo Dobyčin seine glücklichsten Jahre verbrachte und, wie sein Alter Ego, der Buchhalter Kunst, zum ersten Mal ein eigenes Zimmer besaß.

Ein Vermächtnis

Ein Seelenverwandter von Tschechow schreibt hier, der ohne psychologische Erklärungen auskommt, nie von Seelenzuständen erzählt und kaum Landschaftsbeschreibungen liefert - sondern nur mit dem absolut treffenden Detail arbeitet, mit scheinbar unmotivierten Handlungen, verräterischen Gesten und Dialogen, die aus fünfzehn Worten bestehen. Dobyčin schafft es durch seine präzisen Sätze, in denen fast jedes neue Bild auch einen neuen Gedanken einführt, die Tiefenschichten einer zwangspolitisierten Gesellschaft offenzulegen, die ihre Unsicherheit hinter absurden Propagandafloskeln versteckt und dem kleinbürgerlichen Geist in all seinen Facetten huldigt. Gleichzeitig hat er tiefes Mitgefühl mit den Ratlosen und Einsamen, die zwischen „Physkultura“ und beginnenden Säuberungen („Material“), seelischen Folterszenarien („Der Garten“) und absurden Kulturveranstaltungen („Das Porträt“) umherirren.

Die schönste Geschichte, „Evdokija“, spielt in einem (heute) lettischen Provinzstädtchen zu Beginn des Ersten Weltkrieges und erzählt mit groteskem Witz von den tödlichen Spannungen unter der verschlafenen Oberfläche. Die mal träumerische, mal resolute und gern Verwirrung stiftende Hauptfigur war Dobyčins erklärte Lieblingsfigur, und es ist den sorgsamen Anmerkungen des jüngst verstorbenen Übersetzers Peter Urban zu danken, dass wir ihre spöttischen Sprachspiele und politischen Kurzschlüsse so genau verstehen - sein ganzes Können steckt in dieser Arbeit, seiner letzten.

Leonid Dobyčin: „Die Erzählungen“. Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Friedenauer Presse, Berlin 2013. 216 S., geb., 22,50 €.

Quelle: F.A.Z.
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