Patrick Leigh Fermor: Die unterbrochene Reise

Vom Wunder des Ankommens - bis zum letzten Atemzug

Von Matthias Weichelt
 - 16:45

Es gibt Reisen, die um vieles länger dauern als gedacht. Und es gibt Reisen, die gar kein Ende nehmen, die weitergehen, bis der letzte Gefährte, der Knochenmann, den Wanderer auf einen neuen Pfad, in eine andere Richtung führt. Patrick Leigh Fermor, der große Reisende unter den Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts, war bis zu seinem Tod 2011 im Geiste unterwegs, tastete bis zum Schluss, mit immer schwächer werdenden Kräften, nach den Goldadern der Erinnerung.

Auch mit 96 Jahren wusste er noch um die jugendliche Neugier auf die weite, unbekannte Welt, um die Furcht, die Möglichkeiten seines Lebens zu versäumen, die den Achtzehnjährigen aus seinem als öde und nutzlos empfundenen Londoner Schülerdasein getrieben hatte. Im Dezember 1933 machte er sich auf den Weg, um zu Fuß bis nach Konstantinopel zu gelangen. Die aus einem tollkühnen Entschluss heraus angetretene Reise wurde zu einer Art Selbstbefreiung, ihr literarischer Nachvollzug zum Lebensthema: „Ein neues Leben! Freiheit! Etwas, worüber ich schreiben konnte.“

Beinahe erreichte er das Ziel

Etwa ein Jahr dauerte die Wanderung durch Holland, Deutschland und Österreich, durch Mitteleuropa und den Balkan. Vierzig weitere Jahre vergingen, bis 1977 mit „Die Zeit der Gaben“ der erste Band des verwegenen Abenteuers erschien, dem sich 1986 mit „Zwischen Wäldern und Wasser“ ein zweiter zugesellte. „Letzter Teil folgt“ stand damals als hoffnungsfrohe Botschaft auf der letzten Seite des Buches, die immer größere Schar der enthusiastischen Reisegefährten nahm es als feste Verabredung, als Versprechen, dass Paddy, wie ihn alle nannten, sie an der bulgarischen Grenze, am Eisernen Tor abholen und an den Ort der Verheißung führen würde, dessen Name wie ein Stern über der mäandernden Route leuchtete: Konstantinopel.

Patrick Leigh Fermor trug schwer an der Erwartung, die er selbst geschürt hatte, die unbedacht niedergeschriebenen Worte wurden zum Menetekel. Ohne zu wissen, wie viel Zeit ihm noch blieb, war er weitergewandert, hatte die Abenteuer seiner Jugend noch einmal bestanden und sein Ziel fast erreicht. Der nun zugleich auf Englisch und Deutsch erschienene Abschlussband der Trilogie, „Die unterbrochene Reise“, an dem er bis zuletzt arbeitete, wurde von seinen Freunden Colin Thubron und Artemis Cooper zusammengestellt. Er enthält Fermors unvollendetes, von den Herausgebern behutsam bearbeitetes Manuskript sowie ein erhaltenes Tagebuch, das die spätere Ankunft auf dem Berg Athos beschreibt.

Aus den Tiefen der Erinnerung

Entstanden ist ein Buch, das an die wunderbaren, farbenprächtigen, oftmals berührenden Schilderungen der früheren Bände anschließt (einmal mehr souverän ins Deutsche übersetzt von Manfred und Gabriele Allié), in manchen Passagen aber auch offener, verletzlicher wirkt als die gründlicher überarbeiteten älteren Fassungen. Und das etwas über das Schreiben, das Nacherzählen des längst Vergangenen mitteilt - also über die zweite, am Schreibtisch sich vollziehende Wanderschaft. Fermor war Anfang sechzig, als der erste Band seines langen Marschs erschien, mit Anfang siebzig legte er den zweiten vor.

Fast alle Tagebücher und Notizen waren verloren (der Verlust, sagte er einmal, schmerze ihn „wie eine alte Wunde bei feuchtem Wetter“), nur eine vergilbte Karte ließ noch den Verlauf der Strecke erahnen. Jeder Schritt musste noch einmal getan, jeder Stein noch einmal berührt, jedes Glas Wein noch einmal getrunken werden - hervorgeholt aus den Tiefen des Gedächtnisses und dem Gang der Erzählung eingefügt. Manchmal, klagte er, liege alles wie unter dichtem Nebel, sei kaum schemenhaft erkennbar: „Aber da, wo Vignetten der Erinnerung erhalten geblieben sind . . . , Erinnerungen, bei denen jedes Detail plötzlich greifbar wird, als richte man den Strahl einer Taschenlampe auf ein Relief in einer Höhle, da schmecke ich noch heute die Brombeeren, höre den Schrei der Eule und fühle das Fell des schwarzen Hundes.“

Bis zum letzten Atemzug

Die Not, kaum einmal auf Aufzeichnungen zurückgreifen zu können, wurde für Fermor zur schriftstellerischen Emanzipation. Die von der Erinnerung inspirierte Neuschöpfung musste mit Hilfe der Phantasie und Einfühlungskraft jene Lücken füllen, die zwischen einzelnen Episoden klafften. Erst durch die dichterische Sprache, das nachträgliche Finden der richtigen Wörter, des lebendigen Ausdrucks konnte dieses Epos der Weltdurchwanderung entstehen.

Und wie mühevoll das Schreiben war, davon legt gerade „Der Reise dritter Teil“ Zeugnis ab. Obwohl er als letzter erscheint, bildet er die Keimzelle, den Ausgangspunkt der Trilogie. Denn mit einer Beschreibung der Schlussetappe hatte Fermor in den sechziger Jahren begonnen, als er einen Zeitungsartikel über die „Freuden des Wanderns“ verfassen sollte, der sich zu einem siebzigseitigen Typoskript auswuchs. Bald merkte er, dass er noch weiter ausholen, ganz am Anfang beginnen musste. Der Atem für dieses homerische Vorhaben ging ihm in den letzten Jahren immer öfter aus, der Anspruch an sich selbst, die Worte fließen, die Sätze strömen zu lassen, war immer schwerer einzulösen. Und was diesem Anspruch nicht genügte, war eben auch nicht fertig, musste noch einmal vorgenommen und überarbeitet werden. Bis zum letzten Atemzug.

So endet die große Reise in der bulgarischen Stadt Burgas, fünfzig Meilen vor der türkischen Grenze. Sie ist Fragment und Monument zugleich. Und sie vermisst einen von den Verwerfungen des zurückliegenden Krieges gezeichneten Raum, der wie in Trance seinem zweiten Untergang entgegentaumelt. Jenen Lesern, die Patrick Leigh Fermor hier noch einmal an die Donau und durch die Walachische Tiefebene, nach Bukarest und ans Schwarze Meer folgen, wird der Stern Konstantinopels auch weiterhin leuchten. Und sie werden beherzigen, was der alte, junge Reisende mit zittrigen Fingern an den Rand seines Typoskripts schrieb: „die Augen offen halten“.

Patrick Leigh Fermor: „Die unterbrochene Reise“. Vom Eisernen Tor bis zum Berg Athos. Der Reise dritter Teil. Hrsg. Colin Thubron, Artemis Cooper. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Dörlemann Verlag, Zürich 2013. 464 S., geb., 26,-€.

Quelle: F.A.Z.
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