Vladimir Jabotinsky: Richter und Narr

Das Geheimnis der Delila

Von Jakob Hessing
 - 15:39

Wer in einer Geschichte der neueren russischen Literatur den Namen Vladimir Jabotinsky (1880 bis 1940) sucht, wird ihn kaum finden. In Odessa geboren, ging er um die Jahrhundertwende zum Jurastudium nach Italien und begann zugleich eine vielversprechende Journalistenkarriere als Auslandskorrespondent russischer Zeitungen. Doch im Frühjahr 1903 kamen die Pogrome von Kischinew, die für Russlands Juden von entscheidender Bedeutung waren und auch Jabotinskys Leben veränderten. Er wurde Zionist und lernte noch Theodor Herzl kennen, auf den er sich später berief, als er die zionistische Bewegung spaltete.

Die Pogrome hatten ihn zum Advokaten einer jüdischen Selbstwehr gemacht, und nach dem Ersten Weltkrieg wollte er in Palästina eine jüdische Legion aufbauen, als militärische Keimzelle eines künftigen Judenstaates, der neben dem heutigen Israel und seinen besetzten Gebieten auch Jordanien umfassen sollte. Dadurch geriet er nicht nur mit der damaligen englischen Mandatsverwaltung in Konflikt, sondern auch mit den realistischeren Zionisten unter Chaim Weizmann und David Ben-Gurion, und als die Engländer ihn aus Palästina entfernten, kam es zur Sezession. Als Jabotinskys militanter Flügel schließlich kurz vor der Staatsgründung wieder der zionistischen Bewegung beitrat, war er selbst schon tot, aber in Menachem Begin und der heutigen Likud-Partei hatte er Schüler und Nachfolger gefunden.

Kein Propagandawerk

Vladimir Jabotinsky ist also der geistige Vater der politischen Rechten in Israel, und daher ist es nicht verwunderlich, dass die Annalen der russischen Literatur ihn bisher kaum verzeichnet haben. Erst nach dem Untergang der Sowjetunion konnte in Minsk eine neunbändige Ausgabe seines umfangreichen Werks erscheinen, und sie macht es nun auch möglich, ihn für die deutschen Leser neu zu entdecken.

Mit dem Roman „Die Fünf“ hat Die Andere Bibliothek vor Jahresfrist dieses Projekt begonnen, nun folgt „Richter und Narr“. Das ist ein Epos vom Leben und Tod des Simson, jenes biblischen Herkules, der furchtbare Rache an den Philistern nimmt. Es entstand, während Jabotinsky seinen Traum von einer jüdischen Legion in die Tat umzusetzen versuchte: 1927 erschien es als Fortsetzungsroman in einer zionistischen Zeitschrift in Paris und wurde bald auch ins Deutsche übersetzt. Der politische Hintergrund lässt zunächst den Verdacht aufkommen, es handelte sich um ein Propagandawerk, aber die meisterhafte Neuübersetzung von Ganna-Maria Braungardt hält eine Überraschung bereit: Jabotinskys Simson-Roman ist ein Kunstwerk, das weit über seine ideologischen Voraussetzungen hinauswächst.

Simsons Seele als politische Allegorie

„Dieses Buch entstand völlig unabhängig von der biblischen Überlieferung“, heißt es in einem kurzen Vorwort, und man darf das verschärfen: Jabotinsky schreibt die biblische Überlieferung radikal um. Wie alle Zionisten der ersten Stunde ist er ein säkularer Jude und kennt keinen göttlichen Heilsplan, der die Geschicke des Helden lenkt, es sind nur menschliche und allzumenschliche Verstrickungen, die Simsons Handlungen bestimmen. Der starke Mann der Vorzeit ist fürwahr Richter und Narr: Richter, weil er den noch nicht vereinigten Stämmen kein König sein kann und nur in einem Teilbereich des zukünftigen Reiches Recht spricht; Narr, weil die Übermacht der Philister sich vorerst nicht abschütteln lässt und er vor ihnen Späße treibt, um seine politischen Ambitionen zu verbergen.

So sahen die Zionisten den Zwiespalt in Simsons Seele. Sie lasen diesen Roman als politische Allegorie, in der sich Simson zu den Philistern verhält wie Jabotinskys militanter Nationalismus zur englischen Mandatsmacht. Diese Deutung hat ihre eigene Logik, in Wahrheit aber reicht die Spaltung noch viel tiefer und setzt einen Konflikt in Jabotinsky selbst frei: Der Künstler in ihm untergräbt die Anschauungen des Politikers.

Veränderte Überlieferung

Neben vielem anderem ist „Richter und Narr“ ein spannender Abenteuerroman, und nicht zufällig verfilmte Cecil B. DeMille ihn 1949 in Hollywood als „Samson und Delilah“. Der Film nahm einen Teil der Vorgeschichte auf, die Jabotinsky der Delila gibt, aber er verkitschte sie zugleich. Leben und Sterben des mythologischen Helden wurden zum blutrünstigen Melodram, und die böse Verführerin blieb die femme fatale der Bibel – eine Komplizin der Philister, die am Ende zwar Reue zeigt, aber nicht mehr die symbolische Bedeutung hat, die dem Roman seine Vieldeutigkeit verleiht.

Die Bibel berichtet nur, dass der junge Simson eine Tochter der Philister heiratet und sie bald darauf im Streit verlässt. Als er zurückkommt, hat der Schwiegervater sie schon wieder an einen Gesellen vergeben und bietet ihm ihre jüngere Schwester zum Ersatz an, doch im Zorn verwüstet Simson die Felder der Philister, und im Gegenzug ermorden sie seine Frau und deren gesamte Familie. So beginnt eine Fehde, die erst nach vielen Jahren endet, als der geblendete Simson den Tempel der Philister zum Einsturz bringt.

Dililas Tragödie ist Simsons Tragödie

Jabotinsky verändert diese Überlieferung an einer entscheidenden Stelle. Er lässt die jüngere Schwester, mit der der Schwiegervater das Unglück abwenden wollte, nicht nur überleben, er macht sie auch zu einer Hauptfigur seines Romans. Schon vor Simsons Hochzeit ist sie in ihn verliebt, später entkommt sie dem Gemetzel und wird in fernen Ländern zu einer erfahrenen Kurtisane, schließlich begegnet sie ihm abermals.

Jetzt nennt sie sich Delila, aber Simson erkennt sie nicht, denn wie er weiß auch sie sich zu verstellen. Sie verbringen berauschende Liebesnächte miteinander, in der Ekstase nennt er sie beim Namen seiner ermordeten Frau, und das ist die Wende. Delilas Liebe schlägt in Hass um; seine Haare schneidet sie ihm nicht im Auftrag der Philister ab, wie es in der Bibel steht, sondern als geschmähte Frau, die sich an ihrem Geliebten rächt; und am Ende wird sie in den Trümmern des Tempels mit ihm sterben – gemeinsam mit dem Sohn, den er ihr gezeugt hat.

Simson hat die Frau seiner Jugend geliebt: Das ist nicht nur die Tragödie der Delila, es ist auch Simsons eigene, verborgene Tragödie. Um ihr auf den Grund zu kommen, muss man eine weitere Nuance beachten, mit der Jabotinsky die biblische Geschichte verändert. Delila ist nicht die Schwester, sondern die Halbschwester seiner ermordeten Frau, die Tochter einer fremden Sklavin. Als Fremde hasst sie die Philister, als Fremde will sie sich mit dem Fremden Simson verbinden, er aber ist den Philistern zugetan. In den Kampf gegen sie zieht er erst, als sie seine Frau, seine geliebte Philisterin, ermorden.

Mit der Intuition des Künstlers

Der biblische Held, der die Israeliten von den Philistern befreien soll, steht ihnen bei Jabotinsky heimlich nahe – und was empfindet er dann für seine eigenen Stämme? Eine tiefe Ambivalenz durchzieht den Roman in dieser Frage. Immer wieder wird spürbar, dass Simson die höhere Kultur der Philister bewundert, dass er die Primitivität seiner Stämme verachtet, und einmal beobachtet er ein Ritual der Philister: „Plötzlich hob der Priester rasch, fast unmerklich, den Stock, und die weißen Gestalten auf dem Platz sanken auf das linke Knie und warfen die rechte Hand gen Himmel – mit einer einzigen Bewegung, mit einem einzigen kurzen Sausen, alle zugleich. Der zehntausendköpfigen Menge entfuhr ein Seufzen oder Stöhnen; Simson wankte und bemerkte, dass er sich Blut ableckte – so heftig hatte er sich auf die Lippe gebissen.“

Solche Szenen zitierte die zionistische Linke, wenn sie Jabotinskys faschistischen Blick brandmarken wollte, den er auf die Menge richtete, und sie hatte damit nicht ganz unrecht. Gern hätte er die zerstrittenen Juden in den Krieg für das Vaterland geführt, den die Linken ihm verweigerten, der Schriftsteller aber wusste es besser als der Politiker. Ein totalitärer Führer liebt sein Volk nicht, wie er es vorgibt, er ist ihm in Wirklichkeit fremd und verachtet es. Das musste Jabotinsky nicht erst bei Stalin und später bei Hitler lernen, das wusste er mit der Intuition des Künstlers.

Gegen Ende seines Lebens, als Simson schon gefangen und geblendet ist, kommt noch einmal ein Israelit zu ihm, um sich Rat zu holen. Zuerst schickt er ihn unwirsch fort, dann aber ruft er ihn zurück: „Drei Dinge richte ihnen von mir aus: Sie sollen Eisen horten, sie sollen einen König wählen, und sie sollen lachen lernen.“Es ist ein bitteres Lachen, das Simson seinen Stammesgenossen aufträgt.

Vladimir Jabotinsky: „Richter und Narr“. Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Kometen der Anderen Bibliothek, Berlin 2013. 382 S., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
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