Michael Stavarič: Königreich der Schatten

Das Fleischerdasein in unheilsgesättigten Zeiten

Von Ernst Osterkamp
 - 15:58

Ein literarisches Schlachtfest! Dass es in Michael Stavaričs mit Altwiener Todesverliebtheit erzähltem Roman „Königreich der Schatten“ blutig zugeht, gibt schon der Schutzumschlag zu erkennen, der einen Leser zeigt, in dessen hinter einem aufgeschlagenen Buch verborgenem Kopf sich gerade eine blutige Explosion ereignet. So schlimm ist dann aber das, was sich in dem Buch ereignet, doch nicht. Nur schlimmer. Denn Stavarič erzählt keinen Splatter-Roman, sondern ein traurig-komisches Märchen aus einem blutigen Jahrhundert.

An die Stelle der zwei Königskinder, die nicht zueinander kommen konnten, treten dabei zwei Metzgerenkel, die gern das werden möchten, was ihre Großväter waren: Fleischer. Im Grunde das ideale Paar! Dass sie dann aber doch nicht zum Glück des Daseins in einer gemeinsamen Metzgerei zusammenfinden, hängt mit dem Unheil der Zeit zusammen, in der die Großväter lebten und starben: Im Zweiten Weltkrieg entwickelten sich die Fleischermeister zu Menschenschlächtern, und diese blutige Vergangenheit werden auch ihre Enkel nicht los.

Romantik vor Fleischwaren

Die Nazis hatten den tschechischen Fleischermeister Frantiček Loket zur Emigration in die Vereinigten Staaten gezwungen, und deshalb entschloss er sich, als amerikanischer Soldat so viele Gegner wie möglich zu töten. Die in Armeekisten aufbewahrten Erinnerungsstücke, die er den von ihm getöteten fünfzig deutschen Soldaten abgenommen hat, veranlassen seinen Enkel Danny Loket dazu, auf den Spuren des Großvaters durch Europa zu reisen. Eines dieser Erinnerungsstücke ist ein Feldpostbrief des Wiener Fleischhauers Schmieg an dessen Frau und Tochter, den er aber nicht mehr abschicken konnte, weil er, als er Wache hielt, von Loket getötet wurde.

Schmiegs Enkelin Rosi wiederum verschlägt es von Wien nach Leipzig, wo sie sich bei dem mehr oder weniger zufälligen Besuch einer internationalen Fleischereifachmesse ihrer wahren Bestimmung bewusst wird: Sie absolviert eine Ausbildung zur Fleischermeisterin. An dem Tag aber, an dem sie ihre eigene Metzgerei „Rosi & Schlitz“ – Firmenlogo: eine Rose, die sich mit einem Messer kreuzt – in Leipzig eröffnen will, führen Danny Lokets Wege ihn just in Rosis Geschäft. Die beiden sind einander offenbar sofort sympathisch. Nur: Kann hier jemand noch an einen guten Ausgang glauben?

Es geht um die Wurst

Der Roman wird aus der wechselnden Perspektive von Enkel Danny und Enkelin Rosi erzählt, und so ist es denn ein verwunderter Kinderblick, der in diesem Buch auf die mörderische Vergangenheit, auf die unheimliche Gegenwart und auf die Eigentümlichkeiten des Fleischereigewerbes fällt. Es ist dies jener verfremdende Unschuldsblick, dessen eine gute Satire bedarf, um eine schlimme Zeit kenntlich zu machen, indem sie sie ins Groteske verzerrt. Das Problem des Romans besteht allerdings darin, dass er sich nicht entscheiden kann, ob er eine Satire auf die fleischverarbeitenden Berufe und ihre Kunden sein möchte oder eine Parabel auf eine Epoche, die in ihre apokalyptische Phase getreten ist oder zumindest zu treten droht.

In Rosis Wiener Kindheitserinnerungen führt Stavarič den Leser zunächst auf amüsant boshafte Weise in die kulinarischen Verlockungen und erotischen Reize der Fleischereien ein, aber schon die ausufernden Berichte über die sonderbaren Attraktionen auf der Leipziger Fleischereifachmesse verselbständigen sich mächtig und bringen die Erzählung nahezu zum Stillstand. Auf der anderen Seite nimmt in Danny Lokets Wahrnehmung die Wirklichkeit immer stärker apokalyptische Züge an – Käfer fallen vom Himmel, die Vögel verschwinden von der Erde, das Verkehrswesen kollabiert – , so dass es kein Wunder ist, dass ihn am Ende in Leipzig seine persönliche Apokalypse ereilt.

Tot ist nicht gleich tot

Dass Stavarič dabei auch Effekte nicht scheut, die man tarantinoesk wird nennen dürfen, möge exemplarisch die Vision einer Nazi-Rosi verdeutlichen, die Danny schon in New York zuteil wird: „Ich erkannte eine Frau mit einem Hackbeil, einer verschmierten Schürze, wie eine Fleischerin, sie kaute an Knochen (ich konnte Teile eines Schädels erkennen) und schien sich ihrer Sache ganz sicher zu sein. Sie trug eine Uniform mit Runen und Totenköpfen, über ihrer linken Brust ein Schriftzug, da stand ‚Obersturmbannführerin‘. Daneben die Initialen R. S.“ Natürlich hat der Leser zuvor schon von Rosi erfahren, dass das einzige Buch in der Wiener Wohnung ihrer Mutter, an das sie sich erinnern kann, „Mein Kampf“ gewesen sei.

Unklar bleibt dabei freilich, wie das alles zusammenhängt. Dass die Parallele zwischen dem Fleischereigewerbe und einer mörderischen Epoche – Hitler, Stalin, Serienmörder, Atomkraftwerke: Stavarič lässt nichts aus – ausschließlich in der Dämonie des Tötens begründet wird, hat jedenfalls nur einen geringen Erklärungswert. „Ich bin verflucht“, sagt Danny, bevor er Amerika verlässt: „Wir alle sind verflucht. Und ganz egal, woher dieser Fluch stammt, letztlich sind wir es, die damit leben müssen.“ Es ist aber keineswegs egal, woher der Fluch stammt, der über einer Epoche liegt. Der Roman überblendet indes die Szenarien des privaten und des universalen Schreckens auf eine Weise, dass tatsächlich am Ende alles egal erscheint – als lasse sich ein komplexer Weltzustand auf die Alternative Töten oder Getötetwerden reduzieren. Und deshalb legt der Leser diesen von Mari Otberg gefällig illustrierten Roman über das Fleischerdasein in unheilsgesättigten Zeiten am Ende einigermaßen ratlos aus der Hand.

Michael Stavarič: „Königreich der Schatten“. Roman. Mit Illustrationen von Mari Otberg. Verlag C. H. Beck, München 2013. 256 S., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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